Mittwoch, 20. Januar 2016

Im Hafen


15. Januar 1911, Hamburgischer Correspondent
(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971)


Unkenntnis des kaufmännischen Berufes führt zu dem Gedanken, dass alle Prosa der Welt in ihm einbegriffen ist. Wer aber, und sei es noch so oberflächlich, hineinsieht und erkennt, was hanseatische Arbeit und hanseatisches Schaffen bedeutet, der spürt es nur zu rasch, dass Hamburgs Handel in seiner Gesamtheit eine welteneinende, erdumspannende Macht bedeutet. Dass hamburgische Kraft, Entschlussfähigkeit und weitblickendes Tun eine harte, schwere, nie aussetzende Siegesarbeit bedeutet, eine gewaltige, deutsche Eroberung der Welten auf dem mächtigen Gefilde friedfertiger Invasionen. Der erkennt, dass die freie Republik Hamburg mitten in dem monarchischen Staatenverbande des geeinten Deutschen Reiches der unbestrittene Sitz ist der siegreichsten, unregistrierten Großmacht der Welt, der Großmacht des Königlichen Kaufmanns!


Wer aber die herbe und einzigartige Poesie voll und ganz empfinden will, die über Hamburgs Handel liegt, der muss sich von jenem ihm eigenen Wellenodem anhauchen lassen, der nirgends so deutlich zu empfinden ist wie an Wochentagen im Hafen. Die unsichtbaren, aber unzerstörbaren Stahltrossen handelnder Gedanken und Entschlüsse, die deutschen Handel mit den entlegensten Teilen des Erdenballes verbinden, sie scheinen von hier ihren Ausgangspunkt zu haben. Alle Zonen sind uns dort, greifbar fast, nahegerückt. Die Möglichkeit einer fasslichen Erdumspannung wird zum Verstehen. Die Verwischung der von Menschenhänden gezogenen Ländergrenzen durch Taten der Überlegenheit menschlichen Kulturgeistes wirkt in Hamburgs mächtigem, sich immer gewaltiger streckenden Handelshafen auf jeden denkenden Menschen mit überwältigender Wucht und eindringlicher Äusserungskraft. Das peinlich genaue Ineinandergreifen der zahllosen, mit ihres Leibes Kräften arbeitenden Leute, die in lückenloser Kette Bruchteile der gewaltigen Gedankenarbeit ausführen, die in ständigem geistigem Überlegen, Planen und Vorausberechnen der Handelsherr leistet. Das gibt die Begleitung zu dem hellen, klingenden Leitmotiv der Arbeit, das überall aus dem werktäglichen Getriebe des Hafens heraus zu hören ist.

Vom Rödingsmarkt her dringen dumpfe Rammtöne, hallt mit schmetterndem Laut das dröhnende Aufschlagen der Hammer auf die eisernen Brückenpfeiler der anwachsenden Hochbahn. Sie zwängt sich am ende der Straße keck hinein in das Gewässer des Hafens. Sie drängt sich, voll von der Überzeugung ihrer notwendigen Daseinsberechtigung zwischen die dort lagernden Schuten und runden Boote, die sich förmlich verblüfft ob des unbekannten Neuen enger an die Ufermauern pressen. Ein köstlich frischer Tag, just recht für eine Barkassenfahrt im Hafen. Frost lief mit leichtem Nordostwind spielend über die Straßen. Ab und an nickte die Sonne herunter, anscheinend anderweitig stark beschäftigt. In glitzernden, scharfen Zacken hing frosterstarrtes Wasser an den Bootsrändern, zog sich als blitzendes, breites Eisband von den Luken her, wo die Wasserpumpe tätig gewesen war, bis hinab zu den Elbwellen, die wie spielende Hunde immer wieder am dunklen Schiffsrumpf empor sprangen.

Zur Abgewöhnung und dringend nötigen Erwärmung des inneren Menschen wurde noch rasch ein Eisbrecher genehmigt. Dann ging es mit aufnahmefrohen Sinnen auf die winterfrischen Hafenwasser, die an unserer Barkasse so lange zupften und zerrten, bis sie sich ungeduldig zu regen begann. Jetzt ein Ruck am Hebelwerk, die Barkasse holte schnaufend und rasselnd Atem und in hastender Fahrt ging es hinein in den Hafen, in planlosem Genießen und unausgesetzten, kinematographisch raschen Aufnahen des Bewusstseins, des zu doppelten Kräften erwachten Beobachtungsvermögens.
Aus der Werft von Blohm & Voss hallt es herüber über die Wasser, ein Surren und Krachen, Hämmern und Pfeifen, ein kochendes Zischen in sonderbarem Gemisch. Von den endelosen Kais her geht ein Dröhnen der Arbeit aus. In bewusstem Tun rollen die schweren Kräne auf gleitenden Eisenschienen vor die Schiffsluken und fassen mit starken Riesenarmen nach den unbeweglich schweren Warenballen. Ein Reigen, ein Handgriff, ein leichtes Aufrichten und rasches Abwärtsgleiten bis tief hinunter in die abgründigen Lagerräume der Riesenschiffe. Dann ein Ruck, einförmlich triumphierendes Hochschnellen der Eisentrossen und die Arbeit rollt von neuem im unaufhaltsamen Gleichmaß weiter.
Das Heulen der Schiffssirenen klingt wie ein wild auffahrender Schrei dazwischen, der hastige, kurze Warnruf eines Motorbootes zerreißt die frostklare Luft mit schneidend hellem Laut. Voll und dunkel, mit machtvoll schwerem Dröhnen, erhebt ein scheidender Ozeandampfer seine tiefe, mahnende Stimme zu dumpfem Abschiedssang, dass man die erzeugten Schallwellen förmlich körperlich fühlbar nachschwingen spürt.

An der Schiffswand der „Swakopmund“ hocken auf schwankenden Tauleitern arbeitende Leute. Am Hintersteven sind auf festerem Gerüst lohende Schmiedefeuer angefacht. Die heiße, rote Glut und der harte, heilende Hammerschlag merzen die kranken Stellen am mächtigen Leib des Wasserriesen aus.
Nicht weit davon liegt die „Amerika“. Die stolze Schöne braucht schon wieder einmal – wohl ihr hundertundtausendstes – neues Kleid. Reisetoiletten sind ein teures Vergnügen für allerlei weibliche Spezies.  

In sacher Neugier heben sich die gelblichen Fluten der Elbe. Unerwartet rasch stürzt die keckste unter den Wellen über unsere Bootsspitze. Sie kann sich kaum fassen und sammeln vor schäumenden Lachen, als sie sieht, dass ihre Hände, wo sie auch hinfasste, feuchte, schwere Spuren hinterlassen haben.
Langsamer geht es nun einer der ungezählten Stauschleusen zu. In geisterhaft tonlosem Gleiten schieben sich vor uns die schweren, eisenbeschlagenen Türen zurück, um sich ebenso Schattenhaft wieder hinter unserer Barkasse zu schließen, als seien es Charons Tore gewesen. Draußen aber ist wieder lachendes, tätiges Leben.
Ballen werden in Leichter verladen, Ballen voll Ölkuchen, die aus den entfetteten Palmenkernen zu Viehfutter verarbeitet werden. Weiter ab liegen an den Getreideschiffen die graugelben Maschinen, die die Körner auffangen und in die Getreideboote in unaufhaltsamem, wohlgeschütztem Rinnsal niedergleiten lassen.
Wechselnde Bilder ziehen vorüber in rascher Aufeinanderfolge. Hier kreuzt unseren Weg eine vollbesetzte, grüne Fähre, da wuchtet über das breite verdrängte Fahrwasser ein plumper, massiger Elbkahn, der in seiner gedrungenen, schwerfälligen Form wie ein fossiles Untier zwischen all den neuzeitlichen Schiffsarten aussieht. Plötzlich ist es, als ginge da ein Mensch mit hochschäftigen Transtiefeln über die schwankenden Wasser, nur gestützt auf eine lange Stakstange, bis die zwei starken Baumstämme, die miteinander fest vertäut sind, sichtbar werden, auf denen der Mann Flößerarbeit verrichtet. Aber es ist ein anderes Handwerk wie auf den stilleren Binnenschiffen. Von hin und her eilenden Dampfern und Barkassen zu ewiger Unruhe angetrieben, hasten die Wellen in starkem Treiben über die unter der Wasserfläche liegenden Stämme, umspülen die Füße des Flößers, heben und senken seinen unsicheren Halt in unerwarteter Gegenbewegung, dass selbst sein Gesichtsausdruck die starre Anspannung all seiner Kräfte und Sinnesorgane anzeigt.
Unsere Fahrt geht an einem älteren Dampfer der Hapag vorbei. Mit verschmitztem Grinsen schiebt unser Barkassenführer seinen Priem von einem Mundwinkel in den anderen, spuckt in kunstgerechtem weitausholendem Bogen und erklärt uns des Dampfers Daseinszweck: „Dat ’s  die Grot-Hotel vor die Streickbrechers!“

Und wieder eine kleine Drehung: wir laufen in das Mastenreich des stolzen Segelschiffhafens ein. Da liegt der „Engelhorn“, der ungeschickte englische Vetier, der die „Pommern“ so derb angerempelt hat. Sein Bugspriet zeigt derbe Kratzwunden. Sie wehrte sich wohl und er braucht jetzt dringend nötig heilende Hände. Backbord zeigt er ein paar Fäuste großes, mit Holz vernageltes und mit Segeltuch verstopftes Loch. Er sieht aus, als hätte er schwere See gehabt. Nicht weit von ihrem unfreundlichen Kameraden hat die arme „Pommern“ festgemacht. Hier und da eine Rahe geknickt, schwere Schrammen am Rumpf und die Steuerbordseite des Hinterstevens, dicht in der Nähe des Ruderrades, tief hinunter aufgerissen, zerspellt wie ein Nichts die starken Wandungen, weit offen der breiten Wunde großer, starrer Mund. Als hätten kampfestolle Wikinger bei hartem Wetter mit zähem Todesmut die „Pommern“ geentert. Schlachtennot scheint sei herbe verkostet zu haben. Wer aber ehrliche Wunden trägt, darf sich der Narben freuen.
Das weißgrüne Kupferkleid von St. Katharinen flimmert wie ein Festgruß herüber. Der satte, warme Farbenton von St. Petri hält sich wie in stillem Abwarten etwas zurück, als wir wieder an Land gehen. Mit einem so frohen, lebensfrischen Gefühl, als hätte die Hafenfahrt, der Wasseratem uns des Alltags staubigen Qualm ansichtbar von Leib und Seele genommen.

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