In dem Blogpost über das Parseval-Luftschiff berichtete Elinor über ihre Eindrücke vom Flugplatz in Ohlsdorf. Tatsächlich mitgeflogen im Parseval ist eine ihrer Kolleginnen vom Hamburgischen Correspondenten. Am 15. Juni 1911 schrieb Anna Sussmann-Ludwig über eine Nachtfahrt mit dem Parseval.
„Ich habe
geflogen“ oder „ich bin geflogen“?
Noch stehen
wir in lebhafter Debatte über die einwandfreie Lösung dieser so unendlich
wichtigen Frage, als ein Kollege in beschleunigtem Tempo die Front der des
Aufstiegsschauspiels harrenden Zuschauer ablief und mit einem kurzen:
„Wollen Sie mitfahren? Es ist noch ein
Platz in der Gondel!“, mir die Aufforderung der Leitung zu dem Nachtflug
überbrachte.
Theorie und Praxis! Eben noch debattierten wir, und kaum fünf
Minuten später flog auch ich, ohne auch nur noch mit einem einzigen Gedanken
über „habe“ oder „bin geflogen“ nachzudenken. Die Gegenwart war das einzige.
„Ich flog!“ Flog, als ob das etwas ganz selbstverständliches wäre, und nicht
etwa eine ganz neue Etappe in meinem ohnehin an Abwechslungen und Erlebnissen
nicht ganz armen Leben. Und dabei merkte ich, wenn ich ganz aufrichtig sein
soll, nicht einmal etwas von der Kühnheit des Unterfangens. Der Parseval glitt
so ruhig, so ohne Schwankung und ohne die geringste Vibration, die mir bei
Schiffen immer viel unangenehmer und
störender als selbst das ärgste Rollen oder Schaukeln, durch die Stille der
Nacht dahin, dass erst ein Hinunterblicken auf die Felder und Häuser von Ohlsdorf,
auf das Lichtermeer der sich vor uns, neben uns, um uns dehnenden Stadt mir es
zum Bewusstsein bringen musste, dass wir als Segler der Lüfte durch das
nächtliche Schweigen zogen.
Vor uns der
Abendstern. Aufrecht stehend, leuchtenden Blickes zogen wir ihm entgegen. Nicht
mehr als armselige Zwerglein des Alltags, sondern als stolze Bezwinger der
Lüfte, denen alles Lastende, Erdenschwere, Niederdrückende abgestreift zu sein
schien. So lebensfreudig und arbeitsfrisch wie auf dieser köstlichen Fahrt
fühlte ich mich vielleicht nur noch ein einziges Mal zuvor. Vor mehr als einem
Jahrzehnt auf dem Hapag Passagierdampfer
Columbia beim Anblick der Mitternachtssonne in der Adventsbay bei
Spitzbergen!
Wie alles
Große, Schöne im Leben, ging auch diese Episode
leider viel zu rasch dahin. Glatt, sanft, fast möchte ich sagen
unglaublich sanft landete die Gondel. Die Erde hatte uns wieder. Nicht mit
einem Lebewohl, sondern mit einem hoffentlich auf Wiedersehen, und zwar auf
recht baldiges, verabschiedete ich mich dankend vom Parseval und seinem Führer.
Sie beide hatten geflogen, denn ihrer war die Arbeit, die Leistung, während
mir, die sich ganz passiv verhalten, die Freude, der Genuss geworden.“
(Der Text stammt aus dem im März erscheinenden Buch "Parseval in Sicht!")
Es muss, man liest es aus den Zeilen heraus, ein unglaubliches Gefühl gewesen sein, zu jener Zeit als Frau in den Genuss eines fluges mit einem Luftschiff zu kommen.
Sie beschreibt es ja in ihrem Vergleich mit der Fahrt auf der Columbia. Dazu wollte ich mehr erfahren. Wann genau, und unter welchen Umständen fand diese Fahrt nach Spitzbergen statt?
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Bildquelle |
Der Hapag Doppelschraubendampfer Columbia, erbaut bei den
Laird Brothers in Birkenhead, machte seit Beginn der 1890er Jahre ausserhalb
des Fahrplanes Sonderreisen – die Nordlandfahrten.
Die Columbia war ein prachtvolles Schiff. Ihre drei großen
gelben Schornsteine, ihr schlanker Körper, ihre elegante Decklinie verliehen
ihr etwas ungemein Rassiges. Die Columbia war eines der ersten Schiffe mit
einem fest überdachten Promenadendeck, wodurch noch ein zweites Deck geschaffen
worden war, das man nach der Sonne benannte. Die prunkvolle Inneneinrichtung
lieferte die Firma Bembe aus Mainz. Die behaglichen Kabinen boten für zwei
Passagiere genügend Raum.
Bei einer dieser Nordlandfahrten vom 20. Juli bis 9. August 1895 stieß die Columbia bis
Spitzbergen vor.
Auf der Internetseite Stolpersteine-Hamburg findet man weitere biographische Angaben zu Anna Sussmann-Ludwig.
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