Sonntag, 6. Dezember 2015

Anna Eva Sussmann-Ludwig

In dem Blogpost über das Parseval-Luftschiff berichtete Elinor über ihre Eindrücke vom Flugplatz in Ohlsdorf. Tatsächlich mitgeflogen im Parseval ist eine ihrer Kolleginnen vom Hamburgischen Correspondenten. Am 15. Juni 1911 schrieb Anna Sussmann-Ludwig über eine Nachtfahrt mit dem Parseval.


„Ich habe geflogen“ oder „ich bin geflogen“?
Noch stehen wir in lebhafter Debatte über die einwandfreie Lösung dieser so unendlich wichtigen Frage, als ein Kollege in beschleunigtem Tempo die Front der des Aufstiegsschauspiels harrenden Zuschauer ablief und mit einem kurzen:
         „Wollen Sie mitfahren? Es ist noch ein Platz in der Gondel!“, mir die Aufforderung der Leitung zu dem Nachtflug überbrachte. 
Theorie und Praxis! Eben noch debattierten wir, und kaum fünf Minuten später flog auch ich, ohne auch nur noch mit einem einzigen Gedanken über „habe“ oder „bin geflogen“ nachzudenken. Die Gegenwart war das einzige. „Ich flog!“ Flog, als ob das etwas ganz selbstverständliches wäre, und nicht etwa eine ganz neue Etappe in meinem ohnehin an Abwechslungen und Erlebnissen nicht ganz armen Leben. Und dabei merkte ich, wenn ich ganz aufrichtig sein soll, nicht einmal etwas von der Kühnheit des Unterfangens. Der Parseval glitt so ruhig, so ohne Schwankung und ohne die geringste Vibration, die mir bei Schiffen  immer viel unangenehmer und störender als selbst das ärgste Rollen oder Schaukeln, durch die Stille der Nacht dahin, dass erst ein Hinunterblicken auf die Felder und Häuser von Ohlsdorf, auf das Lichtermeer der sich vor uns, neben uns, um uns dehnenden Stadt mir es zum Bewusstsein bringen musste, dass wir als Segler der Lüfte durch das nächtliche Schweigen zogen.
Vor uns der Abendstern. Aufrecht stehend, leuchtenden Blickes zogen wir ihm entgegen. Nicht mehr als armselige Zwerglein des Alltags, sondern als stolze Bezwinger der Lüfte, denen alles Lastende, Erdenschwere, Niederdrückende abgestreift zu sein schien. So lebensfreudig und arbeitsfrisch wie auf dieser köstlichen Fahrt fühlte ich mich vielleicht nur noch ein einziges Mal zuvor. Vor mehr als einem Jahrzehnt auf dem Hapag Passagierdampfer Columbia beim Anblick der Mitternachtssonne in der Adventsbay bei Spitzbergen!
Wie alles Große, Schöne im Leben, ging auch diese Episode  leider viel zu rasch dahin. Glatt, sanft, fast möchte ich sagen unglaublich sanft landete die Gondel. Die Erde hatte uns wieder. Nicht mit einem Lebewohl, sondern mit einem hoffentlich auf Wiedersehen, und zwar auf recht baldiges, verabschiedete ich mich dankend vom Parseval und seinem Führer. Sie beide hatten geflogen, denn ihrer war die Arbeit, die Leistung, während mir, die sich ganz passiv verhalten, die Freude, der Genuss geworden.“ 

(Der Text stammt aus dem im März erscheinenden Buch "Parseval in Sicht!")

Es muss, man liest es aus den Zeilen heraus, ein unglaubliches Gefühl gewesen sein, zu jener Zeit als Frau in den Genuss eines fluges mit einem Luftschiff zu kommen.
Sie beschreibt es ja in ihrem Vergleich mit der Fahrt auf der Columbia. Dazu wollte ich mehr erfahren. Wann genau, und unter welchen Umständen fand diese Fahrt nach Spitzbergen statt?

Bildquelle  

Der Hapag Doppelschraubendampfer Columbia, erbaut bei den Laird Brothers in Birkenhead, machte seit Beginn der 1890er Jahre ausserhalb des Fahrplanes Sonderreisen – die Nordlandfahrten. 

Die Columbia war ein prachtvolles Schiff. Ihre drei großen gelben Schornsteine, ihr schlanker Körper, ihre elegante Decklinie verliehen ihr etwas ungemein Rassiges. Die Columbia war eines der ersten Schiffe mit einem fest überdachten Promenadendeck, wodurch noch ein zweites Deck geschaffen worden war, das man nach der Sonne benannte. Die prunkvolle Inneneinrichtung lieferte die Firma Bembe aus Mainz. Die behaglichen Kabinen boten für zwei Passagiere genügend Raum. 
Bei einer dieser Nordlandfahrten vom 20. Juli bis 9. August 1895 stieß die Columbia bis Spitzbergen vor.

Wenn man sich näher mit der Person Anna Sussmann-Ludwig beschäftigt und dieses von abenteuerlichen Ereignissen gespickte Leben sieht, dann stimmt es einen traurig, wenn man erfährt dass ihr Leben durch einen Suizid endete.
Auf der Internetseite Stolpersteine-Hamburg findet man weitere biographische Angaben zu Anna Sussmann-Ludwig.

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