Sonntag, 6. September 2015

Lübecks sonderbarste Kirche


08. Mai 1910, Hamburgischer Correspondent

In unserer Zeit blendender Erfindungen, nüchterner Tatsachen und hastender Unruhe gibt es so mancherlei nachdenkliche Leute, die noch gern hinüber lauschen auf das, was voll Kraft und Eigenart das deutsche Mittelalter sang und schuf, die mit liebevoller Andacht dem nachgehen, was der Väter Geist und köstlicher Kindersinn und hinterließ an gewaltig getürmten Bauwerken und sonderbar schönen Bildnereien, die allesamt bis ins kleinste hinein kristallisierte Gedanken und Empfindungen enthalten und darstellen. Für jene besonderen unter den Leuten ist Lübeck, das frühe Haupt des mächtigen Hansabundes, dessen Name ja in der jüngsten wirtschaftlichen Bewegung wieder zu Ehren kommt, eine der köstlichsten und schier unerschöpflichsten Fundgruben.
Und es ist sonderbar.
Als ob die Gewalt, die förmlich bannende Macht scheinbar verflüchtigter Zeiten dort überragend und noch lebensfähig wären - scheint alles Neuzeitliche im alten Lübeck ein erzwungenes Schattendasein zu führen. Ja, es wirkt fast störend für das Gesamtbild des alten Stadtteils, dass dort elektrische Bahnen sich mühsam auf den Straßen vorwärts bewegen müssen. Sie passen nicht zu der stillen Versonnenheit, die sogar bei den Jahrhunderte alten, nicht mehr benutzten Trave-Speichern am hellen Mittag sichtbarlich umgeht.


Aber ein sonderlich Ding gehört in die Mauern dieses norddeutschen Nürnbergs wie kaum ein anderes - es fügt sich hinein in das Urüberkommene mit all dem verwitterten und sich neigenden Leben der alten Männlein und Weiblein, das es betreut – gleich einem Endvers aus Walter von der Vogelweides letztem Lied: „Ade Frau Welt“ – es ist das „Hospital zum heiligen Geist“, unweit des alten Burgtors gelegen. Ebenso merkwürdig wie die eigenartige Einrichtung dieses sogenannten „Spitals“ ist auch die Tatsache, dass seine Existenz und sehenswerte Beschaffenheit nur einem Bruchteil aller Lübeckfahrer bekannt wird.
Der Sage nach ward die Heilig Geistkirche, ein gotischer Backsteinbau, 1286 von dem Lübecker Bürger Mornewech, der es durch selbsteigene Kraft zum  reichen, angesehenen Handelsherrn gebracht hatte, gegründet.
Gekappte Lindenbäume umdrängen den Eingang zur Kirche, in die man durch eine frühgotische Kapelle gelangt, in der vier Altarschreine aus dem 15. Jahrhundert hängen, aus starkem Eichenholz in realistischer Schönheit geschnitzt, wo uralte Al Fresco Gemälde beim Abwaschen der gekalkten Wände wieder in stillem Triumph zum Vorschein kamen – hinein in den langgestreckten Bau des inneren Kirchenraumes, den jenes gewisse Licht durchgleitet, das einen der Hauptreize altüberkommener Kirchen bildet.

Im Schiff der Kirche reihen sich aus weißgestrichenem Holz aufgeführte kojenartige Zimmer Wand an Wand eng aneinander, deren schmale Türen auf einen freigelassenen Gang münden. In diesen schmalen Kojen hausen gegen 158 alte Männer und Frauen, und wo man auch hinsieht – und die verwitterten Leutchen zeigen mit Stolz ihre Behausung – herrscht schiffsmäßige Sauberkeit und stillgewordene Zufriedenheit. Über jeder Koje steht auf dunkelschwarzem Grund der Name des Bewohners nebst dem Datum seines Eintritts in das Schiff; eigen mutet es an – fast kirchhofsmäßig, jene Inschrift da oberhalb der dämmerigen Altenstube. Die verhutzelten Leutchen aber sind noch voll des interessierten Lebens. Mit 60 Jahren dürfen sie in das Stift aufgenommen werden, sie zahlen dafür 60 Mark ein. In der Woche werden ihnen zu reichlicher Atzung 3 Pfund Fleisch, 2 Brote, ein drittel Pfund Butter und Milchsuppen zugeführt, außerdem ein Wochengeld von 1,80 Mark, wofür sie sich ihr Abendbrot besorgen. Die Einrichtung ihrer Kojen bringen sich die Alten selbst mit – dies im Alter so schwierige Verpflanzen geht durch die Umgebung altgewohnter Gegenstände besser vonstatten – und urgemütlich zusammengedrängt in einem Raum von nur 2 Meter im Quadrat stehen Bett, Kommode, Speiseschrank, Stühle und Tisch – die Warmwasserheizung geht unter den Bettpfosten hindurch, - „eine ganz wunderschöne Einrichtung“, meint voll Anerkennung unser alter Führer, „immer ein bisschen warm um die Nase und die Füße.“ Die Luftverhältnisse werden geregelt durch ein vergittertes Klappfenster, das in die zwei Meter hohe Zimmerdecke eingelassen ist und natürlich in den Innenraum der hohen Kirche führt. Die Stiftsordnung beschränkt die alten Leutchen keineswegs in ihrer Freiheit; sie dürfen, ohne Urlaub anzugehen, verreisen und erhalten dann ihr Wochengeld ruhig weiter gezahlt. Auf Schritt und Tritt begegnet man geschäftig umherwackelnden Alten, die, wie jene Figuren der Altarschreine, von vergangenen Jahrhunderten geformt und geschnitzt zu sein scheinen und nur für den Rest einer kurzen Spanne Zeit zur Wandlungsfähigkeit berufen sind.

Den Männern steht ein großes Rauchzimmer zur Verfügung, in dem sie Karten spielen und lesen dürfen. Schon allein durch den anheimelnden Tabakgeruch ist dieser sonnendurchwärmte Männersaal viel behaglicher als das nordwärts gelegene, etwas düstere Gemeinschaftszimmer der Frauen, dessen ureigentliche Gemütlichkeit einigermaßen durch ein gewichtiges Betpult gestört wird, das durch seine feierlich aufdringliche Anwesenheit dem Ganzen einen mehr kirchlichen Anstrich gibt.
Im abgeschlossenen Klostergärtlein dieses sonderbarsten aller Spitäler sitzen die Stillen unter den nicht immer stillgewordenen Alten, während die Andern mit hellen Äugelein auf den Bänken vor den Kirchentüren hocken und eifrig das junge Leben draußen auf der „Weltstraße“ besehen und bereden. Vier Krankensäle befinden sich in einem Anbau, wo auch die große Küche liegt, deren Fleischkessel 250 Pfund auf einmal schlucken kann. Um 6 Uhr, zur Abendbrotzeit, füllt sich die Küche mit trippelnden Leutchen – ein langer Gasherd von 80 Flammen wird mit geschäftigem Eifer von den Männern ebenso geschickt benutzt wie von den des Kochens sonst kundigeren Frauen. Sie wärmen sich die Reste ihres Mittagessens oder braten sich die so beliebten Pfannkuchen, - die Frauen rasch oder mehr mit dem Gleichmut alter Gewohnheit, die Männer aber mit tiefgründigem Ernst, wie er zu einer so lebenserhaltenden Staatsaktion dringend vonnöten erscheint. Gewichtig wird alles bemessen und abgezirkelt, - und stolz zeigt ein Alter sein Werk: sechs hoch übereinander gestapelte Pfannenkuchen, so gleichmäßig in der Farbe und Stärke wie die runden Knöpfe eines königlich preußischen Soldatenwaffenrocks.

Langsam erhob sich aus der entferntesten Kirchenecke die Dämmerung und glitt behutsam von einer stillen Koje in die andere. Auf den harten Steinfliesen hallten kurze Trappelschritte, und die älteste Frau des Stiftes kam mit neugierigen Äuglein auf uns zu. Mit jener Redseligkeit, die Alter und Kindheit gemeinsam besitzen, erzählte sie noch rasch, dass sie 90 Jahre geworden, da sei es nichts mehr mit der Tanzerei. Aber ihre Kojennachbarin, die tanze noch allemal wie toll zur „Domzeit“ um Weihnachten, wenn eine Drehorgel ins Spital käme. Aber das sei auch was anderes, denn die wäre noch soo jung – erst 81.... Und mit klarem, vom verzehrenden Alter völlig ungetrübtem Blick sah sie prüfend hin über die „Fremden“.
Versonnen und zögernd fast traten wir hinaus aus dem Gewirr der eigenartigen Kojenstadt im steinernen Leib der uralten Kirche, hinein in das Leben der Gegenwart, die in Lübeck noch immer so aussieht, als sei sie die längst vergangene, alte Zeit. 

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12917)

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