Donnerstag, 2. Juli 2015

Parseval über Hamburg


Es gab eine Zeit, als sich abenteuerlustige Erfinder, Flieger und Kaufleute des alten Menschheitstraumes, zu fliegen, noch annahmen, ohne dabei Kosten, Nutzen und Risiken gegeneinander abzuwägen. Sie taten es aus ideellen Motiven. Sie wollten Pioniere sein. Einer dieser Avantgardisten der neuen Zeit war der Hamburger Kaufmann Richard Pfaffe, der in Hamburg das erste privatwirtschaftlich tätige Luftfahrtunternehmen der Welt, die „Hansa-Luftverkehr“, gründete.


Richard Pfaffe charterte für den Sommer 1911 ein Parseval-Luftschiff für fünf Wochen nach Hamburg. Für dieses Schiff wurde in Hamburg-Ohlsdorf innerhalb von nur sechs Wochen eine riesige Luftschiffhalle aus Holz errichtet. Von hier aus startete die Besatzung des Parseval unter Führung von Oberleutnant August Stelling die für damalige Verhältnisse spektakulären Rundflüge – es waren die ersten mit einem motorisierten Ballon über dem Hamburger Stadtgebiet! Nicht nur Senatoren, Militärs und Journalisten durften von der Gondel des Luftschiffes aus die Stadt aus der Vogelperspektive bestaunen. Auch der normale Bürger hatte die Gelegenheit, seine Heimatstadt aus dieser völlig neuen Perspektive zu erleben.

Auch Elimar von Monsterberg berichtete über dieses Ereignis in ihrer Kolumne und bei https://nurfluegel.wordpress.com/2015/07/02/flugellos/ findet man ein Interview zu dem Thema "Parseval in Hamburg".


18. Juni 1911, Hamburgischer Correspondent

Seitdem der Parseval in der Ohlsdorfer Luftschiffhalle festgemacht hat, ward Tag für Tag die immer brennender werdende Frage aktuell; steigt er auf, oder geht es wieder nicht. Das große Publikum, dass im allerletzten Grunde lediglich den  Nervenreiz verkosten will, etwas zu sehen, zu erleben, das für andere gefahrvoll sein könnte, und gleichzeitig seine immer hungrige Schaulust befriedigen möchte, dies Publikum begreift von der Luftschifffahrt und ihrer Zukunftsgröße noch nicht allzu viel.
Vor allem verschließt es sich anscheinend dagegen, dass der gewissenhafte Luftfahrer sorgsam die atmosphärischen Einflüsse beobachten muss, ehe er die ihm kostbaren Güter an anvertrautem Leben und Material aufs Spiel setzt, nur um die sensationslüsternen unter den wartenden Menschen zu befriedigen. Hamburgs Windströmungen, die ein tatenloses Verharren kaum kennen, hatten endlich ein Einsehen. Ohne Gefahr konnte das stolze Luftschiff seit Tagen die Passagierfahrten antreten. Und wie ein Taumel kam es über die Menschheit, die alte und die zukunftsjunge, als sie den Riesenfisch in abgeschlossener Ruhe über die Dächer und Türme, die Wasser und Dampfer fliegen sah. Nur ein kläglicher Rest eingetrockneter und verbohrter Philister verschloss sich nörgelnd und abweisend der Größe dieses Erlebens.
Denn ein Erleben ist es allemal, mag man den Luftriesen noch so oft gesehen zu haben. Denn fassbar, augenscheinlich ist hier ein Sehnen und Sinnen von Jahrhunderten in konkrete Form gekommen, feiert menschlicher Geist einen seiner stärksten Triumphe. Und die köstliche Kühnheit der Idee, diese Kristallisation menschlicher Schöpfergedanken, die sich erhebt über die haltenden Kräfte der Erde, sie ist es, die alle entflammt. Bewusst oder unbewusst, die Bedeutung dieser Tat reißt mit sich fort. Jeder, der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, fühlt, dass dies knatternde Sausen der Propeller hoch in den Lüften eine Pfingsthymne des Geistes der Zukunft ist, wie sie gewaltiger, packender nicht angestimmt werden kann. Alles Menschensehnen nach dem Höhenflug nimmt jetzt Gestalt an. Was an Ikaridenhoffen in jedem von uns noch so versteckt und verstaubt tief verborgen glüht, das flammt als Stichflamme der Begeisterung hervor beim Anblick des gelben, seidenglänzenden Riesenleibes des Parseval, der in sicherer Ruhe wolkenwärts steigt, und willig dem Druck der steuernden Hände seines erprobten Führers folgt.
Der Zufall führte mich am 10. Juni, am Tag des Stapellaufes des Großlinienschiffes SMS „Friedrich der Große“ hinaus nach der Fuhlsbütteler Straße zur Luftschiffhalle. Regen und Wind, Wind in böigen Stößen, wechselten in der Herrschaft miteinander, bis der Wind leider zum Sieger ward. Die Aussicht auf einen Aufstieg war also von vornherein eine äußerst geringe. Trotzdem lockte das Luftschiff an sich, und die Lust, wieder einmal Menschen in Massenanhäufungen unbemerkt zu beobachten. Menschen, die so verschiedenartig waren wie die Bestandteile eines Ragouts, wenn es auch nicht überall ein Ragout Fin war. In wohltuend rascher Fahrt brachte uns die Elektrische durch das sich mächtig dehnende und anwachsende Barmbeck. Dann hörten die Straßennamen auf, und es hieß hier und dort nur schlankweg: Weg, Nummer so und soviel. Kornfelder tauchten auf. Die Ähren neigten sich in eifrigem Gespräch zueinander, und hin und her.
Die Umfassungsmauern des neuen Barmbecker Krankenhauses dehnten sich schier ohne Aufhören in gewaltiger Flucht vor uns aus. An der Brambergstraße, eine Haltestelle vor der machtvollen Halle stiegen wir aus, um alles auf uns wirken zu lassen. Domstimmung war bereits auf der Straße. Fliegende Buden mit den unvermeidlichen Phonographen. Bier und Luftschifferkognak wurden ausgerufen.
Selbst ein Karussell lief lärmend im blöden Kreise, und veranlasste die vorhandene Kinderwelt zu heftigen Bitten, einmal nur da mit zu dürfen.
Mächtig hob sich vor uns die ungestüm aufwärts drängende, hölzerne Luftschiffhalle. Abgedämpfter, wie auf der Straße, das Licht in dem Bretterbau, der wie ein riesenhaftes Erntehaus aussieht. Ein Erntehaus menschlichen Intellektes in Wahrheit. Ich hatte bisher den Parseval nur in den Lüften gesehen. Nun wirkte das leise an den haltenden Tauen zerrende Schiff fast überwältigend groß. Wie ein Tier aus fossilen Zeiten, stoßbereit, duckte sich der urweltlich große, breite und prall stehende Fischleib unter das Dach der Halle. Und wie immer, wenn man ein Neues, Großes plötzlich erlebt und vor Augen hat, kam tiefes Schweigen über mich. Gesammelte Kirchenstimmung, wie sie uns packt im Dämmerdunkel kühler, jahrhundertealter gotischer Dome. Himmelanstürmende Meistergedanken kristallisieren ja auch diese Menschenwerke. Dann erst, langsam ging der tastende Blick erdwärts, zur Gondel. Luftig leicht und doch stählern fest das Gefüge. Die Plattform mit einem Geländer versehen, das mit starkem Segeltuch abgesteift ist. Um das Stahlgerippe girlandenförmig unzählige kleine Glühbirnen gereiht, die bei Nachtfahrten zur Beleuchtung dienen.
Motor, Kühler, Benzintank und Schmierölbehälter wurden fast andächtig in Augenschein genommen. Eine Woge Menschen drängte urplötzlich dicht an die Gondel heran. Ein Herr der Besatzung hat sie zu einem anschaulich kurzen Vortrag bestiegen.
Seine Ausführungen gewannen plastische Deutlichkeit durch Handgriffe und Erklärungen an dem Luftschiff selbst. Der Vortrag ist beendet. Da packt mich einer der Aufseher erregt am Arm, eben kommt das Militär, ganze sechzig Mann, nun wird’s ernst, er soll in einer halben Stunde aufsteigen.
Wie ein elektrischer Schlag zuckt das Wort durch die Menge, die aufgehorcht hatte. Den ersten Aufstieg über Hamburg sollten wir miterleben! Man wuchs förmlich über sich selbst hinaus, als einem die Möglichkeit des historischen Momentes klar geworden war. Mit der Naivität des Laien suchte jeder, Männlein und Weiblein, einen Stuhl in der Halle zu ergattern, um in gesicherter Ruhe die Dinge, die da kommen sollten, abzuwarten. Und da der Wind kühl und unvermindert steif auf der offenen Eingangsseite der Halle liegt, werden in der Liqueurbude, die so wundervoll bequem stationiert ist, einige Seelenwärmer genehmigt. Die Menschen um uns stauen sich. Auf dem Dach der Halle misst man die Windstärke. Soldaten, wichtig, erfüllt von der Schwere der von ihnen erwarteten Taten, werden für ihr Bugsier- und Haltewerk instruiert. Sie treten an die Haltenden Sandsäcke, und fassen die Taue an. Sollte es schon losgehen? Da, ein schriller Pfiff, ein Kommandoton, die strammen Kerls treten wieder ab, und schlendern, die Fäuste in die Hosentaschen der Uniform des Königlichen Vierten Regiments gebohrt, langsam hinüber über die Flugwiese nach dem verlockenden Bratwurstglöckl mit dazu gehörender Biermusik. In der Halle sind währenddessen die Verkäufer der offiziellen Parseval Postkarte in wütender Tätigkeit. Sie erklären im Brustton der Überzeugung, dass der Aufstieg baldigst stattfindet, und vertreiben Karten, die mit in die Gondel genommen würden und während des Fluges zur gefälligen Weiterbeförderung herabgeworfen werden sollen. Und auch dies Geschäft blüht. Plötzlich ein Hasten, Drängen, Schieben. Eine Menschenwand baut sich vor dem Parseval auf. Stühle werden herbeigeschleppt und bestiegen. Aber es ist nichts weiter. Nur ein rühriger Photograph nimmt die kleine Menschheit auf. Im Hintergrund in stolzer Ruhe das Werk eines Großen aus diesem Geschlechte. Wieder sind allmählich Stunden vergangen. Oberleutnant Stelling hofft noch immer, endlich den Hamburgern zeigen zu können, was der Parseval leisten kann. Abwarten, heißt die Parole. Vielleicht bringt der Abend mehr Ruhe in die Luft.
Eine Sektbude lockt am Ausgang der Halle. Sektjungfrauen, die einzelne ihrer Körperformen klug den umfangreichen Maßen der Sektkühler angepasst haben, schießen Zeusblicke der Vernichtung auf harmlose Geschlechtsgenossinnen, die sich Müde ihren Stühlen nähern. Und so bleibt es leer um diese moderne Sorte Kinder der göttlichen Hebe. Auch hier kein Aufstieg, weder von Pfropfen noch Sektperlen im Spitzglas.
Nun aber scheint es weiß Gott ernst werden zu wollen. Eine ganze Anzahl Herren der Presse erscheint, von der Leitung des Hansa-Luftverkehrs telephonisch zum Ausflug herbeordert. Ein großer Gasballon wird mit Lebensstoff für den Parseval gefüllt. Die wippende Spitzkugel, von Soldaten bis zu dem hungrigen Riesentier geschleppt, ein Saugschlauch wird ihm an das Maul gehalten, und er trinkt sich mit Wasserstoffgas satt und voll, langsam aber auskömmlich. Probeweise werden die Glühbirnen eingeschaltet, die langen Arme des am Steuer- und Backbord der Gondel hervorragenden Projektionsapparates, der die Lichtbilder auf die weißen Seitenwände des Ballons wirft, werden eingestellt. Eine fieberhafte Aufregung beginnt sich der drängenden Menge zu bemächtigen.
Die Motore fangen probeweise an zu arbeiten. Auf und nieder sausen die Kolben und fliegenden Zapfen der Maschinerie. Ein surrender Lärm füllt die Halle. Nun kreisen die vierflügeligen Schwingen der Propeller in blitzschnellen Schwingungen. Mit knatterndem Sausen schneiden sie durch Luft. Die Umdrehung wird so rasch, dass man nur schwirrende Kreise vor sich zu sehen glaubt. Da, ein ohrenzerreißender, langgedehnter Heulton, die Dynamomaschine gibt laut. Es ist das Signal zu einem Sturm auf die Halle. Selbst die gefülltesten Biergläser werden achtlos stehen gelassen, das selbst verknüpfteste Liebespaar stürzt als bewusstlose Einzelwesen in das Gewühl der Menschheit. Draußen auf dem Landungsplatz wird währenddessen in aller Stille ein kleiner Drachenballon aufgelassen. Bereits in geringer Höhe zeigt er starken, allzu starken Winddruck. Es kann nicht geflogen werden. Trotz alledem. Die Enttäuschung beim Publikum ist groß. Es scheint nicht zu verstehen, dass diese notwendige Vorsicht die Sicherheit der Parsevalfahrten auf die gleiche Höhe mit den Fahrten auf der erprobten alten Eisenbahn stellt.
Und die Tage vergingen, endlich kamen die ersehnten mäßigen Winde. Unerwartet für die vielen hunderten Skeptiker scholl an einem Spätnachmittag durch die allerstillsten Wege der Hamburger Villenviertel, durch verkehrsdurchflutete Straßen ein unausgesetztes Hurragejubel. Fenster öffneten sich, Dachluken flogen auf, Menschen stürzen aus den Häusern und Gärten, in rasendem Lauf rannten erwachsene, würdeschwere Leute mit Kindern um die Wette dem Alsterufer zu. Ein leuchtendes Lachen auf allen Gesichtern, stockfremde Menschen riefen einander zu: „Er fliegt! Er ist  über Hamburg!“
Wie ein Taumel lag es über der Menschheit. Ein Gefühl stolzer Einheit, starker Zusammengehörigkeit schien über die Massen gekommen zu sein, wie sie sonst großzügige Stunden nationaler Erhebung zeitigen mögen. Und in raschem, gleichmäßig stolzem Flug schwebte, losgelöst von der Erde und ihren beengenden Fesseln, der Parseval. Im Heck Hamburgs Flagge. Im Bogen umkreiste er die Stadt. Die Abendsonne lag auf seinem seidigen, gelben Riesenleib, wie Fäden erschien das Gestänge der Gondel. Und die Lüfte trugen ihn willig, und mürrisch fügte sich ihm der gegenlaufende Wind. Das Steuerruder gehorchte den führenden Menschen-händen, als ob es tragende Wasser verdrängte. Und mit überwältigender Wucht packte es all die hunderttausende die ihn sahen, und erkannten im persönlichen Miterleben, was hier ein stiller Großer aus ihrem Geschlecht geschaffen, die Macht der Stunde. Ich aber meine, Ulrich von Huttens Wort hat heute erst Lebensbedeutung erhalten.
„Künste und Wissenschaften blühen! Es ist eine Lust zu leben!“

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12974)  

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