Donnerstag, 9. Juli 2015

Dorf und Stadt


05. Juni 1910, Hamburgischer Correspondent


Dass die Landwirtschaftliche Ausstellung sich mit vollem Recht „Wanderausstellung“ nennt, wird jedem klar, der seit ihrer Eröffnung versucht, auf altgewohnte Weise durch Hamburgs Hauptstraßen zu schlendern oder eines der bekannten Atzungslokale aufzusuchen.
Der ganz simple, nur seine lumpigen Steuern zahlende Hamburger Bürger wird durch diese friedliche Invasion einfach glatt an die Wand gedrückt. Figürlich gesprochen, was für den gewiegten Kenner unsrer inneren Politik gar nicht, aber auch gar nicht verblüffend wirkt.
Überall da, wo Hamburg am meisten Hamburg für den Fremden ist – Jungfernstieg, Neuer Wall, Uhlenhorster Fährhaus, St. Pauli – sieht man die Herren vom Nährstand in Trupps zu Vieren, Fünfen einherstapfen, unbedingt den Fußsteig völlig einnehmend, die Gesichter wohltuend gesund, schwarzbraun oder brennrot eingebrannt, und diese scharfen Sezessionstöne noch gehoben durch den kalkweiß wirkenden Rand der Stehkragen. Diese Stehkragen, genau so grundverschieden wie die Spielarten der geselligen Formen ihrer Träger, weisen die neueste Facon auf bis zu völlig ungeahnten, sonderbaren Ausgrabungen anscheinend fossiler Funde.

Die bäuerlichen, symphytischen Kraftgestalten unter den Landleuten, die nichts anderes sein wollen, als was sie sind – Herren der Scholle – tragen alle den Ausstellungskatalog mit sich umher, und etwas von großgewordenen Kindern liegt in ihren klaren, ruhig beobachtenden Augen.
Die Junker, in deren Art das bescheidene Zurücktreten sonst nicht gerade zu liegen pflegt, verschwinden fast unter der Masse der schlichten Landwirte. Wo sie aber auftreten, haben sie, um nur gleich im angemessenen Lokalton zu bleiben, stets einen städtischen „Leithammel“ bei sich, der sich leicht geniert fühlt und durch seine fahle Stadtfarbe die lebenstrotzenden Gesichter seiner Landfreunde noch wirkungsvoller macht.
Und wie die alten Deutschen im Kampf stets ihre starkmutigen Frauen mitführten, die so tapfer im Getümmel aushielten und sich töteten, wenn ihre Männer gefallen waren, so nahmen auch viele dieser Herren vom Lande – ob freiwillig,  bleibe dahingestellt – ihre Frauen mit nach Hamburg in den Kampf. Auch diese halten im dichtesten Getümmel tapfer aus; aber sie sind doch schon zu modern und zu gesund, um sich gleich zu töten, wenn ihre Männer fallen sollten als Opfer des Molochs Großstadt. In praktischer Erkenntnis der Lage der Dinge suchen sie dagegen, solange es an der Zeit ist, den Geldbeutel ihres Gatten nach Möglichkeit zu schröpfen, ehe etwa sonstige Hände darüber kommen könnten. Auch eine Art Musterschutz.

Man muss diese Frauen gesehen haben, um ganz beruhigt über Deutschlands Zukunft zu sein. Sie liegt unbedingt auch „auf dem Lande“. Meist zielbewusster, rascher, rücksichtsloser als die vorsichtig überlegenden Männer, durchstürmen sie zugleich als Kampfobjekt im Gedränge.
Eigenartige Farbensymphonien schillern uns aus ihren Kleidern entgegen. Wundersame Kleider sind das manchmal – man sieht es ihnen an, dass sie extra für die sicher vielbesprochene Hamburger Reise hergestellt sein müssen, und zwar aus eigner Kraft, wie alles, was die Landwirtschaft bisher erreicht hat.
Die Typen wiederholen sich ziemlich regelmäßig. Eine ist immer schon mal dagewesen. Tut sehr übersättigt und orientiert, denn sie macht ihre Weihnachtseinkäufe sogar in Berlin. Weiß selbst, wo das Dorado aller Damen, Hübner oder Chatelaine, liegt und stürzt sich kühn in den ihr noch unbekannten Jardin des Fleurs. Dann wendet sich die Globetrotterin mit der hilflos und andächtig folgenden Herde der „Neulinge“ nach der Richtung des Jungfernstiegs. Mit innerlichem Bangen, aber äußerlich krampfhafter Sicherheit attackiert sie einen Schutzmann:
„Bitte, wo komme ich am schnellsten nach den Alsterdampfern?“
Und er, bestrickend liebenswürdig, wie ihn die armen Berliner nur in ihren kühnsten Träumen kennen, weist ihr lächelnd den Jungfernstieg.
„Ja, den kenne ich – komme ich dort aber auch nach der Alster?“

Und dann die Ausstellung!
Wenn so viel Vieh ganz allein auf einem Feld zusammen gebracht wird, bildet sich schließlich auch der Stadtbewohner ein, dass der selige Podbielski wirklich einmal recht hatte, wenn er behauptete, dass es eine Fleischnot nicht gibt, wird übermütig und unternimmt einen Bummel in die Fouragehallen Hamburgs.
Das tat auch ich, und erlebte auf dem Wege dahin noch zwei niedliche Lebensäußerungen der wandernden Landwirtschaft. Ein flotter Landmann, seine Gattin fest am Arm, auf dass sie ihm ja nicht an einem gefährlich lockenden Schaufenster hängen bliebe, geht an einem Hedag vorbei und explodiert vor lachen, unerwartet, wie ein Benzinmotor.
„Blödsinnig, so `ne verrückte Bezeichnung! Hedag! So was können sich nur diese Großstädter leisten.“
Die lachen mit, am meisten aber der Chauffeur der H.E.D.A.G (Hamburger Elektrizitätsdroschen Aktien Gesellschaft). Als diese Seitenlinie der Landwirtschaft über die schönste Straße unseres nordischen Venedigs, den Jungfernstieg, zieht und dort zwar keinen Markusplatz, wohl aber einen Alsterpavillon mit seiner wahren Heerschau Tauben, antrifft, die sich zwischen die Fußgänger drängen, als hätten sie allein das Recht auf die Straße – frei nach Jagow, reißt sich die Vertreterin der Landwirtschaft vom sicheren Arm des braungebrannten Gatten los und meint ganz empört:
„Tauben – auf der Straße? Um das zu sehen, brauchten wir nicht nach Hamburg zu kommen.“

Dankbar für die genossenen unerwarteten Anregungen schlendre ich nach Atlantic-Pfordte. Lande auch dort gerade neben dem rechten Tisch. Während mir die allezeit lustige Witwe Cliquot, die stets schweigt und doch zu so vielen Dingen überredet, die trockene Kehle anfeuchtet, beobachte ich stillvergnügt, was da neben mir vor sich geht. Man macht es mir auch absolut nicht schwer. Der ganze Saal ist bald, gleich mir, über Familienverhältnisse, Namen und Stellung jedes einzelnen dieser fidelen Tafelrunde informiert, so laut ist die Unterhaltung. Der weißbärtige Rittergutsbesitzer und die zwei Gardekavalleristen in Zivil mit dem Eifelturmhohen Kragen gehören zusammen, stehen im „Familienverbande“ – alles Namen von bestem, altem Klang – während ein ganz bürgerlicher Rittergutsbesitzer nebst hübscher Tochter etwas die Outsiderrolle spielen. Der alte mit forcierter Kameradschaftlichkeit unverkennbar um die im Kreis schwerwiegende Gunst des jovialen, blaublütigen Landsmanns buhlend, der in einem ungestörten Augenblick einem seiner Neffen zuflüstert:
„Der Mann hat den Adelshunger!“
während die hochblonde Tochter mit dem einen Kavalleristen ein intensives fachweibliches Pferdegespräch unterhält. Augenblicklich ist sie damit beschäftigt, an mehrere Freundinnen Ansichtskarten zu schreiben. Als sie die Karten dem originellen alten Ritter vom Lande zuschiebt, meint der lachend:
„Nee, verschonen Sie mich damit, gnädiges Fräulein! Ich fahr lieber mit meinen Junkern über Land wie mit `nem Bleistift übers Papier. Befolge das gute Sprüchel: Wegen zu alten Adels des Lesens und Schreibens unkundig.“
Verlegen auflachend nimmt die gar nicht kühle Blonde ihre Karte an sich, und der Alte fasst nach der Sektflasche und ruft dem Neffen zu:
„Na, Jürgen, frischer Durst ziert den Reiter. Schütte doch endlich mal den schäbigen Rest in Deine Futterluke, der Knallkümmel steht ja sonst ganz ab.“
Und das Töchterlein des Outsiders, nunmehr die unvermeidliche Zigarette zwischen den Fingern, erschöpft ihren „Pferdeverstand“ und ihre glänzenden Kenntnisse des Gothaer Taschenbuches der uradeligen Häuser, um vielleicht in die ersehnte vornehme Ehe hineinzureiten.

Scharfe Gegensätze erhöhen den Eindruck frisch erlebter Einzelheiten. Deswegen fahre ich, kurz entschlossen, nach St. Pauli, wo das Bier heut´ sicher ganz besonders gut läuft. Und mit dem unverfälschten Spürsinn, der jedes gesunde Geschöpf zur Futterkrippe führt, haben die biederen Landleute sich auch in dem Bierpalast eingefunden.
Unter dem großen Bild, auf dem ein junges Weib im Zustand der Urbekleidung auf einem Felsvorsprung hockt, sitzt eine ganze handfeste, urwüchsige Bauernfamilie. Zwei derbe Söhne, der stiernackige, hünenhafte Alte und die abgearbeitete magere Mutter. Sie sitzt im schwarzen, feierlichen Kirchenkleid förmlich andächtig da; dann nimmt sie bedächtig den Hut mit dem Gemüse ab, und zwei mit Wasser schön glatt gestrichene Scheitel glänzen auf. Plötzlich entdeckt sie bei dieser Manipulation die Nudität über sich. Mit einem:
„Och, aber nee, so was aber auch!“, setzt sie sich ganz entsetzt direkt unter das Bild, um es nicht ansehen zu müssen, doch ihre Versuche, die Söhne auch vor diesem Anblick zu bewahren, schlagen fehl. Sie grinsen, der Bauer lacht und meint:
„Unser Jungvieh ist in besserem Futterzustand wie die Puppe da oben, gell Mutter?“
Aber Mutter ignoriert diese Frivolität. Dann kommt der Kellner und setzt mit kordialer Herablassung das Essen auf den Tisch. Als er gegangen, steht die alte Frau auf, wie sie es wohl daheim gewohnt sein mag, und legt den Männern sorgsam abwägend das Essen vor, sie aber nimmt sich das Kleinste – nach Mutterart. Diese einfache, kleine, heimatliche Gepflogenheit im großstädtischen Treiben des überfüllten Lokals rührt mich förmlich. Darin allein lag so viel starkes, gesundes Festhalten am Altgewohnten, ein solch zähes Wurzeln in der Scholle der Heimat. Die ganze Kraft unseres bodentreuen Bauernstandes zuckt mir blitzartig aus der schlichten Handlung dieser Alten entgegen. 

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12917)

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