Sonntag, 12. Juli 2015

Die landwirtschaftliche Ausstellung Hamburg 1910


In dem letzten Blogpost berichtete Elinor in humorvoller Weise über die Auswirkungen einer von Landvolk überschwemmten Stadt während der DLG-Ausstellung. In diesem, und auch einigen weiteren, möchte ich die Meldungen zur 24. Wanderausstellung aus jener Zeit wiedergeben. Möge sich der Leser daraus und aus der Art der Formulierung ein eigens Bild jenes Deutschlands von vor dem ersten Weltkrieg machen. Dieser Text ist nicht von Elinor verfasst worden.


Donnerstag, 2. Juni 1910, Hamburgischer Correspondent  

Das Gelände der landwirtschaftlichen Ausstellung

Heute Mittag 12 Uhr wird die 24. Wanderausstellung der Deutschen-Landwirtschafts-Gesellschaft auf dem idealen Ausstellungsplatz des Heiligengeistfeldes eröffnet. Seit Monaten hat Hamburgs Bevölkerung die Vorbereitungen gesehen und das Fortschreiten der Bauten mit stets größer werdendem Interesse verfolgt. Nun, wo sich die weißen Zeltdächer über den weiten Hallen spannen, grüßt die Bevölkerung der alten Hansestadt die Besucher aus dem ganzen Reiche, die zum zweiten Male an die Wasserkante kommen, um zu zeigen, dass Deutschland, wenn auch die Industrie sich als gleichwertiger Faktor der Landwirtschaft an die Seite gestellt hat, noch immer in der Lage ist, den Bedarf seiner Bewohner an Nahrungsmitteln zu decken.
Und wenn ein Gang durch die Ausstellung, ein Blick auf die ausgestellten Tiere, auf die Erzeugnisse des Feldes und die Produkte der Kolonien, wie sie hier vertreten sind, beweist, wie weit die Grenzen gezogen sind, in denen die Landwirtschaft ihre Tätigkeit entfalten muss und kann, so darf man, ohne sich einer Übertreibung schuldig zu machen, ein bekanntes Wort dahin variieren, dass auch den deutschen Bauer uns niemand nachmacht.
Hamburg sieht die Wanderausstellung der Deutschen-Landwirtschafts-Gesellschaft, dieser berufenen Vertretung des deutschen Nährstandes, nicht zum ersten Mal in seinen Mauern. Vor 13 Jahren durfte die Hansestadt die Vertreter der Landwirtschaft zum ersten Mal hier begrüßen. Aber noch viel weiter zurück reichen die Beziehungen, die die Handelsmetropole mit der Landwirtschaft verknüpfen. Denn die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft darf Hamburg als ihre Geburtsstadt ansprechen. Denn Max Eyth war es, der an einem Sommerabend des Jahres 1883 mit dem Oberamtmann Rimpau und dem Geheimen Oberregierungsrat Dr. Thiel hier in Hamburg den Gedanken fasste, eine die ganze deutsche Landwirtschaft umfassende große Organisation zu schaffen. Klein genug waren die Anfänge, aber willensstarke Tatkraft hob über die ersten Schwierigkeiten hinweg, und Max Eyths Name bleibt als der des Begründers der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft für alle Zeiten unvergessen. Er stand nicht mehr an der Spitze, als am 19. Juni 1897 die erste Ausstellung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft in Hamburg stattfand. Aber sein Geist schwebte über ihren Veranstaltern und, wie damals Herr Rittergutsbesitzer Pogge-Altkrasow als Vizepräsident für den 4. Gau hervorhob, war Jeder, der in irgend einer Eigenschaft an der Ausstellung beteiligt war, im Gefühl der großen Verantwortung, die er zu tragen hatte bemüht gewesen, seine Pflicht zu tun und daran mitzuwirken, dass ein glänzendes Bild entstand. Unendlich groß ist der Erfolg dieser Ausstellung gewesen, und so ist es begreiflich, dass die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft gern nach Hamburg zurückkehrt, um Zeugnis abzulegen von den gewaltigen Fortschritten, die in den inzwischen abgelaufenen 13 Jahren überall erzielt worden sind.

Wohl ist die Wissenschaft den Fortschritten der Landwirtschaft zugute gekommen, aber nur deshalb, weil der deutsche Bauer es verstanden hat, dem Ausspruch Justus von Liebigs zu folgen, der es ihm eindringlich nahe gelegt hat, ihre Errungenschaften in die Praxis des Lebens umzusetzen. Man darf also wohl sagen, dass die Landwirtschaft die Zeichen der Zeit verstanden und sich alle Fortschritten der Erkenntnis auf naturwissenschaftlichem Gebiete nutzbar zu machen gewusst hat.
Wie ernst es ihr damit ist, zeigt das äußere Bild der Ausstellungen, wie sie sich immer großzügiger gestaltet haben. Da ist alles aufs Strengste ausgeschlossen was von dem eigentlichen Gegenstand abziehen kann. Nichts drängt sich dem Besucher auf, was etwa bloßer Zerstreuung oder müßiger Neugier dienen soll; den Landwirten soll Anregung und Belehrung in ihrem ureigensten Fach geboten werden. Dass dabei dem Nichtfachmann eine reiche Fülle des Sehenswerten geboten wird, darf nicht Wunder nehmen. Wie sich die Grenzen des Deutschen Reiches gedehnt haben über das weite Meer hinaus bis zu den Gefilden der deutschen überseeischen Kolonien, so musste das Interesse der Landwirtschaft Dinge umfassen, die vordem außerhalb ihres Bereiches lagen. Alle die Produkte, die Abseits der Betätigung des deutschen Bauern im Mutterland lagen, sind daher der Ausstellung angegliedert worden in einer besonderen, von der Deutschen Kolonialgesellschaft veranstalteten Sonderausstellung. Wenn demnach die Aufmerksamkeit über die inländische Viehzucht und den einheimischen Feldbau hinüberschweift zu den Erzeugnissen Afrikas oder der Südseeinseln, so mag das ein Zeugnis dafür sein, wie auch über die Meere hinaus die deutsche Landwirtschaft ihr Feld findet, das sie zum Besten der gesamten Bevölkerung beackern darf.

Gerade in Hamburg findet sie für diese weitreichenden Bestrebungen das beste Verständnis. Von hier aus gehen die Fäden hinüber in alle Regionen des Erdballes, und der Hamburger Kaufmann weiß, dass er einen Rückhalt in seinen Bestrebungen hat, wenn der Landwirtschaft die Wege geöffnet werden in die fremden Länder hinein und aus den fremden Ländern in die deutsche Heimat. Es darf darauf hingewiesen werden, dass Hamburg an seinem Kolonial-Institut eine eigene Professur für Koloniale Landwirtschaft errichtet hat. Das heißt doch gewiss, die Forderungen der Zeit verstehen und der inländischen Landwirtschaft mit seinem Erkennen aller Bedürfnisse der neuen Zeit entgegenkommen.
So liegt die Verbindung zwischen dem weltumspannenden Handel der Hans-Metropole und der Landwirtschaft gar nicht so fern. Ein Sinnspruch an einem Hause am Hamburger Hafen verbindet die beiden großen Berufszweige. Er lautet:

„Wie der Kiel dem stürmenden Meere,
Trotze auch du den Stürmen der Zeit.“

Aus dem Geist dieses kernigen Spruches heraus begreift es sich, wenn heute die hamburgische Bevölkerung der Eröffnung der landwirtschaftlichen Ausstellung ihre ungeteilte Sympathie entgegenbringt. Wenn in der heutigen Mittagsstunde sich die feierliche Eröffnung vollzieht, wenn Bürgermeister Dr. Predöhl mit einer Begrüßung der Gäste Hamburgs den weihevollen Akt einleitet, dann sind auch die Herzen der Hamburger Bevölkerung dabei, die sich vereinigen in dem Wunsche, dass diese Ausstellung alle Hoffnungen erfüllt, die man auf sie setzt, dass sie der deutschen Landwirtschaft eine neue Förderung sein wird, dass die deutsche Landwirtschaft aus ihr neue Kraft zu weiterem, glücklichem Streben schöpfen wird.

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12917)













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