Dienstag, 7. April 2015

Zwecklos


Bezugnehmend auf den Totensonntag vom 19. November 1911 erschien dieser Text im Hamburgischen Correspondenten.

Hamburg, 26. November 1911
 

Wo wir auch Umschau halten mögen auf dem Erdball, sei es selbst bei den geringsten Lebewesen, den für uns unscheinbarsten aller Dinge, finden wir immer und immer einen bestimmten, scharf umrissenen Zweck. Nichts gibt es, das zwecklos wäre, denn es ginge wider die Natur. Der Mensch selbst also ist der lebende Beweis für das künftige, veränderte Fortleben seiner Seele und Geisteskräfte. Des Fleisches Endzweck ist: völliger Tod; denn das Alter lässt es zusammensinken, über jenes hinaus gibt es für den Körper hinaus keine Entwicklung mehr. Das andere aber, was in den Menschen gelegt wurde, die Fähigkeiten seines Geistes und seiner Seele, was in ihm ruht, arbeitet und ringt, was sich betätigt in selbständigem, ja selbstschöpferischem Handeln und Schaffen, um dies alles zu vollkommener Reife und Vollendung kommen zu lassen, reicht solch kurzes Erdenleben in keiner Weise aus. Somit wären alle diese Kräfte der Zwecklosigkeit unterworfen, welche die Schöpfung nicht kennt, wenn der Tod des Körpers uns nicht zu einem anderen Leben verhelfen würde. Und so gewiss der Zweck aller in uns gelegten Geisteskräfte, der uns in kleinem oder großem Maße gegebenen Anlagen immer nur der ist und sein kann: sich zu vollkommener Vollendung zu entwickeln, ebenso gewiss können wir diese nur erreichen in einem anderen, gänzlich anderen Leben. 


Unsere geistige Persönlichkeit und unsere Seele, sie leben fort, müssen fortleben, um den von der Natur gewollten Zweck zu erfüllen. Der Natur, die nichts halb zu tun pflegt und deren Zielpunkt von Anbeginn her das Vollbringen ist. Die Art jenes anderen Lebens freilich vermögen wir nur zu ahnen in jenen lichten Augenblicken, die jedem einmal kommen unter uns. Jedem. Stak, überwältigend oder ganz matt, unsicher, verwischt. Immer aber macht sich dabei ein starkes Widerstreben bemerkbar, ein stoffliches, das Widerstreben des Körpers, der unwillkürlich auch hier nur seinem irdischen Endziel zuneigt, und über den Geist, der berufen ist, Welten zu durchmessen, Beschränkung, Erdenschwere auftürmt.

Aber es kommt die Zeit, wo die irdische Hülle unseres Geistes zerfällt und ihm eine gegeben wird, die aus den Ewigkeiten herauswuchs.
Doch wie unser Körper im Erdenleben unsere Geisteskraft einengt für seine Zwecke, unsere Seele niederzerrt zu seiner Schwachheit, wird er sie, wenn der Tod ihn traf, in den Dunstkreis des Erdballs zwingen, bis er endlich aufging, ganz, in dem, woraus er stammte. Und das muss sie sein, die erschütternde Qual, das wortlose Leid, das sie alsdann verkostet, die vom Leib erlöste und doch noch von ihm gehaltene Seele. Allein, grenzenlos allein, nur umgeben von der Not und Pein plötzlicher Erkenntnis und dem erschütternd qualvollen Bewusstsein zu unrecht getaner Taten, leichtfertig gesetzter und nicht erreichter Ziele, im Weltall allein, im Unermesslichen!
Umhegt und umringt von überwältigender Lieblosigkeit, gehetzt von ruheloser Sehnsucht, der Sehnsucht, nur einmal ein heißes, betendes Erinnern ihrer hinterlassenen Lieben zu verspüren. Und solch Erinnern, wie schwach es wird, und wie vergänglich es ist, und wie vergeblich so oft diese Seelensehnsucht danach! Unendliche Leiden müssen es sein, die Tote leiden, wenn niemand an sie und ihre Seelen denkt! Und zu der einen Sehnsucht die andere, unaussprechlich machtvolle, die Sehnsucht, durchzudringen durch die heiligen Zeit- und Urmächte, angezogen und doch noch unendlich abseits von dem alles durchströmenden Urvater, und voll haftender sorgenvoller Unruhe, weil sie Ihn fühlt und ahnt und spürt, und doch noch ewige Gewalten zwischen ihr und ihrem sengenden Verlangen unsichtbar und doch so grausam deutlich aufgetürmt liegen!

Wovon unserer Väter Väter in dumpfem Vorgefühl raunten, das Volk voll ängstlicher Ahnung erzählt und flüstert in ungezählten Mären und Sagen: von den Seelen, die noch keine Ruhe fanden, wahrlich, dies muss es sein, ein Fegefeuer erwartungsvoller Sehnsucht, peinvoller Ungewissheit und jagender Unruhe, wie es verzehrender nicht ausgesonnen werden kann.
Unnennbar köstlich aber wird es sein, wenn die Zeit erfüllt ist und die Pforten der Vollendung sich dem öffnen, was wir für die Ewigkeit bereithalten sollen! Sie aber, die Hingegangenen, ist es, die von da an den Unendlichen sehen wird in seiner Glorie zur Rechten Urvaters das Weltall erfüllen.
Weit und ungebunden wurde nun ihr Verstehen, göttliches Ausruhen erwartet die Seele, die eingelassen ward in die unbegrenzte, jede Möglichkeit erschöpfende Wahrheit des Universums. Immer umfassender, immer ausfüllender durchströmt und erfüllt sie der Geist alles Lebens, unsagbare Wonne und unausdenkbare, ruhevolle Befriedigung durchflutet sie unausgesetzt durch sein gebendes Dasein.
Ihrer ist, was wir das „Nichts“, Himmel, Seligkeit, Erlösung nennen, in der Erkenntnis, dem Durchdrungen Sein und dem Aufgehen in Gott, dem Licht.

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12979) 

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