Sonntag, 5. April 2015

Blindenbibliothek


Hamburg, 26. Februar 1911


Je mehr man in die abgründigen Tiefen leidvollen Lebens schaut, wo der Menschheit dunkle Not, ihr blasses, herbes Leiden zusammengeduckt hocken, um so dammloser wird in uns die warme Springflut des Mitleidens. Viel düsterer und härter, viel entsetzlicher als die bizarren Phantasiebilder eines Hanns Heinz Ewers ist das, was menschliches Erleben und Ertragen in aufschreiender Wahrheit zu erdulden vermag. Wie ein grundloser See erscheint all der Kummer, den unerhörtes Leiden durch die Jahrhunderte niedersenkte und zusammenrinnen ließ in bittren Wassern tränenschwerer Trübsal.
Das aber, was denen, die im Lichte wandeln dürfen mit weit aufnehmenden Sinnen, am härtesten dünkt, als dunkelste Qual erscheint, ist wohl die Not all derer, denen das Licht der Augen gehalten und beschattet ward von ihres Daseins kalter, mitleidloser Härte. Aber ein sonderbar Köstliches empfingen jene Nichtsehenden: die seltsame Kraft, die schier unerhörte Wucht ihres eisenharten Schicksals mit lächelnden Lippen auf sich zu laden und nie darunter zusammen zu stürzen. Um diese Blinden webt es wie ein stilles, heimliches Freuen, genährt von geheimnisvoller Innerlichkeit. Ein fast erdgelöstes Abgeklärt sein umhüllt sie. Es scheint fast, als ob sie durch den unzerreißbaren Schleier, den sie tragen, bewahrt würden vor den bösen, hässlich-schweren Eindrücken einer Umwelt, die mehr Dunkelheiten besitzt, als blinde Augen erdulden müssen. Und in dieser bedingten Abgeschlossenheit von den Außeneindrücken erwächst ihnen eine höhere, reinere Welt, ihre Innerlichkeit, durch nichts Äußerliches beeinflusst, ihre Gedanken, durch nichts eindrücklich Wechselndes abgelenkt, vertiefen sich, wachsen und schaffen sich ein eigenes Licht- und Sonnenleben. Freilich, der Hohlweg bitterer Qual, durch den die Lichtbenommenen vordem müssen, den ihres Schicksals dunkelschwere Schatten erfüllen, er ist in Wahrheit ein Kreuzesweg gewesen.


Bedrückt und förmlich benommen von dem peinbringenden Gefühl, schlimme Menschennot bald mit ansehen zu müssen, trat ich in das Müllersche Blindenheim, das neben dem zweckgleichen Lämmerstift liegt, und wo die Zentralbibliothek für Blinde, Breitenfelder Straße 21, Aufnahme gefunden hat. Die blinden Frauen aber, die mir auf meinem Wege zu dieser einzigartigen Bibliothek begegneten, sie waren allesamt in frischer, lebensfreudiger Tätigkeit. Mit verblüffender Sicherheit öffnete auf unser Läuten eine Blinde die Windfangtür.  Wieder andere kehrten die ohnehin schon blitzblanken Stiegen und Wandelgänge, oder räumten ihre sauberen, sonnenhellen Wohnstuben mit frauenhafter Sorgsamkeit auf, rasch und bestimmt in ihren selbstsicheren Bewegungen wie Sehende. Ich trat in ein Zimmerchen, das einer blinden Frau Heimstätte war und noch eine Andere behütete, die ärmer war, wie die Blinde an Sinneskräften. Sie ist seit ihrem achtzehnten Lebensjahre taub und blind und hört nur einen schwachen Laut, wenn ihr die blinde Stubenkameradin dicht ins Ohr das Gesprochene übermittelt. Hier zeigt uns diese Taubblinde eine Handarbeit, von ihr angefertigt. Eine Spreitdecke war es, zusammengesetzt aus vollkommen fehlerlosen, mit maschineller Genauigkeit erhaben gestickten Vierecken, die wiederum aneinandergenäht waren. Das Ganze ein Muster, das durch seine verwirrende Vielseitigkeit selbst Sehenden schwere Stunden bereiten muss. Und dies alles in seiner Gesamtheit ausgeführt, ohne ein einziges Versehen, ohne eine abgeirrte Masche, und über der ganzen, unbequemen großen Arbeit eine förmlich leuchtende Sauberkeit, über eine Arbeit die nicht  aussah, als hätten sie fleißige Hände mit hundert und aberhundert Bewegungen geschaffen. Rührend aber war es, wie die Blinde das Schaffen und Können der noch ärmeren Genossin erklärend pries, wie sie ihr den fehlenden Sinn vergessen zu machen versuchte, indem sie ihr in eifriger Mühseligkeit Gesagtes wiederholte.

Unter der Führung der ersten Vorsitzenden des Vereins Zentralleihbibliothek für Blinde, Frau Stephanie Nordheim, die eine förmliche Kristallisierung der Menschenliebe ist und in werktätiger Arbeit durch Jahre hindurch, ganz abgesehen von praktischen Werten, ihr Leben und ihre Gesundheit der Not der Menschen hinwirft, betrat ich die Räume der Blindenbibliothek, die vor allen anderen Dingen verdient, ihre Schöpfung genannt zu werden.  Als die Sozialen Hilfsgruppen vor Jahren anfingen, sich auch mit der Führsorge für die Lichtberaubten unter den Menschen zu beschäftigen, Vorträge und konzertartige Veranstaltungen im Blindenasyl abhielten, kam bald das dringende Bedürfnis der Blinden nach geistiger Nahrung zur Sprache. Die hervorragende Begabung einer sehr starken Anzahl  Blinder ist eine bekannte Tatsache, aber die Möglichkeit, sich durch eigenes Lesen fortbildender Schriften vorwärts zu bringen, war ihnen lange verschlossen, oder aber nur im engen Maße erreichbar, da ihnen zugängliche und für sie in tastendem Lesen verständliche Werke fehlten. Nur in Leipzig verleiht ein Verein Blindenbücher auch nach außerhalb, aber sein Vorrat ist äußerst beschränkt. Die Dresdener Bibliothek, die über eine starke Bändeanzahl verfügt, entleiht an auswärts wohnende Blinde nur nach eingeforderter und genehmigter Erlaubnis des Ministeriums des Innern, eine ziemlich unverständliche Maßnahme, die nur ein in bessere Form gestecktes Abschreckungsmittel bedeutet. Die königliche Blindenanstalt in Steglitz, die aus städtischen Mitteln erhaltenen Blindenschulen Berlin und Breslau halten eine größere Anzahl Bücher zur Verfügung.

Da in Deutschland, vor der Gründung der Zentralbibliothek für Blinde, Hamburg, kein Institut dieser Art bestand, beschloss eine Anzahl Damen und Blinde, unter Mitwirkung des Direktors der hiesigen Blindenanstalten, Herrn Merle, eine Zentral-Leihbibliothek für Blinde zu begründen. In der Erkenntnis, dass solche Gründung nur dann von erschöpfend segensreicher Bedeutung sein konnte, wenn sie allen deutschredenden Blinden ohne Ausnahme und kleinliche, lokale Beschränkung zugänglich gemacht würde, und im beständigen, abwechselnden Austausch geistiger Berührungspunkte geschaffen sind, wurden die deutschen Bundesstaaten zur Mitarbeit am Werk aufgefordert, die auch geleistet worden ist. Nach einer Arbeitslast von fünf vollen Jahren, deren Löwenanteil dem Organisationstalent und der beispiellosen Opferfreudigkeit der Frau Stephanie Nordheim zufällt, kam die Gründung und Eröffnung der Blindenbibliothek Hamburg zustande.
Den meisten Menschen unter den Sehenden geht das fassliche Verständnis für lesende Blinde ab. Unter Hunderten sind kaum Zehn, die einmal ein Blindenbuch zu sehen bekamen und damit einen Begriff verbinden können. Für jene Vielen in Kürze eine Erklärung der sogenannten Blindenschrift. In den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erfand der Franzose Louis Braille die Blindenschrift und ermöglichte dadurch einen raschen und vollständigen Ausbau des Blindenunterrichts, der heute wohl allgemein einem guten Volksschulunterricht gleichsteht. Das dieser Unterricht auf Schulung und Ausbildung des Tastsinnes fußt, ist wohl bekannt. Und es ist danach auch verständlich, dass alles, was den Blinden vermittelt werden soll, in erhöhten Formen ausgeführt sein muss.  So gibt es neben der Punktschrift Unterrichtsgegenstände zweckdienlichster Art, so auch Zeichnungen, Landkarten und Stadtpläne in plastischer, tastbarer Darstellung. Vermöge der international gewordenen Braille-Schrift ist es möglich, den Blinden eine reichhaltige Literaturausbeute zu verschaffen, die für die Ausbreitung und erschöpfende Vertiefung der Blindenbildung von höchster und einschneidenster Wichtigkeit ist. Das Schema des Blindenalphabets besteht aus zehn Grundbuchstaben und zwei systematisch verwandten Hilfspunkten. Die Unterscheidung großer und kleiner Buchstaben fällt fort, Interpunktionen und Zahlen werden durch die gleichen Zeichen und entsprechende Stellung wie die Buchstaben des Blindenalphabets dargestellt.
Es werden nun Blindenbücher im Druckverfahren, das äußerst kostspielig ist, und gleichzeitig handschriftlich hergestellt, eine Arbeit, der sich bei uns in Hamburg in opferfreudiger und zeitraubender Nächstenliebe weit über achtzig Damen widmen. Verständlich werden die hohen Kosten des Druckverfahrens, wenn man hört, das Schillers Tell in der Reklam-Ausgabe 20 Pfennig, in Braille-Schrift fünf Mark kostet, denn auch die Bandstärke schwillt ungeahnt an in der Punktschrift. 

So umfasst Gustav Freytags Roman „Soll und Haben“ in Brailleschrift vierundzwanzig große Bände, von denen jeder 130 bis 140 Blatt enthält. „Bismarck und seine Leute“, das bekannte Werk von Moritz Busch, besteht in Schwarzdruck aus nur zwei Bänden, in Brailleschrift aber aus sechzehn. Es ist erklärlich, was es demnach bedeutet, eine Bücherreihe von einer Größe zu besitzen, wie der Verein Zentralbibliothek für Blinde, der im Lauf des letzten Geschäftsjahres nicht weniger als 9746 Bände an seine Leser verliehen hat. Der Bestand der Bücherei belief sich Ende 1909 auf 11553 Bände, und zwar Werke streng wissenschaftlichen Inhalts in deutscher, französischer und englischer Sprache, Bücher unterhaltender Art ebenfalls in den vorgenannten Idiomen, zu denen sich noch hebräisch gesellt – Dichtungen, Dramen, Operntexte, Sagen und Märchen, Biographien, Schriften religiösen und ethischen Inhalts. Musikalien, die Noten werden ebenfalls in Punktschrift geschrieben, für Gesang, Klavier, Orgel, Geige und Cello. Musiktheoretische und literarische Werke. Namen wie Shakespeare, Goethe, Schoppenhauer und Nietzsche, Ibsen und Sophokles reden eine stumme, aber gewaltige Sprache für den geistigen Hunger, der da gestillt wird.

Das das Buch der Bücher, die Bibel, und eine starke Anzahl christlich-religiöser Schriften vorhanden sind, ist fast überflüssig der Erwähnung. Die Wahl der Bücher liegt dem Geschäftsausschuss ob, der diese anschafft nach den eingereichten Lesewunschzetteln der Blinden. Der Bibliothekar des Vereins, Herr Richard Dreyer, selbst ein Leidgenosse, leitet in umsichtiger, tatenfroher und unermüdlicher Tätigkeit die starke geistige Zusammenfassung erfordernde Arbeit, unterstützt von einer jungen Gattin und Fräulein Friedrichs, letztere steht ebenfalls gehaltenen Auges, aber schaffensfroh im Leben.
Durch die Liebenswürdigkeit des Bibliothekars wurde mir noch Aufklärung über das Arbeitssystem der Bücherei. Es werden Bücher und Noten nach Österreich, der Schweiz, Spanien, Frankreich und Russland geliehen, außer den Sendungen innerhalb des Deutschen Reiches. Russland wird in Zukunft wohl in Wegfall kommen, da ungeheure Zollschwierigkeiten des Versand verbieten. Der Versand der Bücher erfolgt in festen Kartons, denen gleich Rückadressen beiliegen, einmalige Portokosten trägt der Verein. Die reiche, aber immer noch ergänzungsbedürftige Bibliothek füllt zwei große Räume der Müllerschen Blindenstiftung, die unentgeltlich zur Verfügung gestellt sind, ein weiteres Zimmer ist für Korrekturlesung der handschriftlichen Punktbücher bestimmt, ein vierter Raum angefüllt mit Stapeln von Bücherkisten. Ein ganzes Regal füllen die Kataloge für Blinde in Punktschrift, ausgeführt in dem neuen Kurzschriftsystem, einer Vereinfachung der internationalen Vollschrift, das in Zusammenziehungen besteht.
Die stille Segensarbeit, die dort geleistet wird, dies Wohltun, das so unendlich vielen von Dunkelheit überschatteten Blinden die bisher beengten und oft verschlossenen Pfade zum alles erhellenden Lichtstrom des Geistes aufgesprengt hat, sie mögen weiter wirken und wachsen, zum Heil Tausender unserer Brüder.  

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971) 

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