Hamburg, 26. Februar 1911
Je mehr man in die abgründigen Tiefen leidvollen
Lebens schaut, wo der Menschheit dunkle Not, ihr blasses, herbes Leiden
zusammengeduckt hocken, um so dammloser wird in uns die warme Springflut des
Mitleidens. Viel düsterer und härter, viel entsetzlicher als die bizarren
Phantasiebilder eines Hanns Heinz Ewers ist das, was menschliches Erleben und
Ertragen in aufschreiender Wahrheit zu erdulden vermag. Wie ein grundloser See
erscheint all der Kummer, den unerhörtes Leiden durch die Jahrhunderte
niedersenkte und zusammenrinnen ließ in bittren Wassern tränenschwerer Trübsal.
Das aber, was denen, die im Lichte wandeln dürfen mit
weit aufnehmenden Sinnen, am härtesten dünkt, als dunkelste Qual erscheint, ist
wohl die Not all derer, denen das Licht der Augen gehalten und beschattet ward
von ihres Daseins kalter, mitleidloser Härte. Aber ein sonderbar Köstliches
empfingen jene Nichtsehenden: die seltsame Kraft, die schier unerhörte Wucht
ihres eisenharten Schicksals mit lächelnden Lippen auf sich zu laden und nie
darunter zusammen zu stürzen. Um diese Blinden webt es wie ein stilles,
heimliches Freuen, genährt von geheimnisvoller Innerlichkeit. Ein fast
erdgelöstes Abgeklärt sein umhüllt sie. Es scheint fast, als ob sie durch den
unzerreißbaren Schleier, den sie tragen, bewahrt würden vor den bösen,
hässlich-schweren Eindrücken einer Umwelt, die mehr Dunkelheiten besitzt, als blinde
Augen erdulden müssen. Und in dieser bedingten Abgeschlossenheit von den
Außeneindrücken erwächst ihnen eine höhere, reinere Welt, ihre Innerlichkeit,
durch nichts Äußerliches beeinflusst, ihre Gedanken, durch nichts eindrücklich
Wechselndes abgelenkt, vertiefen sich, wachsen und schaffen sich ein eigenes
Licht- und Sonnenleben. Freilich, der Hohlweg bitterer Qual, durch den die
Lichtbenommenen vordem müssen, den ihres Schicksals dunkelschwere Schatten
erfüllen, er ist in Wahrheit ein Kreuzesweg gewesen.
Bedrückt und förmlich benommen von dem peinbringenden
Gefühl, schlimme Menschennot bald mit ansehen zu müssen, trat ich in das
Müllersche Blindenheim, das neben dem zweckgleichen Lämmerstift liegt, und wo
die Zentralbibliothek für Blinde, Breitenfelder Straße 21, Aufnahme gefunden
hat. Die blinden Frauen aber, die mir auf meinem Wege zu dieser einzigartigen
Bibliothek begegneten, sie waren allesamt in frischer, lebensfreudiger
Tätigkeit. Mit verblüffender Sicherheit öffnete auf unser Läuten eine Blinde die
Windfangtür. Wieder andere kehrten die
ohnehin schon blitzblanken Stiegen und Wandelgänge, oder räumten ihre sauberen,
sonnenhellen Wohnstuben mit frauenhafter Sorgsamkeit auf, rasch und bestimmt in
ihren selbstsicheren Bewegungen wie Sehende. Ich trat in ein Zimmerchen, das
einer blinden Frau Heimstätte war und noch eine Andere behütete, die ärmer war,
wie die Blinde an Sinneskräften. Sie ist seit ihrem achtzehnten Lebensjahre
taub und blind und hört nur einen schwachen Laut, wenn ihr die blinde Stubenkameradin
dicht ins Ohr das Gesprochene übermittelt. Hier zeigt uns diese Taubblinde eine
Handarbeit, von ihr angefertigt. Eine Spreitdecke war es, zusammengesetzt aus
vollkommen fehlerlosen, mit maschineller Genauigkeit erhaben gestickten
Vierecken, die wiederum aneinandergenäht waren. Das Ganze ein Muster, das durch
seine verwirrende Vielseitigkeit selbst Sehenden schwere Stunden bereiten muss.
Und dies alles in seiner Gesamtheit ausgeführt, ohne ein einziges Versehen,
ohne eine abgeirrte Masche, und über der ganzen, unbequemen großen Arbeit eine
förmlich leuchtende Sauberkeit, über eine Arbeit die nicht aussah, als hätten sie fleißige Hände mit
hundert und aberhundert Bewegungen geschaffen. Rührend aber war es, wie die
Blinde das Schaffen und Können der noch ärmeren Genossin erklärend pries, wie
sie ihr den fehlenden Sinn vergessen zu machen versuchte, indem sie ihr in
eifriger Mühseligkeit Gesagtes wiederholte.
Unter der Führung der ersten Vorsitzenden des Vereins
Zentralleihbibliothek für Blinde, Frau Stephanie Nordheim, die eine förmliche
Kristallisierung der Menschenliebe ist und in werktätiger Arbeit durch Jahre
hindurch, ganz abgesehen von praktischen Werten, ihr Leben und ihre Gesundheit
der Not der Menschen hinwirft, betrat ich die Räume der Blindenbibliothek, die
vor allen anderen Dingen verdient, ihre Schöpfung genannt zu werden. Als die Sozialen Hilfsgruppen vor Jahren
anfingen, sich auch mit der Führsorge für die Lichtberaubten unter den Menschen
zu beschäftigen, Vorträge und konzertartige Veranstaltungen im Blindenasyl
abhielten, kam bald das dringende Bedürfnis der Blinden nach geistiger Nahrung
zur Sprache. Die hervorragende Begabung einer sehr starken Anzahl Blinder ist eine bekannte Tatsache, aber die
Möglichkeit, sich durch eigenes Lesen fortbildender Schriften vorwärts zu
bringen, war ihnen lange verschlossen, oder aber nur im engen Maße erreichbar,
da ihnen zugängliche und für sie in tastendem Lesen verständliche Werke
fehlten. Nur in Leipzig verleiht ein Verein Blindenbücher auch nach außerhalb,
aber sein Vorrat ist äußerst beschränkt. Die Dresdener Bibliothek, die über
eine starke Bändeanzahl verfügt, entleiht an auswärts wohnende Blinde nur nach
eingeforderter und genehmigter Erlaubnis des Ministeriums des Innern, eine
ziemlich unverständliche Maßnahme, die nur ein in bessere Form gestecktes
Abschreckungsmittel bedeutet. Die königliche Blindenanstalt in Steglitz, die
aus städtischen Mitteln erhaltenen Blindenschulen Berlin und Breslau halten
eine größere Anzahl Bücher zur Verfügung.
Da in Deutschland, vor der Gründung der
Zentralbibliothek für Blinde, Hamburg, kein Institut dieser Art bestand,
beschloss eine Anzahl Damen und Blinde, unter Mitwirkung des Direktors der
hiesigen Blindenanstalten, Herrn Merle, eine Zentral-Leihbibliothek für Blinde
zu begründen. In der Erkenntnis, dass solche Gründung nur dann von erschöpfend
segensreicher Bedeutung sein konnte, wenn sie allen deutschredenden Blinden
ohne Ausnahme und kleinliche, lokale Beschränkung zugänglich gemacht würde, und
im beständigen, abwechselnden Austausch geistiger Berührungspunkte geschaffen
sind, wurden die deutschen Bundesstaaten zur Mitarbeit am Werk aufgefordert,
die auch geleistet worden ist. Nach einer Arbeitslast von fünf vollen Jahren,
deren Löwenanteil dem Organisationstalent und der beispiellosen
Opferfreudigkeit der Frau Stephanie Nordheim zufällt, kam die Gründung und
Eröffnung der Blindenbibliothek Hamburg zustande.
Den meisten Menschen unter den Sehenden geht das
fassliche Verständnis für lesende Blinde ab. Unter Hunderten sind kaum Zehn,
die einmal ein Blindenbuch zu sehen bekamen und damit einen Begriff verbinden
können. Für jene Vielen in Kürze eine Erklärung der sogenannten Blindenschrift.
In den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erfand der Franzose Louis
Braille die Blindenschrift und ermöglichte dadurch einen raschen und
vollständigen Ausbau des Blindenunterrichts, der heute wohl allgemein einem
guten Volksschulunterricht gleichsteht. Das dieser Unterricht auf Schulung und
Ausbildung des Tastsinnes fußt, ist wohl bekannt. Und es ist danach auch
verständlich, dass alles, was den Blinden vermittelt werden soll, in erhöhten
Formen ausgeführt sein muss. So gibt es
neben der Punktschrift Unterrichtsgegenstände zweckdienlichster Art, so auch
Zeichnungen, Landkarten und Stadtpläne in plastischer, tastbarer Darstellung.
Vermöge der international gewordenen Braille-Schrift ist es möglich, den
Blinden eine reichhaltige Literaturausbeute zu verschaffen, die für die
Ausbreitung und erschöpfende Vertiefung der Blindenbildung von höchster und
einschneidenster Wichtigkeit ist. Das Schema des Blindenalphabets besteht aus
zehn Grundbuchstaben und zwei systematisch verwandten Hilfspunkten. Die
Unterscheidung großer und kleiner Buchstaben fällt fort, Interpunktionen und
Zahlen werden durch die gleichen Zeichen und entsprechende Stellung wie die
Buchstaben des Blindenalphabets dargestellt.
Es werden nun Blindenbücher im Druckverfahren, das
äußerst kostspielig ist, und gleichzeitig handschriftlich hergestellt, eine
Arbeit, der sich bei uns in Hamburg in opferfreudiger und zeitraubender
Nächstenliebe weit über achtzig Damen widmen. Verständlich werden die hohen
Kosten des Druckverfahrens, wenn man hört, das Schillers Tell in der Reklam-Ausgabe
20 Pfennig, in Braille-Schrift fünf Mark kostet, denn auch die Bandstärke
schwillt ungeahnt an in der Punktschrift.
Das das Buch der Bücher, die Bibel, und eine starke
Anzahl christlich-religiöser Schriften vorhanden sind, ist fast überflüssig der
Erwähnung. Die Wahl der Bücher liegt dem Geschäftsausschuss ob, der diese
anschafft nach den eingereichten Lesewunschzetteln der Blinden. Der
Bibliothekar des Vereins, Herr Richard Dreyer, selbst ein Leidgenosse, leitet
in umsichtiger, tatenfroher und unermüdlicher Tätigkeit die starke geistige
Zusammenfassung erfordernde Arbeit, unterstützt von einer jungen Gattin und
Fräulein Friedrichs, letztere steht ebenfalls gehaltenen Auges, aber
schaffensfroh im Leben.
Durch die Liebenswürdigkeit des Bibliothekars wurde
mir noch Aufklärung über das Arbeitssystem der Bücherei. Es werden Bücher und
Noten nach Österreich, der Schweiz, Spanien, Frankreich und Russland geliehen,
außer den Sendungen innerhalb des Deutschen Reiches. Russland wird in Zukunft
wohl in Wegfall kommen, da ungeheure Zollschwierigkeiten des Versand verbieten.
Der Versand der Bücher erfolgt in festen Kartons, denen gleich Rückadressen
beiliegen, einmalige Portokosten trägt der Verein. Die reiche, aber immer noch
ergänzungsbedürftige Bibliothek füllt zwei große Räume der Müllerschen
Blindenstiftung, die unentgeltlich zur Verfügung gestellt sind, ein weiteres
Zimmer ist für Korrekturlesung der handschriftlichen Punktbücher bestimmt, ein
vierter Raum angefüllt mit Stapeln von Bücherkisten. Ein ganzes Regal füllen
die Kataloge für Blinde in Punktschrift, ausgeführt in dem neuen
Kurzschriftsystem, einer Vereinfachung der internationalen Vollschrift, das in
Zusammenziehungen besteht.
Die stille Segensarbeit, die dort geleistet wird, dies
Wohltun, das so unendlich vielen von Dunkelheit überschatteten Blinden die
bisher beengten und oft verschlossenen Pfade zum alles erhellenden Lichtstrom
des Geistes aufgesprengt hat, sie mögen weiter wirken und wachsen, zum Heil
Tausender unserer Brüder.
(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971)
(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971)
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