Samstag, 4. April 2015

Marktwanderungen


Hamburg, 29. Oktober 1911
 

Es ist nicht immer gesagt, dass alles Neue auch bedingungslos gut sein muß. Im Gegensatz zum erprobten Alten verfügt es meist über alle Schattenseiten der unerfahrenen Jugend. Wenn diese aber nicht ganz und gar in der Anlage verpfuscht ist, kann man im Lauf der Zeiten auf Besserung hoffen.
Vorläufig scheint mir freilich, dass wir mit dem Aufgeben des Hopfenmarktes noch mehr verloren haben, als nur das schöne, wechselreiche Bild, geweiht durch die Jahrhunderte. Die tätig am Marktleben Beteiligten fanden statt der erhofften Bewegungsfreiheit beengende Einschränkung an den neu geschaffenen Stätten ihrer Tätigkeit. So muss es wenigstens dem unbefangenen Beobachter erscheinen, der zur Zeit des großen Marktes, am Freitag, den Bahnhofsplatz aufsucht.
Auf den Zufahrtsstraßen ein atemnehmendes Gedränge von Marktwagen. Kaum Luft scheint zwischen die einzelnen Gefährte kommen zu können, das Bild hat beängstigende Ähnlichkeit mit dem unvollkommenen Gewühl am Burstah, als der alte Hopfenmarkt noch der Kriegsschauplatz war. Mit dem Glockenschlag des Marktbeginns kommt übersichtliche Ordnung in die Wagenburg.
Kopf an Kopf, ausgerichtet wie bei einem gut klappenden Kavalleriemanöver, stehen die Gäule. Die meisten dösen, ergeben in ihr Schicksal, still vor sich hin, nur ab und an gibt ein aufmerksames Ohrenspiel Kenntnis davon, dass Leben, Daseinsverständnis in einem oder dem andern der Vierbeiner steckt. Fein säuberlich von dem edlen Vetter getrennt, hocken die Hunde unter ihren Karren. Frierend verfolgen sie mit flackernden Augen jeden Schritt ihres Herrn im Weiberrock oder in Männerhosen.

Man muss eine Weile in der Nähe des spurlos dahingegangenen Klosterbahnhofs stehen bleiben, um den rechten Überblick über das Geschiebe und Getriebe des neuen Hauptmarktes zu bekommen. Den Freund althamburgischen Wesens überkommt dann zuerst ein wehmütiges Bedauern ob dem, was der eherne Schritt der Zeit niedertreten musste an jahrhundertealter Schönheit eines Bildes, das unter dem Schutz und Schatten der Nikolaikirche so lange die bunten Reize mannigfaltigen Lebens entfaltet hatte und voll Kraft und derber Natürlichkeit steckte, wie Gemälde altniederländischer Meister der Farbe.
Allzu herbe und wahrhaftig nicht immer sehr glücklich fährt hier die neue Zeit hastig zwischen das Gewühl der handelnden und kaufenden Menschheit. Fährt, im eigentlichen Sinn des Wortes aufzufassen. Denn von der höher liegenden Straße aus sieht man mit erschreckender Deutlichkeit, wie sich der blitzende Schienenring der elektrischen Bahnen rings um den Markt erdrückend eng legt, wie sich ihre Wagen unter unausgesetztem Läuten mitten durch die drängenden Menschen und harrenden Fuhrwerke der Gemüsehändler mühsam durchquälen müssen.
Oberhalb des Markttreibens aber, auf den fest gefügten Mauern der Eisenbahn-Überbrückung, da lebt und schafft das, was in Wahrheit großzügig ist an der Neuzeit. Signalarme schnellen auf und ab, aus dem weit aufgerissenen Schlund der Hauptbahnhofshalle flüchten die Züge in unausgesetzter Folge, oder gleiten hinein, als ob sie sich bedingungslos einer dunklen Schicksalsmacht anheim geben müssten. Gelles Pfeifen schneidet die Luft, wie Arme, die erschrocken hoch fahren. Ein stampfen, ein dröhnendes Vorwärts hasten klirrt über die Eisenschienen und schüttert mit rollendem, dumpfem Laut auf den Straßenüberführungen. Der Verkehr, der die Welten verbindet, wettert vorüber.
Und unsichtbar über die Brüstung der Eisenbahnbrücke gelehnt, sieht die neue Zeit auf das Getriebe des Marktes, eingehüllt in die Schwingungen des Lärms, ohne die Sie nicht denkbar ist. 

Deichtorhallenkunst

Es ist anders wie am Hopfenmarkt, wo aus der hohen Luke des Nikolaiturms die Vergangenheit nieder schaute, ungetan mit jenem eindringlichem Schweigen, das die Jahrhunderte mit sich führen.
Zeit wird es, dass ich mich auch mitten hinein in das Marktleben stürze. Allzu lange stand ich auf einer Stelle. Ein Schutzmann wurde schon auf mich aufmerksam und schätzt mich mit musternden Blicken ein. Schutzmannsblicke vermögen es, bei dem unschuldigsten Unterton urplötzlich ein schlechtes Gewissen aufkeimen zu lassen. Und das ist eine zwecklose Nebenbeschäftigung.
Die Buntheit auf dem Markt ist reich in ihren Farben wie der Herbst selbst. Eintönig sind allein die Kleider der Menschen. Verschwunden, eingestampft von der nüchternen Allgemeinheit scheinen die Trachten der Vierländerinnen, nichts sieht man noch von der Eigentümlichkeit der Bardowieker, kein Altenländer Kopfschmuck drückt wie einst das glatte Scheitelhaar der einzelnen Frauen. Es ist ein Jammer, diese verhängnisvolle Wirkung neuer Tage!
Mit den ausgeprägten Merkmalen ihres Daseins versehen, drängen sich Hafenlöwen mit schwimmenden Schnapsäuglein im Wiegeschritt zwischen den Ständen hindurch. Bereit, für wenig Entgelt volle Körbe an die wartenden Wagen zu schleppen, um dann so rasch wie möglich die erworbene Scheidemünze in Feuerwasser aufzulösen.
Marktbeamte wandern von Stand zu Stand, um das Marktgeld einzufordern, das je nach Größe des einzelnen Raumes von 60 Pfennig bis zu 1,20 Mark schwankt. Alles spielt sich mit kameradschaftlicher Gemütlichkeit ab.

Auf einem Kürbis von Achtung gebietender Ausdehnung hockt ein feistes Bäuerlein und wickelt mit stoischer Ruhe von diesem harten, gelben Thronsessel aus seine Kaufgeschäfte ab. Er sitzt fester als der kleine Kaiser von China und weiß nichts von revolutionären Unterströmungen. Langsam bummle ich von Stand zu Stand, um ab und an ungewollt rasch vorwärts zu schieben, wenn einer der Träger mit wohlgezielten Stößen mir seine leeren Körbe in die Kniekehlen rennt, was sehr oft der Fall ist.
Die Oktobertage stehen im Marktleben unbedingt im Zeichen der Kohlsorten. Wohin man sieht, flegeln sich die dicken, runden Kohlköpfe herum, und es ist erstaunlich, was für eine Fülle von Farbe auf ihren festen, feisten Kugelgesichtern liegt. Bläulichrot, wie das Gesicht eines Mannes, dem der ständige Aufenthalt in Wetter und Wind unzählige kleine Blutgefäße zum Springen brachte, so guckt der Rundschädel des Blaukohls aus den dicht geflochtenen Marktkörben heraus und schielt neugierig über den Rand nach seiner wohlgenährten Freundin Weißkohl, die ein lichtgrünes Überkleid auf gelbweißen Grund angetan hat. Unweit von ihrem Platz hat sich sein gefährlichster Nebenbuhler aufgestellt. Aus sattem Dunkelgrün ist der feste Rock, mit verführerisch gekräuseltem Hauptschmuck und seiner fremdländischen Abstammung steckt er für die Damenwelt voll besonderer Reize, es ist der Savoyerkohl, der dort seiner Stunde wartet.
Ängstlich besorgt schlingen sich mütterliche Blätterarme schützend um die jungen, unschuldig weißen Köpfe des Blumenkohls. Mit bissigen Gesichtern und verkümmert dünnen Leibern, wie böse, alte Weiber, hockt der Lauch da. Die kleinen dünnen Wurzelfasern starren von den Köpfen wie ausgemergelte kleine Straußenfedern auf einem vorsintflutlichen Kapotthut. Dazwischen, in wohltuender Gemütlichkeit, Zwiebeln aller Sorten und Größen, Bauersfrauen, angetan mit sechs farbigen Unterröcken und einem rotbraunen Warprock darüber.
Unweit davon ganze Wagenladungen Steckrüben. Mit ihrer gelben Haut und dem abgeschnittenen Kohlstrunk sehen sie aus wie Chinesenköpfe, die durch die Mandschutöter ihre Zöpfe verloren haben.

Auf der anderen Seite des Marktes leuchtet es da und dort auf, wie blaßrote Blutstropfen. Es sind Körbe voll Hagebutten, ganze Kisten von Preiselbeeren und dann wieder, dicht aneinander gedrückt, Radieschen mit gesunden, roten Pausbacken. Rettiche in weißem und schwarzem Mönchshabit stehen ernsthaft dazwischen. Gelbrot, in bauschigem Umfang, leuchtet das Röcklein der hübschen Bauernmädel, der Mohrrüben, auf. Englische Gurken und Kopfsalat füllen Kisten und Körbe. Die knirschenden Blätter des Winterspinats sind in heller Menge vorhanden, ebenso die düstere Schwarzwurzel und die gewichtige Dame Sellerie. Auf dem Fruchtmarkt duften späte Himbeeren, dunkelblaue Pflaumen, Birnen in allen Farben, vom blassen Gelb bis zum leichten Rot, füllen die Obsttonnen. Äpfel übertrumpfen ihre Färbung mit ihren runden, knallroten Backen. Italienischer Wein, mit seiner glasharten, grünlichen Beere, liegt friedlich neben der deutschen Traube.
Wie vertrocknete alte Jungfern, die sich tief im Innern überraschende Süße vergangener Sonnentage bewahrt haben, liegen verhutzelte Feigen. Herbe Granatäpfel mit ihrem kernreichen Gehäuse Drängen sich dicht neben gelbrote, stark duftende Quitten. Stechend Gelb, als hätte der Neid sie gefärbt, hocken die Zitronen zusammen, in flammendem, glasigen Rot fiebriger Erwartung die Tomaten. Bis zum Rand gefüllt stehen Körbe mit frischen Walnüssen, die für den harten Kampf mit den Wettern des Lebens ein festes, rotbraunes Panzerhemd angelegt haben. Hier und da in schlichtem Braun, die weiche, köstliche Mispelfrucht, die nur den Kenner lockt. Volle Bananenäste, ganze Ladungen Ananas ziehen die Käufer stark an. Mitten aus dem Markt heraus ragt das Baugerippe der werdenden Erdbeerhalle, das Eisengestänge rot Überlaufen von der schützenden ersten Farbe.
In ihrer Nähe liegen die Durchgangswege, die hinab zu den groß angelegten Marktkellern führen. Weiße Fliesen auf den Fußsteigen, helle Glasursteine an den Wänden. Eisige Grabesluft haucht dort unter der Erde eine Kälte aus, die bis ins Mark fühlbar ist. Man glaubt sich unmittelbar in die unterirdischen Grabgänge Roms versetzt, beim ersten Schritt hinab. Wie versunkene Straßen mutet das Ganze an. Und Namen führen auch die einzelnen Wege.
Durch den Vierländergang wandte ich mich. In kurzen Abständen düstersten kleine elektrische Glühbirnen. Rechts und links zieht sich hohes festes Drahtgeflecht, dahinter unter sicherem Verschluss die Keller der einzelnen Marktleute. Stapel von Körben türmen sich auf. Dumpf und hart schallt das vereinzelte Schreiten von Menschen. Der Oberwelt wandte ich mich wieder zu und trat an den nahen Wasserarm, wo die Vierländer und Altenländer Kähne, dicht aneinander geschoben, festgemacht hatten. Eben werden die leeren Körbe verstaut, die alle verschiedene Zeichen ihrer Eigentümer in bunten Farben tragen. Es ist später Nachmittag geworden, das Marktgewühl beginnt sich zu lichten. Und auch ich zwänge mich durch, den häuslichen Penaten zu, um am kommenden Morgen rechtzeitig beim Blumenmarkt anzutreten.

Der neue Tag brachte triefenden Nebel. Die dampfenden, feuchten Schwaden warfen sich rücksichtslos allem entgegen, das sich ihnen in den Weg stellte. Hart bedrängten sie vor allem die zuckenden Lichter auf der Straße. Das rote, drohende Licht der Signallaternen an den Eisenbahnschienen ward furchtsam und duckte sich, erschrocken zusammenscheuernd. Wie eine zuckende, nach Atem ringende Kette von Leuchtkörpern verschwammen die Laternenreihen und schienen in dem dunklen Einfahrtstor des Hauptbahnhofes unterzugehen, zu verlöschen.
Es ist kurz nach sechs Uhr. Leute der Arbeit oder Reisende sind alleinige Beherrscher der Straßen. Nun fängt der Nebel an, sich in schüttenden Regen zu wandeln. Die Blumen unten auf dem neuen Markt ficht er wenig an. Sie scheinen nur erfreut sich aufzurecken, als genössen sie vergnügt die kühle Morgensuppe. Gleich am Anfang des Marktbereichs lagern ernste, dunkelgrüne Tannenkränze, Vorboten des kommenden Totenmonats. Astern, von der alten, schlichten Stammmutter angefangen, bis zu den großen veredelten Sorten, gibt es in großer Fülle. Stechendes Gelb, Rostrot und sattes Braun führen sie im Wappen. Lila in allen Farbenwandlungen, vom blassen bis zum dunkelsten Ton, düstert aus den gefüllten Körben.
Winzige Sternblumen schütten im scharfen Luftzug entsetzt die Köpflein, wie verzärtelte Prinzessinnen, aus dem Märchenland. Dahlien beanspruchen ihren Platz, und die dickköpfigen Levkojen und breiten Georginen sehen aus, als seien sie unmittelbar aus Großmutters verwildertem Gärtlein herüber gekommen in die fremde Welt. Heidekraut, in Töpfe gezwängt, träumt von vergangenen freien Tagen.
In herber Abwehr recken Stechpalmen ihre Blätterarme von sich; wie blutige Tränen, die sie weinten, als man sie brach, leuchten roten Beeren aus ihrem düstergrünen Kleid.
Und mit raffenden Armen kommen die Straßenhändler, um sich ihren Tagesbedarf an Blumen zu holen.
Und auch diese wissen nicht, wie die Menschen, was ihnen Tag und Abend ihres Lebens bringen wird, und wo das letztet Welken über sie kommt.

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12978)  

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