Samstag, 7. Februar 2015

Regentag in Hamburg



29. Januar 1911, Hamburgischer Correspondent
 
Gar sonderbar, wie so mancherlei jetzt auf der alten Mutter Erde, ist auch dieser Winter wieder einmal für uns. Im Januar, wo man sonst gewohnt war, Aucholf, den klirrenden Reifriesen mit seinem grimmig kalten Odem schauernd zu spüren, wechselt dies Jahr das Wetter so rasch seine Stimmungen, wie eine untätige Frau, und wirkt auch genau so unsympathisch wie solch ein unbeschäftigtes Überbleibsel nicht mehr verstandener Zeiten, vergangener Anschauungen es tut unter der abgenutzten Schutzmarke seiner launischen Weiblichkeit. Bewahren kann man sich weder vor dem einen noch dem andern Einfluss, nur sie ertragen mit der tiefen Philosophie der Stoiker.
Südwestwind heißt seinen Regenmantel als Segel auf und scheu und geduckt huschen dunkelschwere Wolken vor ihm her. Die tranken sich satt, draußen, auf offener See, und vermögen in ihren Armen die Fülle der Wasser, die sie schöpfen gingen, kaum mehr zu halten und zu bergen. So sehr bedrängt sie der immer wilder zupackende Sturm, bis sie den Atem verlieren, wie geängstigte Kindlein, und kraftlos zu weinen beginnen, untröstlich, unaufhaltsam.

Dumpf schlagen die Tropfen an die Fensterscheiben, wo sie sich sammeln wie in stillem Abwarten, bis der Sturm kommt und sie mit heiserem Lachen zusammenwirft und sie wandelt zum Ganzen, und nun ein hastender Wasserstrahl erdenwärts vor ihm entweicht. Eintönig klopfen die Wasser in den Dachrinnen, fallen und gleiten, gleiten und fallen. Dicht über den starren Häusermauern huschen die Wolken vorbei, bedrängt von der Not der Stunde. Die alten, mächtigen Bäume, die in Harvestehude und auf der Uhlenhorst unbeirrt die Hochwacht halten, tropfen vor Nässe, und ihre dunkle, rissige Rinde glänzt unter dem Wasserhauch, der sie umhüllt. Schweigend, in düsterem Ernst recken die gewaltigen Eichenstämme auf der Krugkoppel ihre Arme dem rüttelnden Sturm entgegen; in zäher Treue, wie echte Nordlandkinder, halten ihre Astfinger noch hier und dort ein welkes Blatt, das sie nicht lassen wollen, weil es ihnen lieb wurde in der wechselnden Tage Meng, die sie zusammen sahen.

Der Asphalt auf den Straßen dehnt sich aus in blinkender Nässe. In mürrischer Verdrossenheit hasten die Leute aneinander vorüber, als hätte einer den anderen in Verdacht, das tolle Wetter heimlich zusammengebraut zu haben. Die Gummischuhe knirschen dazu voll Vergnügen, weil sie in ihrem Beruf stehen und in ihrem Element wandeln. Auf den gemütlich schmalen Fußsteigen am Neuen Wall und Burstah gibt es Zusammenstöße von Regenschirmen, die mehr oder weniger komplizierte Schirmbrüche und Wutausbrüche zur Folge haben.
Wasserbäche stürzen in eiliger Flucht von den Dächern der Elektrischen, wenn die großen Wagen zu kurzem Verharren gestoppt werden. Zu zischendem Aufspritzen treiben die jagenden Räder der Tram das ruhende Wasser aus dem Hohlraum der blankgefahrenen Schienen und in schwappendem Aufschlagen klatscht es auf die Straßen. Innen aber, in den Elektrischen, herrscht die bekannte Überfülle der Regenzeiten, und zugleich jener üble, unsympathische Dunst nach wollenem Zeug, das schwer wurde von fallender und willig aufgenommener Nässe. Die übrige Atmosphäre aber ist geschwängert von jener bewussten, heimlichen Feindseligkeit, die sofort jedem Einsteigenden entgegenschlägt und dem zu ihm gehörenden wasserspeienden Regenschirm gilt.

Draußen aber umklammert jeden die Nässe mit feuchten Händen und hängt sich an ihn mit eigensinniger Beharrlichkeit. An den Bootspflöcken, die in die Binnenalster gerammt sind, hocken, regelmäßig ausgerichtet, wie es für einen Militärstaat selbstverständlich ist, zahllose Möwen, hängen an den bogigen Ketten, die sich von Pflock zu Pflock ziehen, liegen in ganzen Schwärmen auf den atmenden Wassern und schießen in wildem, aufgeregtem Flug über das Brückengemäuer des Jungfernstiegs, um mit krächzendem Kreischen die silbrigen Fische geschickt aufzufangen, die ihnen zugeworfen werden. Und des Regens neugierige Finger zerren an den gefüllten papierenen Tüten der Fischfrau, die ihre Ware eigens für die Herren Möwen feilhält, bis sich diese Hüllen erweichen lassen und auseinandergehen, ehe ein Schutzmann sie noch dazu aufgefordert hat.

Auf dem Neuen Wall staut sich die Menge, vor der durchdringenden Beharrlichkeit des rieselnden Regens aber entwich in den schützenden Hausflur ein schier unentbehrliches, althamburgisches Wahrzeichen, das man vermisst, wenn es nicht dahockt, und übersieht, wenn es vor der Apotheke sitzt, aufgepludert wie ein frierender Vogel, die filzbeschuhten Füße auf dem Warmbecken, in der Hand die geliebte Kaffeetasse oder einen schwarzen Strumpf, der anscheinend nie fertig wird oder stets wieder Junge bekommt. Knallrot die wetterzerwühlten Backen, die kleinen, klugen Äugelein in aufmerksamer Bewegung, und aus vollem Mund oder glatter und geschränkter Strickmasche klingt der Weckruf: Corrrrrespondent, Mittagsausgabe. Das alte Zeitungsweiblein stößt ihn aus, und sie passt hinein in das heimatliche und eigenartige Bild. Man hat sich an sie gewöhnt wie an die Möwen, die auch plötzlich einmal da waren, unerwartet, und nun das Ganze ergänzen helfen und den Eigenreiz unserer alten, schönen Stadt noch unterstreichen und erhöhen. Wie es die Alte auch tut, auf ihre Weise, die da wirkt wie ein fleischgewordener, verwitterter Erkervorbau, und außerdem noch an sich beweist und illustriert, wie gesund trotz aller verdammenden Urteile das verpönte hamburgische Weltuntergangswetter sein muss.

Pfeifend läuft der Sturm um die Ecken und ärgert sich, dass er auch bei uns auf Überläufer unter der Frauenwelt stößt, die den unschönen Humpelrock tragen und es dem Wind, dem frischen, dadurch unmöglich machen, sich wie sonst in schlagenden Rockfalten zu verfangen und Toiletten auf seine drastische Art umzumodeln. Wütend setzt er mit krallenden Händen ein schlagendes Flaggentuch auseinander und saust mit tollen Sätzen durch die feuchtdunklen, schwermütig stillen Fleete, dass die Möwen aufkreischend vom nassen Laufsteg einer Kohlenschute hochfahren und im unruhigen Flug über den Dächern kreisen.
Der Wind aber hastet voll jagender Ungeduld eine Weile hinter den Angstvoll fliehenden Regenwolken her, holt dann tief Atem und stürzt im Hafen mit gellem Geheul in die aufwirbelnden, tanzenden Wasser. Die vertäut, breitbauchigen Ewer stößt er aneinander, dass ihre Plankenknochen dumpf krachen und es wie ein leises Aufstöhnen herüber klingt, bis zu den Duckdalben, die Arm in Arm dastehen, ihre Füße fest in den Uferboden gerammt und sich leise hin und her wiegen in vereinter, starker Kraft, in trutzigem Beharren. In der Wasser frohes, eiliges Fluten taumeln die Regentropfen in jähem Fall, und springen leicht wieder auf vor heller Freude, dass sie in dem vergehen können, was ihr Werden war. Über des Elbstroms Wellen aber ging ein Zittern. Das war, als der Sturm in rastloser Eile hin und wider lief, achtlos vorbei an den kleinen, wild schaukelnden Barkassen, hinüber zu den schwerfälligen, schmutzigen Kohlendampfern, die er anrempelte wie ein ungezogener Junge, dass sie verschlafen aufmerkten und sich langsam regten. Pfeifend rannte er über Deck und hing sich an die Ketten des Krans, der Kohlenlasten abwärts auslädt, mit einer solch wilden Gewalt, dass die starken Trossen in schwankende Bewegung geraten. Die Kohlen aber, die sonst in stumpfem, totem Schwarz ruhen, flammen in dunklem, geheimnisvollem Glanz, den des Regens feuchtwarme Lebensströme seltsam erweckten.

Rastlos hetzt der Wind und ruhebar hinauf zur Elbhöhe und packt eine Wolke, und schüttender Regen strömt über den steinernen, stillen Recken, der dort Wacht hält über der stärksten und freiesten deutschen Stadt, über dem stolzen, breiten Strom, der Hamburgs Schaffen und stolzen Handel hinaus in die Meere, hinein in alle Teile der Welt tragen darf. Über des Alten granitharte Züge rieseln die Wasser, an sein Gewaffen fassen des Sturmes verwegene Finger. Er aber steht und regt und rührt sich nicht im Sturmeswetter wie auch im Leben. Je schlimmer feindliche Wetter über dem stolzen Gauen Deutschlands einst drohten und tosten, um so gewaltiger trotze die Ruhe des eisernen Kanzlers. Auf hohem Horst ragt jetzt des Recken Rolandsbildnis, granithart, wie deutsches Wollen, unverrücklich wie nordische Treue, wetterstark, wie hanseatischer Arbeitswille.
Vom Elbstrom herauf aber dröhnt im Gleichtakt dumpfes Brausen. Das schuf kein wandernder Sturm, das ist der gewaltige Atem der Arbeit, der unerschöpflichen, die Hamburgs siegreichen, stolzen Weltenhandel beseelt.

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971)  

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