Hamburg, 19. Februar 1911
Regen und eilig zergehender Schnee stritten im
hastenden Wirbelkampf um die Vorherrschaft, hartnäckig, voll unermüdlicher
zäher Ausdauer. Der still und lauernd bei den Wassern hockende Wind sah dem
Getriebe zu, ruhig und reglos, eine lange, lange Weile. Bis er urplötzlich mit
einem jachen Satz auffuhr und mit fliegendem Atem den flutenden Regen und dem
weichen, gleitenden Schnee immer wilder, immer toller durcheinander hetzte und
hin und her trieb. Die hohen stillen Bäume schüttelten sich vor all der
unerwarteten Nässe und stießen einander an, ganz erschrocken. Der tobende
Geselle war ihnen in die Kronen gefahren und hatte auch sie rasch einmal
gepackt und gerüttelt voll überquellender, gewaltiger Kraft.
Die Leute in der Elektrischen, die nach Ohlsdorf
fuhren, von Freundespflichten gezwungen, versicherten sich alle gegenseitig in
unerschöpflichem Wortschwall, dass dieses Wettertreiben für alles andere besser
passe, nur nicht gerade, um nach Ohlsdorf zu müssen. Da sie es alle mit
verblüffender Einstimmigkeit behaupteten, so musste es wohl stimmen. Sonderbar.
Ich hatte mir just dieses Wetterspiel ausgesucht, um in unsere stille
Totenstadt zu fahren, die mir lieb ist bei Sonne und Licht, die ich kenne, ob
das Jahr steigt oder fällt, und deren geheimnisvollster Zauber sich enthüllt im
Wehen der Wetter, unter schützenden Mantel der Einsamkeit, den Winterweben über
sie breitet.

Eine kleine Weile, und all die Menschen, deren
aufdringliche Allgemeinheit nie platter und abstoßender wirkt, als wenn wir
Großem still entgegen gehen, nie peinlicher ist, als wenn wir
Nichtzuerschöpfendes unermüdlich durchgrübeln wollen; all jene störend dunklen
Menschen waren bald hinein gehastet, dahingegangen wie schwindende
Abendschatten in die breiten Hauptstraßen der heut so schweigsamen Stadt
unserer Toten.
Hier draußen, wo die Lüfte sich freier regen und ihr Atem kälter ist als zwischen der Häuser schützenden Mauern, hier hatte der Schnee obgesiegt. Die Flocken, die weichen, die großen liefen vor dem Winde her, der sie jagte und griff und auf der Tannen breites tiefhängendes Geäst warf. Die aber hatten allzu harte Hände. All das weiche, schweigende Leben, das sie überfiel, zerrann und verging auf dem starrenden grünlichen Nadelpanzer.
Von einer der breiten Hauptstraßen aus bog ich rasch
hinein in einen stillen, abseits liegenden Knickweg. In dem leichten Auf und Ab
des welligen Geländestreifens lagen die rostbraunen welken Buchen- und
Erlenblätter, in dichten Schichten eng unter die Bäume gedrückt, die ihnen
ihres Lebens Säfte gegeben und sie doch nicht halten konnten, als die Stunde
ihres Sterbens gekommen war. Ab und zu regte sich raschelnd ein totes Blatt in
falschem Leben. Das war, wenn es getroffen wurde vom Hauch der tiefatmenden Einsamkeit,
die in lautlosem Schrecken durch die schweigende Stille glitt. Glänzender
Wasserhauch hing sich an die dunklen Stämme der Erlen, die mit ihren Ästen tief
herab nach der feuchten Erde griffen, als wollten sie spüren, ob sie noch immer
weiter im Traumschlaf läge. Die nassen grauen Schlangenleiber der Blattlosen
Buchenstämme wanden sich hoch empor aus dem Gewirr des niederen Gestrüpps, an
dem die zu Wasser ausgewandelten Schneeflocken in zitternder Bewegung hingen.
Starke Eichen, die sich den Grund und Boden, der sie trägt, erobert zu haben
scheinen in trutzigem Reckenkampf, halten in zäher rührender Treue die
abgestorbenen Blätter fest, die ihnen im lichten Liebesfrühling erwuchsen, und
lassen sie nicht, bis neues Werden und Leben des Ringes Ketten weiter schließt
an das Gewesene.
An der Hand der Ruhe tritt das Schweigen aus den Büschen. Hörbar fast legt sich der leichte Schnee auf alle Wege und die stillen Bäume und über all das welke rötlichbraune Laub. Vom Frost gehalten stehen die Teiche still, die Rhododendrenbüsche träumen dunkelschwere Dinge, und nirgends, sichtbar im Bereich des Auges, ein Grab – ein Kreuz – die Wölbung eines stummen Hügels. Da überkommt mich, fühlbar, der innerliche Frost großen Alleinseins.
Und raschen Schrittes eile ich nach den weiten
Feldern, wo hundert breite Hügel aufgeworfen, wo aberhundert Kränze dürre Erde
decken. Hier gibt es kein Alleinsein. Ein urgewaltiges Reden hebt hier an. Zu
stummer Größe wächst, was unscheinbar gewesen. Starke Lebendigkeit steigt aus
der Gräber Tiefen. Und schattenhaft umdrängen all die Hügel die unerfüllten
Wünsche jener Toten. Behutsam rückt der Wind hier und da an einer verwaschenen
Kranzschleife, zupft ein welkes Blatt aus einem Gräberstrauß und treibt es
abseits.
Des Vergehens ewige Fragezeichen bedrängen meines
Geistes erdgebundene Kräfte. Ist dieser Tod das Ende aller Dinge? Wo wir auch
Umschau halten mögen auf dem Erdball, sei es selbst bei den geringsten
Lebewesen, den für uns unscheinbarsten aller Dinge, finden wir immer und immer
einen bestimmten, scharf umrissenen Zweck. Nichts gibt es, das zwecklos wäre,
denn das ginge wider die Natur. Der Mensch selbst ist also der lebende Beweis
für das künftige veränderte Fortleben seiner Seele und Geisteskräfte. Des
Fleisches Endzweck ist: völliger Tod, denn das Alter, die Not der Krankheit lässt
es zusammensinken. Über sein Reifen hinaus gibt es für den Körper keine
Entwicklung mehr. Das andere aber, was in den Menschen gelegt wurde, die
Fähigkeiten seines Geistes und seiner Seele, was in ihm ruht, arbeitet und
ringt, was sich betätigt in selbständigem, ja selbstschöpferischem Handeln und
Schaffen: um dies alles zu vollkommener Reife und Vollendung kommen zu lassen,
reicht solch kurzes Erdenleben nicht aus. Somit wären alle diese Kräfte der Zwecklosigkeit
unterworfen, die die Natur, die Schöpfung nicht kennt, wenn der Tod des Körpers
uns nicht zu einem anderen Leben verhelfen würde. So gewiss der Zweck aller in
uns gelegter Geisteskräfte, der uns in kleinem oder großem Maße gegebenen
Anlagen immer nur der ist und sein kann: uns zu vollkommener Vollendung zu
entwickeln: ebenso gewiss können wir diese nur erreichen in einem anderen,
gänzlich anderen „Leben“. Unsere geistige Persönlichkeit und unsere Seele, sie
leben fort, müssen fortleben, um den von der Natur gewollten Zweck zu erfüllen.
Der Natur, die nichts halb zu tun pflegt und deren Zielpunkt von Urbeginn her
das Vollbringen ist.
Die Art jenes anderen Lebens freilich vermögen wir nur zu ahnen in jenen lichten Augenblicken, die jedem einmal kommen unter uns. Jedem. Stark, überwältigend, oder ganz matt, unsicher, verwischt, zweifelsschwer. Immer aber macht sich dabei ein starkes Widerstreben bemerkbar, ein stoffliches, das Widerstreben des Körpers, der unwillkürlich auch hier nur seinem irdischen Endziel zuneigt, und über den Geist, der berufen ist, Welten zu durchmessen, Beschränkung, Erdenschwere auftürmt.
Ich wende mich und wandere, und stehe vor einer Reihe
Gräber verstummter Kinder. So grenzenlos Grausam erscheint die Hand, die ihnen
ans Herz rührte, dass es stillstehen musste, und sie aus dem Licht in
unfassliches Dunkel trieb. In die Finsternis, die sie hier oben doch immer
doppelt fürchteten, wenn sie ganz allein waren, und aus der ihnen jetzt keine
sorgende Mutterhand mehr heraushelfen kann. Die Weiden und grünen Lebensbäume,
die hier und da Wache halten, haben ihre Astarme still niedersinken lassen, wie
in tiefer Mutlosigkeit. Über die Wetterseite ihrer rissigen Stämme zogen sie
einen dichten Mantel von feinem Moos, das in solch köstlichem, giftgrünem Ton
leuchtet, wie die Kupferpatina unserer Kirchturmspitzen.
Weiter zog es mich, hinüber zu Ohlsdorfs schönster Stätte, zu den verschwiegenen, abseits träumenden Waldgräbern. Hochgereckte Tannen umhegen diese Stillen. Tief bis zur Erde wallt die grüne Schleppe ihres Nadelkleides und deckt mit wärmendem Schutz die winterliche Erde über ihren Wurzeln. Unaussprechlich tiefe Ruhe über allem. Der Wind selbst mag nicht über die Waldwege streichen. Er biegt nur in wissbegieriger Eile die Zweige der hohen Tannenwipfel auseinander. Man hört ihn vorüberhasten, hoch oben von Baum zu Baum. Über den Gräbern aber ist Stille. Unbeirrt vom zerrenden Lufthauch rieseln die weißen Flocken in schier unerschöpflichem Abwärtsgleiten erdenwärts, wie angezogen von unerforschten Gewalten, gleich den Menschen rings auf dem Erdball, die in unaufhörlichem sterbendem Verwandeln abwärts sinken in die Tiefen der Mutter Erde.
Da reckt es sich ragend vor mir auf, wie eine
hochtürmende Felswand, umdrängt von Tannen, überwuchert von Moos und Efeu: ein
mächtiger Findling, der Stamm keusch versteckt unter den Armen des
breitblättrigen Eppichs, darunter der Schweigsame Hügel. Mit klappendem Flügel
streicht ein dunkler Vogel rasch und unerkannt durch das Geäst. Hoch oben, im
winterfahlen Licht des Tages, jagen graue, schwere Schneewolken hastig vorüber.
Unwillkürlich recke ich meine Arme aus in strotzendem Kraftgefühl. Die ganze,
geheimnisvolle Schönheit rings um mich möchte ich freudig, andächtig umfassen.
Wie eine Art sonderbaren Neids kommt es über mich auf den stillen Kameraden,
der da neben mir in gesicherter Tiefe lautlos schlummert, den Ruhigen, der sich
einen verborgenen Platz aussuchen konnte, um sich in keuscher Andacht den
ewigen Gesetzen zu ergeben, und so köstlich umfasst wird von dem, in dem er
verwandelt aufgehen muss. Mit dem Atemzug jeder Stunde, der seinen Hügel
streift, dringt er geheimnisvoller, erschöpfender in das tiefe Weben um ihn
ein, wird er stärker teilhaftig der wundersamen Schönheit über ihm. Gehalten
ist sein Auge nimmermehr. Groß machte es ihm und erkenntnisreif seine große
Stunde. Und die atemberaubende Dunkelheit, die ihn überfiel, löste ihm die
unentwirrbaren Schatten des Daseins, und er verstand und durchmaß von da an das
Unergründlich scheinende. Eine große, schweigsame Freude überflutet mich, dass
so Erhabenes auch meiner wartet, so kostbar Unüberkommens auf jenem Weg, der
keine Umkehr kennt, auch meine Seele einmal durchhauchen wird.
Feuchter Moderduft stiehlt sich hervor unter den hängenden Tannenzweigen, den wasserschweren Kränzen, und des Tages Licht will sich neigen. Urmutter Zeit, aus deren Schoß Erfüllung uns entsprang, wandelt mit weichem Schreiten über die Gräber fort, hinein ins Leben. In stillem Schauen zieh´ ich meine Straße, ganz dicht vorüber an den dunklen Tannen. Schneefeuchte Zweige streifen mein Gesicht. Ich empfinde sie nur wie die Berührung einer gütigen Mutterhand.
Immer weiter zurück tritt der sonderbar große Friede
der stillen Totenstadt. Des Alltags lauter Atem wird vernehmbar. Hart rollen
Wagen auf dem Straßenpflaster, und das scharfe Läuten der Elektrischen zerreißt
des Schweigens Traumnetz. Doch ein verschwiegenes Wissen nehme ich mit mir, und
mit verhaltner, tiefer Freude seh´ ich suchend vorwärts: wann es wohl auch zu
mir niedersteigen will, was ich da draußen erkannte, das sonderbar Wundersame,
Herbsüße der großen Verwandlung.
(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971)
(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971)
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