Freitag, 2. Januar 2015

Eispalast Hamburg


Hamburg, 11. Februar 1912


Berlin hat sich im Lauf weniger Jahre drei Eisarenen geleistet, mit allen erdenklichen und überflüssigen Luxus ausgestattet. Bei uns setzt man jetzt auch gewaltige Erdmassen auf der Langen Reihe in Bewegung, um den glaskalten Frost einen ebensolchen gedeckten Tempel zu errichten.
Rascher aber als Menschen denken und schaffend erbauen können, machte Mutter Natur aus ganz Hamburg einen einzigen Eispalast von solch triumphierender Schönheit, von einer so klirrenden Einheit und packender Größe, dass alles starr war, am hauptsächlichsten aber die Gliedmaßen, welche „hervorragend“ der Kälte preisgegeben waren. Gut, dass das Wetter so launenhaft ist wie eine verwöhnte Frau, und seit kurzem wieder ein weicheres Gemüt zeigt.
 
Eisalster

Die bekannten ältesten Leute, die von ihrer Tage Menge nur dann zu reden belieben, wenn sie sich in die Toga der Wichtigkeit hüllen können, selbst diese Spezies vom Stamme Mensch konnte sich nicht erinnern, einen ähnlichen Frost erlebt zu haben. Sogar der Quecksilbersäule im Thermometerglas wurde es zu viel des Guten, und sie zog sich immer tiefer in ihre Gemächer zurück, sodass es schwer hielt, sie aufzusuchen.
Durch die Straßen, auf denen der Schnee knallhart gefroren lag, raste die unsympathische Frosthexe, spindeldürr, mit schlotternden Kleidern, an der blauroten Hakennase hing ein kleiner Eistropfen, und mit ihren langen Krallenfingern zwickte sie stillvergnügt jeden, der ihr in den Weg lief, in die Ohren, in die Nase, in die großen Zehen, bis sie blau anliefen und weh taten, dass es nur so eine Art hatte! Knirschend knarrte der gefrorene Schnee unter den hastenden Schritten der Menschen, die vom Dämon Frost rascher gejagt wurden, als von der Lust am Gewinn und an der Arbeit, die doch sonst zwei sehr treibende Faktoren in unserer Stadt sind.

Die kurze Zeit, wo sich Frau Sonne einmal zeigte, genügte, um zu sehen, dass auch sie anscheinend ganz gewaltig eingeheizt hatte. Der himmlische Grog war sicher ein zweckentsprechend steifer, denn die würdige Dame sah mit knallrotem Kopf runter auf den großen Eispalast Hamburg, und legte sich ein paar Stunden später kühle Wolkenumschläge auf die Stirn. Kenner behaupten, das käme davon, wenn man zu viel Zucker in den Grog würfe, die unfehlbare Folge seien Kopfschmerzen.
Die reinste Freude aber verschaffte diese Kälteepoche allen Wärmeproduzenten. Keine Haustür in Hamburg, vor der nicht die sackbehaupteten Kohlenträger gänzlich außer der Reihe Ofenfütterung abgeladen haben, kein Pelzwarenhändler, der nicht seine echtesten Felle und ebensolche Kaninchenmuffe losgeworden wäre, die Wolle stand weit über pari, und trotz des bösen Methylschnapses war jeder anders geartete Alkohol in steigender Wertschätzung begriffen.

In der Elektrischen verschwand völlig die sonst allgemein übliche Mode, so viel Platz wie möglich für sich zu beanspruchen, und das Zusammenrücken, soweit es nur tunlichst ist, zu vermeiden. Man quetschte sich so eng aneinander, wie es sonst nur sehr verliebte Leute, selbst zu heißesten Sommerzeit, zu tun pflegen, und spürte mit Behagen, die Ansammlung der animalischen Menschheitswärme, soweit sie vorhanden war. Dazu genoss man eine gesundheitlich sehr annehmbare turnerische Fußgymnastik. Keine Bahn, in der nicht über den nassen Bodensprossen sämtliche Füße der Passagiere in rollender, stampfender Bewegung gewesen wären, kein Wagen, in dem nicht jene unwirtliche Temperatur geherrscht hätte, wie sie gang und gäbe ist in einer gewissen Sorte „guter Stuben“, vulgo „Familiengruft“ zubenannt. Dazu wurde noch geliefert, außer der Kälte und dem altbekannten Genuss, für wenig Geld ganz langsam und ausgiebig lange seinen Platz besitzen zu können, eine Sonderausstellung fossiler Pflanzensammlungen.
Im bläulich weißen, kalten Licht standen erstarrte Riesenfarnen, urweltliche Rispenarten, sonderbar gerissene Palmensorten und Schlinggewächse, die sich wie gewaltige Saurierleiber um Urwaldstämme ringelten und an ihnen hinan krochen. Ein abwechslungsreiches Bild, denn jede Bahn hatte ihre Extrasorten, nur nahmen die Eisgebilde Licht und jede Aussicht, und man fuhr wie in einem rollenden Eissarg, für die Außenwelt abgeschlossen, ganz gewiss an der richtigen Haltestelle vorüber. Und das war bitter zu dieser Zeit beißenden Frostes und nagender Kälte!

Da aber setzte zur rechten Stunde, selig willkommen geheißen, unser gutes, ehrliches Hamburger Schlackerwetter ein. Die Stelle der Schlittschuhe nehmen, wie so oft, die Gummischuhe ein. Mich aber zog es hinaus, fort von Straßenbrei und sottbeschwerter Feuchtigkeit, in den Hafen, um zu sehen, wie sich dort das gebannte, im Frost gehaltene Wasser in seine Urelemente auflöst. Und ich kam just zur rechten Zeit.
Überall an Land Schmutz und Morast, über den Wassern aber des Eises gebrochene Gewalten. Das knirschte und stieg an den Ufermauern empor, dass es eine Lust war. Es war kurz vor ein Uhr. Mit einem Schwarm hastender Arbeiter zugleich ging es über die glitschigen, nassen Bretter hinunter auf die grüne Fähre. Die zog und riss an den Tauenden, als ob sie es nicht erwarten könne, den frischen Kampf mit den kauernden Eisschollen aufzunehmen. Plötzlich ging es wie ein elementarer Riss durch die Luft, die Schallwellen trugen ein jähes, wildes Durcheinander von Pfeiftönen daher. Dumpfes, schweres Tuten ward zerschnitten von gellendem, hellen Pfiff, dazwischen drängte sich anhaltend das Heulen der Dampfsirenen. Mittagsruhe ward ausgepfiffen, und die Arbeit reckt ihre rußige, harte Faust mahnend wieder empor.

Unter mir ein Stampfen und Zittern, die grüne Fähre durfte hineinhasten ins Kampffeld. Gleich zu Anfang, als sie den dicht vereisten Vordersteven, wie eine scharfe Lanzenspitze in die Eiswasser drohend, aufreizend niedersenkte, begann das Vorpostengeplänkel. Wie ein dichter Kugelregen prasselten zerriebene kleine Eisstücke an den Bordwänden hoch. Aber sie wurden gleichgültig abgeschüttelt. „Druff“ hieß auch hier des alten Blüchers historische Kampfregel. Und hinein ging es nun mit Volldampf in die quirlende, wild aneinander stoßende, gewaltige Maße der stromabwärts treibenden Eisschollen. Mit eisernem Stoß stürmte der schmächtige Leib des Dampfbootes gegen sie an. Empört stürzen sie sich auf den schnaubenden Feind, Zyklopenfäuste schienen die fußdicken Eisklumpen zu heben und gegen den schneidenden Bug zu schleudern. Ein Krachen und wildes Knirschen, die drängenden Schollen sind gepackt, durcheinander gewirbelt und mitleidlos durchschnitten. Neue Massen warfen sich dem Angreifer wild und wuchtig entgegen. Stücke von einem Durchmesser, wie man sie seit Jahren nicht mehr auf der Elbe gesehen, von einer Länge, wie eine kleine Motorbarkasse, bäumten sich reckenhaft in der Fahrrinne auf. Unbeirrt stampfte das Boot darauf los. Sie sperrten den Weg, drängten gegen die aufdröhnenden Planken, und sprangen mit wildem Satz hoch auf und schlugen ihre Eisschilder splitternd gegen die fressende Bugspitze. Ein krachender Ruck, der eiserne Kiel pflügte ihre Rücken und drückte sie Erbarmungslos tief hinab in die aufzischenden Wassermassen. Die ganz Starken aber unter ihnen warteten lauernd, bis sie auf ihren Eisrücken das schneidende Eisen des Bootes spürten und trugen. Dann ein jähes, heimtückisches Hochstemmen, und das Boot wich in kurzem Ruck aus der Fahrtlinie, und ein rinnendes Zittern und Aufstöhnen ging durch seine Planken. Dann aber biss es härter noch als zuvor in die drängende Masse des Feindes, wild warf es brechende Schollen hoch, wie ein rasender Stier sein Opfer auf die Hörner nimmt, um es abwärts zu schleudern und zu zerstampfen. Wie ein Steinregen prasselten Eisstücke über Bord, und Scholle wurde über Scholle gedrückt und gepresst, und mit wuchtiger Kraft kopfüber ins Wasser getaucht.

Vorbei geht es an den Duckdalben, die von einer starken Eismasse breit und hoch umschlossen waren. Hier und da hatten Tauwind und die falschen, artverwandten Wasser schon breite Torbogen in die starrende Eismauer gefressen, und die Fluten wühlten mit stahlharten Händen den erschlossenen Weg immer weiter. Die hochgezogenen Anker der großen Überseer waren noch fest in einen glitzernden Eismantel gehüllt, vertäute Schuten dicht mit erstarrten Wassermengen bezogen. Selbst hoch an die Kaimauern hinauf kletterte das tollgewordene Eisheer. Der Westwind aber stellte ihm nach, wo er es packen konnte, sodass es da und dort in jäher, wilder fluchtartiger Auflösung daher rann. Mit raschem Bogen legte das grüne Fährboot wieder in der Nähe der St. Pauli Landungsbrücken an, geduldig ließ es sich das haltende Tau anlegen, und wartete im brauenden Eiswasser, bis es wieder hinein durfte in den befreienden, frischen Tageskampf, den es eben noch siegreich bestanden.

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