Donnerstag, 1. Januar 2015

Die Frau in Haus und Beruf


Vom 24. Februar bis 24. März 1912 richtete der Deutsche Lyceum-Club in Berlin eine Ausstellung zum Thema „Die Frau in Haus und Beruf“ aus. Für den Hamburgischen Correspondenten berichtete die Journalistin und Schriftstellerin Elimar von Monsterberg von der Ausstellung.
  


Berlin, 5. März 1912

Es ist ein höchst sonderbarer, zum ernsthaften Nachdenken zwingender Eindruck, der sich einem jeden aufdrängt, der jetzt Berlin erlebt. Der Eindruck, dass Berlin unter dem Zeichen der Frau steht. Wohl verstanden, der schaffenden Frau. Nicht bloß die Gebildeten und die Allzuvielen, die es sein wollen, stehen unter diesem Signum, sondern herunter bis auf die Portiers, Dienstmädchen und Arbeiter spricht, redet, interessiert man sich für die Ausstellung am Zoo. Nicht umsonst zeigt man dort, was die Frau bis jetzt unter erschwerenden Umständen geleistet hat, woran es noch bitter not tut und wo zu neuen Schaffensmöglichkeiten Wege geebnet werden könnten. Im engen Bunde mit der kämpfenden, schaffenden Frau ist die eiserne Notwendigkeit, die der Frau über kurz oder lang jeden Weg geebnet und bereitet haben wird. Selbst der gleichgültigste Flaneurfuß stolpert über den Granitblock harter Arbeit, der hier unerwartet die Zukunftspassage sperrt. Sogar das minimalste Gehirn stutzt und reagiert auf das, was aus sozialer Lebensart, Schaffenslust und bitterer Erfahrung hier urplötzlich aus der dunklen Not des Alltags und des Spottes Bitternis sich löste und Gestalt annahm. Ein lebensstarkes Etwas, mit dem zu rechnen ist, und das kein Lächeln gesuchter Skepsis vernichten kann. 


Ein Kapitel für sich in dieser umfangreichen Ausgabe von Frauenwerken ist die Frau in der Literatur und Presse. Es ist nicht mehr möglich, die Frau aus dieser Art geistiger Tätigkeit, des schöpferischen Planens, Aufbauens und Schaffens sich fort zu denken. Eine Zeitschrift ohne die Arbeit der Frau wiese empfindliche Lücken auf. Zielbewusste, geniale Frauenarbeit zeigt der Büchermarkt. Es war daher eine förmlich notwendige Einberufung,  als die literarische und Pressekommission der Ausstellung „Die Frau in Haus und Beruf“ in den Festsälen des Zoologischen Gartens einen glänzenden Empfang veranstaltet, der in den Formen eines Nachmittagstees vor sich ging.
Rieselnder Sprühregen mit gemütlichem Nebeleinschlag, ganz wie bei uns in Hamburg auch, durchfeuchtete die sonntäglichen Menschenmassen, die in die Ausstellungshallen am Zoo strömten. An der Lichtensteinbrücke, wo die glänzende Auffahrt für den Empfang der beiden vorgenannten Kommissionen stattfand, stauten sich die Autos, noch im bunten Anstrich, und rückten langsam vor bis zur Eingangshalle, als gelte es, einen Hofball mitzumachen. Und eine Art Hofball der Aristokratie des Geistes war es, der dort vor sich ging. Die drangvoll fürchterliche Enge der Garderoben bewies schon zum allerfrühesten Beginn, dass eine Überfüllung stattfinden würde. Die völlige Kopflosigkeit der Garderobefeen zeigte deutlich, dass die Frau in diesem Beruf noch nicht auf der notwendigen Höhe steht.

Auf den Teppichbelegten Treppen schon staute sich die Menge. Das die Frau überwog, ist erklärlich. Als erste trat mir die Architektin Winkelmann, die Schöpferin einer Reihe eigenartiger Villenbauten im Grunewald entgegen. Oben in den Sälen aber eine blendende, gleißende Fülle von Licht, ein dunkelndes Durcheinander von Menschen, ein Drängen und Schieben, dass es eine geraume Weile dauerte, bis der Einzelne sich aus dem Ganzen heraus löste.
An kleinen, reizend gedeckten, blumengeschmückten Tischen saß man und plauderte. Unaufhörlich schob und drängte sich die elegante Menge durch die schmalen Gänge, verlorene Klänge der Musik huschten durch die strahlend hellen Räume. Toiletten von einem Reiz, geschmackvoller Eigenart und teilweise auffallender Schönheit zeigten, dass die neue Frau es sehr wohl versteht, mit Arbeit und Geist auch ein dringend notwendiges schönes Anziehen zu verbinden. Von den üblen sogenannten Reformkleidern war nichts zu bemerken.

Kurz nach Beginn des Empfanges begrüßte Frau Louise Schulze-Brück, die Vorsitzende der literarischen Kommission die Versammlung. Eine knappe Stunde vor der einberufenen Veranstaltung war ihr per Rohrpost der Antrag übermittelt worden, über die Bedeutung der Frau in der Literatur zu sprechen. Auf gewohnte geniale Weise entledigte sich Frau Schulze-Brück des Auftrags, indem sie auf die erschöpfende Frauenbibliothek der Ausstellung und das eben herausgekommene Buchhinwies, das sich ganz speziell und ausführlich mit dem beredten Thema beschäftigt. Der Beifall, den sie für ihre Fünfminutenrede erntete, war ebenso amüsiert wie dankbar für die Kürze der Erörterungen. Frau Anna Plothow, die Redakteurin des Berliner Tageblatts und Vorsitzende der Pressekommission, sprach im Anschluss daran kurz, bündig und geistvoll wie stets über die weiblichen Journalisten. Gerade die Zahl weiblicher Journalisten sei eine sehr schwache, aber sie hätte sich so recht eigentlich aus der Frauenbewegung heraus entwickelt. Durch zähe Arbeitsentschlossenheit, unermüdliches Arbeitswerben hätten sich die Journalistinnen ihren Weg erzwungen. Leicht habe sich die weibliche Presse ihre Stellung nicht erworben. Aber niemals sei sie als Konkurrentin des Mannes aufgetreten, sondern immer nur als sein mitarbeitender Kamerad. Und nichts anderes wolle sie sein. Gleich tun wolle sie es dem männlichen Kollegen immerdar nur an Opferfreudigkeit, Wissensfreude, völliger Hingebung an den geliebten Beruf. Objektivität, Wahrhaftigkeit und Pflichttreue. Mithelfen wolle sie an der Hebung des Standes bis zum Äußersten. Reichlicher Beifall folgte den scharf abgewogenen und klugen Ausführungen der verdienstvollen Frau.

Dann setzte das volle gesellschaftliche Leben ein. Man konnte seine Freude daran haben, Victor Blüthgen sich wieder mit alter sprudelnder Frische mit Lotte Gubalke, der Schriftstellerin und Redakteurin der Welt der Frau, unterhalten zu sehen. Anselma Heine schob sich langsam durch die Menge, wo neben Gabriele Reuter Agnes Harder und Miriam Eck saßen. Marie von Bunsen, die eben von ihrer Weltreise zurückgekehrt ist, stand neben Emmi Lewald.  Franziska Mann, im dunklen Samtkleid, begrüßte lebhaft Frieda Schanz, und der Literarhistoriker Dr. Lepmann disputierte aufs Angeregteste mit Thekla Friedlaender, die jetzt bereits den Beinamen „Der Engel der Gefängnisse“ erobert hatte.
Der vielgenannte Bildhauer Professor Kraus raucht eine Zigarette im angeregten Zwiegespräch mit seiner Fachkollegin Quittmann, die seinerzeit für den bekannten Sozialistenführer Auer das Grabmal schuf. In sehr großer Anzahl waren die männlichen Pressevertreter der Reichshauptstadt erschienen, und der berühmte Literarhistoriker Richard M. Meyer beobachtete seine Umgebung so intensiv, als wolle er demnächst eine neue Literaturgeschichte herausgeben. Weibliche Doctores schieben sich in tadellosen Toiletten und erfreulicher Jugendfrische durch die lebhaft plaudernde Menge, um näher an das Podium heran zu kommen, wo Frau Andrejewa de Skylondy ihren Titel als königliche Sängerin souverän bestätigt durch königliches beherrschen ihrer Stimmmittel, und der Königliche Hofschauspieler Hermann Bötticher zündende Schelmenlieder zur Laute singt. Besonders Gedichte von Otto Sommerstorff, von Hermann Bötticher komponiert, begeistern zu lautem Beifall. Josefa Metz, die Dichterin der Kinderpsyche, kommt zuletzt mit eigenen Schöpfungen zu Wort, die wieder den ganzen Charme ihres Könnens zeigen. Erst spät trennen sich die letzten Gäste. Auch dieser Empfang der literarischen und Presse-Kommission bedeutet einen jungen, frischen Triumph aus der Zeit der Frauen.

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