Sonntag, 15. Mai 2016

Pfingst-Gedanken


Die heilige Stunde, Ludwig Fahrenkrog, 1918

Pfingstodem über den Welten.

Und Frühling auf Erden!
Ohne Unterlass erneuern sich ihre Kräfte und jeden Augenblick schöpfen sie aus.
Allüberall ein seliges Sichverschwenden — Frühling auf Erden und Pfingsten ist nahe! Das Fest jenes Geistes, der Sphären und Welten durchflutet in uraltem Erneuern, den keine Vorstellung erfassen kann, und dem unser Erdgedanke keine Formen zu geben vermag. Der Allgeist, vor dem die menschliche Erkenntnis allzu oft versagt, zerflattert — denn Erdenschwere hemmt — und der Staubgeborene vermag den Geist nicht zu begreifen, der ihn allein in abstraktem Wesen umfängt.

„Nur in Gedanken vorhanden“ — also nicht fassbar, sichtlich, und doch nimmt dieses Lebensgeistes Weben in jedem Atemzuge irdisch verständliche, greifbare fassliche Formen an. Das Walten und Werden der alten Erde, der Meere und Sterne ewiges Wallen, das lebendig bewusste Ineinandergreifen der Kräfte des Weltalls, — der sterblichen Menschheit unsterbliche, stärkste Schöpfungen, das leidvolle Hohelied der Elternliebe und all der reinen Dichtkunst immer neues Tönen — des „Heiligen Geistes“ Formen sind sie alle, sein Odem wallt und webt und schafft aus ihnen, — wie an des Weltalls erstem Werdetage auch.

Und wen der Geist der Pfingsten ganz durchflammt — bezwingt zwei dunkle Mächte in sich, über sich: dumpfer, lähmender Trägheit erdrückende — und schweren Todes fahle Dämmerungen.
Unermessliches — der Geist allen Erkennens lehrt es überwinden, was unerforschbar scheint, in ihm wird es durchgründet. Und der urewige Lebensodem, der in unerfasster Müdelosigkeit schaffend durch Äonen wallt, — lehrt auch das in uns, was wir „Seele“ nennen müssen, — frei von Raum und Zeit, — eine unzerstörbare Brücke in Ewigkeiten hinein errichten, — in Ewigkeiten, die er durchflutet, und in deren zeitenlosem „Immer“ uns das reifen muss, was uns keine irdischen Geisteskräfte begreifen lassen: die Erfüllung allen Seins und  — die Erkenntnis.


15. Mai 1910, Hamburgischer Correspondent
(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12917)
 

Freitag, 29. April 2016

Publikationen


Der Markt für Publikationen von Elinor dürfte jetzt leergefegt sein. Hier eine kleine Auflistung meiner Schätze.

1902 - Gedichte
1913 - Hamburg und sein Wirtschaftsleben
1914 - Fragezeichen des Lebens
1914 - Hamburgs Börse 
1931 - Maria am Spinnrocken

Desweiteren kann ich nun die 1910 in Velhagen & Klasings Monatshefte veröffentlichten Noten zu "Ein Weihnachtslied" mein eigen nennen. Es wurde von Wilhelm Kienzl komponiert und ist als Gedicht in der kompletten Fassung auch in dem Monatsheft "Der Türmer" von 1931 unter dem Titel "Maria am Spinnrocken" veröffentlicht worden.

Mittwoch, 9. März 2016

Pseudonym


Im Zeitgenossenlexikon „Wer ist’ s?“ des Leipziger Verlegers Herrmann A. Ludwig Degener von 1908, werden unter der Rubrik Pseudonyme ca. 3000 häufiger vorkommenden Namen deutscher und österreichischer Schriftsteller aufgeführt. Darunter befindet sich auch der Name Hans von Skalong, den Elinor für sich benutzt hatte. Auch in Kürschners deutscher Literatur Kalender von 1904 wird auf die Verwendung dieses Pseudonyms für Prosaische Werke verwiesen. 


Im Stammbaum der Familie Monsterberg findet sich dann auch der entscheidende Hinweis zu dem Pseudonym. Der Geburtsort ihres 1788 geborenen Urgroßvaters Johann Ernst Ludwig von Monsterberg-Münckenau hieß Skalung. Skalung liegt bei Wołczyn, früher Konstadt / Schlesien, dem Ursprung der Skalunger Familienlinie derer von Monsterberg.

Mittwoch, 20. Januar 2016

Im Hafen


15. Januar 1911, Hamburgischer Correspondent
(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971)


Unkenntnis des kaufmännischen Berufes führt zu dem Gedanken, dass alle Prosa der Welt in ihm einbegriffen ist. Wer aber, und sei es noch so oberflächlich, hineinsieht und erkennt, was hanseatische Arbeit und hanseatisches Schaffen bedeutet, der spürt es nur zu rasch, dass Hamburgs Handel in seiner Gesamtheit eine welteneinende, erdumspannende Macht bedeutet. Dass hamburgische Kraft, Entschlussfähigkeit und weitblickendes Tun eine harte, schwere, nie aussetzende Siegesarbeit bedeutet, eine gewaltige, deutsche Eroberung der Welten auf dem mächtigen Gefilde friedfertiger Invasionen. Der erkennt, dass die freie Republik Hamburg mitten in dem monarchischen Staatenverbande des geeinten Deutschen Reiches der unbestrittene Sitz ist der siegreichsten, unregistrierten Großmacht der Welt, der Großmacht des Königlichen Kaufmanns!


Wer aber die herbe und einzigartige Poesie voll und ganz empfinden will, die über Hamburgs Handel liegt, der muss sich von jenem ihm eigenen Wellenodem anhauchen lassen, der nirgends so deutlich zu empfinden ist wie an Wochentagen im Hafen. Die unsichtbaren, aber unzerstörbaren Stahltrossen handelnder Gedanken und Entschlüsse, die deutschen Handel mit den entlegensten Teilen des Erdenballes verbinden, sie scheinen von hier ihren Ausgangspunkt zu haben. Alle Zonen sind uns dort, greifbar fast, nahegerückt. Die Möglichkeit einer fasslichen Erdumspannung wird zum Verstehen. Die Verwischung der von Menschenhänden gezogenen Ländergrenzen durch Taten der Überlegenheit menschlichen Kulturgeistes wirkt in Hamburgs mächtigem, sich immer gewaltiger streckenden Handelshafen auf jeden denkenden Menschen mit überwältigender Wucht und eindringlicher Äusserungskraft. Das peinlich genaue Ineinandergreifen der zahllosen, mit ihres Leibes Kräften arbeitenden Leute, die in lückenloser Kette Bruchteile der gewaltigen Gedankenarbeit ausführen, die in ständigem geistigem Überlegen, Planen und Vorausberechnen der Handelsherr leistet. Das gibt die Begleitung zu dem hellen, klingenden Leitmotiv der Arbeit, das überall aus dem werktäglichen Getriebe des Hafens heraus zu hören ist.

Vom Rödingsmarkt her dringen dumpfe Rammtöne, hallt mit schmetterndem Laut das dröhnende Aufschlagen der Hammer auf die eisernen Brückenpfeiler der anwachsenden Hochbahn. Sie zwängt sich am ende der Straße keck hinein in das Gewässer des Hafens. Sie drängt sich, voll von der Überzeugung ihrer notwendigen Daseinsberechtigung zwischen die dort lagernden Schuten und runden Boote, die sich förmlich verblüfft ob des unbekannten Neuen enger an die Ufermauern pressen. Ein köstlich frischer Tag, just recht für eine Barkassenfahrt im Hafen. Frost lief mit leichtem Nordostwind spielend über die Straßen. Ab und an nickte die Sonne herunter, anscheinend anderweitig stark beschäftigt. In glitzernden, scharfen Zacken hing frosterstarrtes Wasser an den Bootsrändern, zog sich als blitzendes, breites Eisband von den Luken her, wo die Wasserpumpe tätig gewesen war, bis hinab zu den Elbwellen, die wie spielende Hunde immer wieder am dunklen Schiffsrumpf empor sprangen.

Zur Abgewöhnung und dringend nötigen Erwärmung des inneren Menschen wurde noch rasch ein Eisbrecher genehmigt. Dann ging es mit aufnahmefrohen Sinnen auf die winterfrischen Hafenwasser, die an unserer Barkasse so lange zupften und zerrten, bis sie sich ungeduldig zu regen begann. Jetzt ein Ruck am Hebelwerk, die Barkasse holte schnaufend und rasselnd Atem und in hastender Fahrt ging es hinein in den Hafen, in planlosem Genießen und unausgesetzten, kinematographisch raschen Aufnahen des Bewusstseins, des zu doppelten Kräften erwachten Beobachtungsvermögens.
Aus der Werft von Blohm & Voss hallt es herüber über die Wasser, ein Surren und Krachen, Hämmern und Pfeifen, ein kochendes Zischen in sonderbarem Gemisch. Von den endelosen Kais her geht ein Dröhnen der Arbeit aus. In bewusstem Tun rollen die schweren Kräne auf gleitenden Eisenschienen vor die Schiffsluken und fassen mit starken Riesenarmen nach den unbeweglich schweren Warenballen. Ein Reigen, ein Handgriff, ein leichtes Aufrichten und rasches Abwärtsgleiten bis tief hinunter in die abgründigen Lagerräume der Riesenschiffe. Dann ein Ruck, einförmlich triumphierendes Hochschnellen der Eisentrossen und die Arbeit rollt von neuem im unaufhaltsamen Gleichmaß weiter.
Das Heulen der Schiffssirenen klingt wie ein wild auffahrender Schrei dazwischen, der hastige, kurze Warnruf eines Motorbootes zerreißt die frostklare Luft mit schneidend hellem Laut. Voll und dunkel, mit machtvoll schwerem Dröhnen, erhebt ein scheidender Ozeandampfer seine tiefe, mahnende Stimme zu dumpfem Abschiedssang, dass man die erzeugten Schallwellen förmlich körperlich fühlbar nachschwingen spürt.

An der Schiffswand der „Swakopmund“ hocken auf schwankenden Tauleitern arbeitende Leute. Am Hintersteven sind auf festerem Gerüst lohende Schmiedefeuer angefacht. Die heiße, rote Glut und der harte, heilende Hammerschlag merzen die kranken Stellen am mächtigen Leib des Wasserriesen aus.
Nicht weit davon liegt die „Amerika“. Die stolze Schöne braucht schon wieder einmal – wohl ihr hundertundtausendstes – neues Kleid. Reisetoiletten sind ein teures Vergnügen für allerlei weibliche Spezies.  

In sacher Neugier heben sich die gelblichen Fluten der Elbe. Unerwartet rasch stürzt die keckste unter den Wellen über unsere Bootsspitze. Sie kann sich kaum fassen und sammeln vor schäumenden Lachen, als sie sieht, dass ihre Hände, wo sie auch hinfasste, feuchte, schwere Spuren hinterlassen haben.
Langsamer geht es nun einer der ungezählten Stauschleusen zu. In geisterhaft tonlosem Gleiten schieben sich vor uns die schweren, eisenbeschlagenen Türen zurück, um sich ebenso Schattenhaft wieder hinter unserer Barkasse zu schließen, als seien es Charons Tore gewesen. Draußen aber ist wieder lachendes, tätiges Leben.
Ballen werden in Leichter verladen, Ballen voll Ölkuchen, die aus den entfetteten Palmenkernen zu Viehfutter verarbeitet werden. Weiter ab liegen an den Getreideschiffen die graugelben Maschinen, die die Körner auffangen und in die Getreideboote in unaufhaltsamem, wohlgeschütztem Rinnsal niedergleiten lassen.
Wechselnde Bilder ziehen vorüber in rascher Aufeinanderfolge. Hier kreuzt unseren Weg eine vollbesetzte, grüne Fähre, da wuchtet über das breite verdrängte Fahrwasser ein plumper, massiger Elbkahn, der in seiner gedrungenen, schwerfälligen Form wie ein fossiles Untier zwischen all den neuzeitlichen Schiffsarten aussieht. Plötzlich ist es, als ginge da ein Mensch mit hochschäftigen Transtiefeln über die schwankenden Wasser, nur gestützt auf eine lange Stakstange, bis die zwei starken Baumstämme, die miteinander fest vertäut sind, sichtbar werden, auf denen der Mann Flößerarbeit verrichtet. Aber es ist ein anderes Handwerk wie auf den stilleren Binnenschiffen. Von hin und her eilenden Dampfern und Barkassen zu ewiger Unruhe angetrieben, hasten die Wellen in starkem Treiben über die unter der Wasserfläche liegenden Stämme, umspülen die Füße des Flößers, heben und senken seinen unsicheren Halt in unerwarteter Gegenbewegung, dass selbst sein Gesichtsausdruck die starre Anspannung all seiner Kräfte und Sinnesorgane anzeigt.
Unsere Fahrt geht an einem älteren Dampfer der Hapag vorbei. Mit verschmitztem Grinsen schiebt unser Barkassenführer seinen Priem von einem Mundwinkel in den anderen, spuckt in kunstgerechtem weitausholendem Bogen und erklärt uns des Dampfers Daseinszweck: „Dat ’s  die Grot-Hotel vor die Streickbrechers!“

Und wieder eine kleine Drehung: wir laufen in das Mastenreich des stolzen Segelschiffhafens ein. Da liegt der „Engelhorn“, der ungeschickte englische Vetier, der die „Pommern“ so derb angerempelt hat. Sein Bugspriet zeigt derbe Kratzwunden. Sie wehrte sich wohl und er braucht jetzt dringend nötig heilende Hände. Backbord zeigt er ein paar Fäuste großes, mit Holz vernageltes und mit Segeltuch verstopftes Loch. Er sieht aus, als hätte er schwere See gehabt. Nicht weit von ihrem unfreundlichen Kameraden hat die arme „Pommern“ festgemacht. Hier und da eine Rahe geknickt, schwere Schrammen am Rumpf und die Steuerbordseite des Hinterstevens, dicht in der Nähe des Ruderrades, tief hinunter aufgerissen, zerspellt wie ein Nichts die starken Wandungen, weit offen der breiten Wunde großer, starrer Mund. Als hätten kampfestolle Wikinger bei hartem Wetter mit zähem Todesmut die „Pommern“ geentert. Schlachtennot scheint sei herbe verkostet zu haben. Wer aber ehrliche Wunden trägt, darf sich der Narben freuen.
Das weißgrüne Kupferkleid von St. Katharinen flimmert wie ein Festgruß herüber. Der satte, warme Farbenton von St. Petri hält sich wie in stillem Abwarten etwas zurück, als wir wieder an Land gehen. Mit einem so frohen, lebensfrischen Gefühl, als hätte die Hafenfahrt, der Wasseratem uns des Alltags staubigen Qualm ansichtbar von Leib und Seele genommen.

Samstag, 2. Januar 2016

Sylvester Punschgeister


01. Januar 1910, Hamburgischer Correspondent
(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12913)

Wir saßen beim schweren Sylvesterpunsch, den ich mit jener tiefen Liebe, zartem Verständnis und rascher Entschlußfähigkeit zubereitet hatte, die man im Umgang mit Bowlen, Pferden oder – Damen so dringend notwendig hat. Sonst werden sie unbekömmlich – ein jedes auf seine Art.
Fern von der Zylinder mordenden Friedrichsstadt (Berlin) freuten wir uns – fünf Mann hoch – des bekannt „angenehm duftenden“ Trankes. Das „Mann“ natürlich etwas illusorisch gedacht, - denn die edle Weiblichkeit überwog auch wieder einmal hier, - natürlich nur der Quantität nach. Die Geister platzten aufeinander, es gab lebhafte Debatten, doch stets mit unparlamentarischer Mäßigung, aber an mir, oder vielmehr meinem Punsch, lag es wirklich nicht, da auch im Normalzustand dieser Familie stets genügend geistiger Zündstoff angehäuft ist, um ständige, für den nicht beteiligten Beobachter oft beängstigend wirkende Detonationen in Form heftiger, aber gutartiger Redeschlachten hervorzurufen. 


Das vergehende Jahr wurde mit all seinen Freuden und Leiden durchgehechelt, und da es manchen Leuten mit dem alten Jahr ebenso geht wie mit einem aufgedrungenen Logierbesuch, der nur zwei große Freuden mit sich bringt – die eine, wenn er kommt, die stärkere, wenn er geht , fanden auch wir es sehr nett, dass das alte Jahr notgedrungen seine Fahrkarte, Endstation Zeitmeer, bis Mitternacht benutzen musste, und endlich ein Ziel und Ende für diesen etwas zu lang ausgedehnten Aufenthalt abzusehen war.
Und da man bekanntlich bei allen geistigen Getränken recht wenig geistreich wird, tauchte alsbald die furchtbarste aller Zeitfragen, die durch ihr Sein oder Nichtsein berufen ist, eine größere Umwälzung hervorzurufen, als jemals die Revolution in Russland vermochte, - die Dienstmädchenfrage aus den Abgründen der Punschbowle hervor.
Frau von Wildbach (Anna von Monsterberg) war die Anstifterin, indem sie mit fast beängstigend wirkendem Tiefsinn auf das wilde Chaos der Gläser und Teller sah, und, entgegen ihrer sonstigen Energie, ganz ängstlich mahnte:
„Kinder macht bloß nicht noch mehr Unordnung, sonst kündigt uns unsere Donna womöglich noch als Neujahrsüberraschung.“
Die älteste Tochter, die sich nie gern aus ihrer angeborenen Ruhe bringen lässt, stimmte der warnenden Mutter zu, während die beiden anderen Töchter des Hauses im bösesten jugendlichen Leichtsinn diese Möglichkeit einfach als willkommenen Anstoß zur Rettung aus schlimmsten Sklavenketten erklärten. Und sie begeisterten sich für die absurde Idee, selig zu sein ohne „Minna“. Minna, dies einzigartige Mädchen mit der 14tägigen Kündigung, die es in ihrer zweijährigen Dienstzeit schon so weit gebracht hatte, dass ihre Bücher 35 Stellen aufwiesen, worunter 27 Zeugnisse derart „Glänzend“ waren, dass keine anschwärzende Tinte sich darin aufzudrängen wagte.
Das hochinteressante Thema war noch nicht erschöpft, als vor Ablauf des alten Jahres die Punschgeister die drei Mädels eifrigen Traumgöttern zur Weiterbeförderung in ein besseres Land übergaben.
Die Jüngste (Sybilla von Monsterberg) der Familie, die, seit sie erinnerungsfähig geworden, stets unter dem Zeichen der „Versetzungen“ ihres Offizierstochterdaseins stand, und infolge dessen etwas zigeunermäßige Wanderunruhe in sich hatte, murmelte aus ihren Kissen:
„Minna fort! Fein wäre das! Dann könnte man denken, es gebe mal wieder Umzugstrubel!“
Und die Älteste, die das Soldatenblut noch am unverdünntesten abbekommen, meinte dementsprechend:
„Dann würde die Sache eben so geregelt werden müssen, dass immer eine von uns „Ordensdienst“ hat. Die Jüngsten fangen an! Merk Dir das Benjamina. Aber jetzt endlich, Schluss der Debatte!“
Brrrrr – die elektrische Klingel! Herr Gott, was man leichtsinnig heraufbeschwor, ist Wahrheit, peinvolle und reichlich abkühlende Wahrheit geworden!
Völlig ohne Mädchen!!
Und es läutet, noch einmal, jetzt schon mit einem gewissen Vorwurf im Ton, und dabei ist es erst halb acht!
Drei weiße Gestalten sind wie auf Kommando zu gleicher Zeit aus den Betten. Doch opfermutig stößt die Älteste, im Gefühl ihrer verpflichtenden Erstgeburtswürde, die beiden traumbenommenen Schwestern zurück, schleicht sichernd, wie ein waschechter Indianer auf dem Kriegspfad über die im fahlen Morgendämmer liegende Diele und öffnet die Entreetür, sie gleichzeitig als höchst notwendige Deckung für ihren übrigen Menschen benutzend.
Ein etwas eigentümlich toilettierter Arm reckte sich dem sonst so willkommenen Briefträger entgegen, der mit ahnungsloser Freundlichkeit als Briefzugabe einen höchst reizvollen Händedruck und einen:
„Guten Morgen auch, schöne Minna“, abgibt.
Mit einem wütenden:
„Ja, guten Morgen“ schleuderte der verpfuschte Stammhalter der Familie die Briefe auf den nächsten Stuhl und sich noch einmal ins lockende Bett.
Brrrrr – es läutet schon wieder!
„Bolle! Die Milch“, stöhnt die Mittelste (Karoline von Monsterberg), die sich nun ihrerseits bei dem zweiten Scheller endgültig erhebt und sich förmlich schuldbeladen fühlt, da sie die einzige Persönlichkeit der Familie ist, die diese milchkonsumierende Säuglingsgewohnheit beibehalten hat.
„Na, denn also, an die Pferde“, knurrt Erna (Elinor von Monsterberg), die Älteste, und nach kurzer Morgentoilette, die so flüchtig wie noch nie ausfällt, verteilen sich die drei wie selbständige Schützenzüge in die tiefen der Wohnung (Kaiserallee 159, Wilmersdorf).
„Nun seht mal bloß – diese empörende Unordnung im Esszimmer!“, maulte die Jüngste, das sogenannte „Luxusmädel“, wie Frau von Wildbach ihre dritte Tochter in weiser Erkenntnis der Dinge einst getauft, als diese mit verblüffender Unverfrorenheit anstatt des „bestimmt“ erwarteten Sohnes, in der rittmeisterlichen Familie sich ihren Platz erst erzwang, bald eroberte.
„Als ob eine Schwadron Husaren hier gekneipt hätte!“, attestierte der Chor.
„Und das sollen wir in Ordnung bringen!“
„Es ist nur gut,“ reflektierte Benjamina, „das gestern kein Panschwetter war. Aber heute! Kein Schnee, dafür regnet´s Schusterjungen, da können wir uns ja morgen auf die Stiefel freuen!“
Dabei bearbeitete sie mit ererbter Energie und schwungvollen Armbewegungen die Stiefel ihres Vaters, wobei sie, wie sie es als Kind so oft in heißer Bewunderung beim Burschen angestaunt, zur Erhöhung des Glanzes auf die Schuhcreme spuckte, bis ihr vom Zentrum und der Fraktion der Rechten heftig klar gemacht wurde, dass man solcher Naturkräfte nur für die altmodische Wische benötigt hatte.
„Kinder, stellt Teewasser auf, ich gehe Gemüse besorgen“, erklärt mit wahrer Grabesstimme und der Miene einer entthronten Königin die aus all ihren geliebten Gewohnheitsgleisen herausgeschleuderte Erna. Aber lachend erscheint sie nach kurzer Zeit wieder auf dem Kriegsschauplatz, eine Tüte Äpfel, „geschenkter“ Äpfel im Arm, den Jägerhut verwegen auf einem Ohr, und erklärt:
„Was ich auch einkaufte, alles ist billiger, wie Minna es ankreidet, und außerdem bekam ich um meiner schönen Augen willen noch Äpfel dezidiert. Ich schlage aber vor, wir schreiben unserer „Herrschaft“ alles genau so hoch an, wie sie das gewöhnt ist. Es tut nicht gut, wenn man Menschen aus dem seelischen Gleichgewicht bringt. Und außerdem, ein Äquivalent muss man doch schließlich für die ungewohnte Arbeitsleistung haben!“
„Jawohl, fühlen wir uns jetzt als zum dritten Stand gehörig!“, hetzte das revolutionäre Luxusmädel.
„Fühl ich mich schon“, meinte das mittelste Erzeugnis, „da liegen nun die „Herrschaften“ im warmen Bett, und von uns wird kaltlächelnd verlangt, dass wir zeitig aufstehen und arbeiten. Und dann macht man am Ende doch nichts recht! Ja, wenn man noch anständigen Lohn bekäme, aber so, bloß travailler pour le roi de Prusse (arbeiten für den Preußenkönig) – nee, danke für Obst!“
„Kinder – Telephon!“, verkündet Erna mit nur mangelhaft gedämpfter Kommandostimme. Alle drei stürzen nach dem Apparat. Erna lässt sich den Hörer nicht nehmen und reißt ihn im wahrsten Sinne des Wortes an sich, dabei ihr Erstgeburtsrecht vorschiebend, auf das sie pocht, wo es ihr passt, und das ihr selbst um eine Schüssel Austern nicht feil wäre.
„Hier Mädchen von Frau von Wildbach!“, schmetterte sie in den Apparat.
Heulendes, schwesterliches Gelächter begleitet diese neue Behauptung. Wütend dreht sich Erna um:
„Na, wollt Ihr mir etwa abstreiten, dass ich das bin?“, haucht sie ihre unbotmäßigen Schwestern an.
„Nimm Dich in acht, Du tutest ja Deine Wut in alle Welt hinaus!“, preschten die beiden anderen los.
„Schließt mal einen kleinen Augenblick Eure Futterluken, wenn Ihr das könnt.“ brummt Erna, um bald mit hellem Lachen den Hörer anzuhängen.
„Mädels, es ist angenehmer, sich als „Mädchen von Frau Wildbach“ zu melden, was sind da die Leute gleich nett. Unser brummiger Fleischer nannte mich „schönes Fräuleinchen“! Dafür habe ich auch gleich zugestimmt, als er frug, ob er die Keule eines prachtvollen Familienkalbes schicken kann. Heute kommt ja doch Konstantin zu Tisch, und der ist einfach gebrochen, wenn er nicht was Gutes „flapsen“ kann.“
Nach dieser Erholungspause stürzen die drei weiter an die Arbeit. Das beim Lampenputzen die ganze Küche durchdringend nach Petroleum riecht, erhöht nur den Reiz der eigenartigen Situation. Als die große Vordiele von Benjamina gefegt wird, erscheinen eiligst die beiden andern, und nun ward sich dieser unzerstörbare Dreibund lachend klar, dass eine jede schon einmal ahnungslos den geduldigen Vorraum gesäubert hatte. Das Bewusstsein aber stärkte und tröstete sie, dass beim Herrichten der Betten wenigstens ein dreimaliges Bearbeiten weniger Spurlos vorüber gehen würde wie auf der Diele, die etwas ausgiebige Verkehrstunde.
Da plötzlich donnern unzählige Schläge, als sei wieder einmal ganz ausnahmsweise ein Prinz geboren. Doch nein, der Rittmeister (Hermann von Monsterberg) klopft nur an die Tür zum Allerheiligsten seiner Mädels, und die väterliche Stentorstimme erweckt endgültig die vom Sylvesteralp schwer bedrückten Töchter aus harten Träumen.
„Mädels, steht doch endlich auf. Es ist schon lange Neujahr. Minna will aufräumen!“
Mit einem geradezu beseligten Aufatmen rief Erna:
„Minna will aufräumen? Nein, wie lieb von ihr!“
Und mit Tränen der Rührung in den Augen sang sie leise und voll Andacht die österreichische Hymne mit kühner Variation:
„Gott erhalte unsre Minna – Minna unser Hab und Gut.“

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Unter dem Weihnachtsbaum


Tannenduft und Kerzenschimmer
Strömen durch die Weihnachtsstube,
Mägdlein faltet still die Hände,
Und es jauchzt der kleine Bube.

Vater-, Mutterliebe theilet
Heute aus mit vollen Händen,
Und die alten Ahnenbilder
Nickend segnend von den Wänden.

Horch! nun spielen alle Glocken
Von den Thürmen, nah und Ferne,
Und am wolkenlosen Himmel
Segeln leis die frommen Sterne.

Und dann wird es mählig stille-
Ausgelöscht sind alle Kerzen;
Kindlein schlummern, freudenmüde,
Weihnachtsbilder in den Herzen.

Nur das liebe Christkind wandelt
Segnend noch durch alle Räume,
Und der heil'ge Geist der Liebe
Webt die schönsten Himmelsträume


(Eugenie von Monsterberg, vor 1903)

Sonntag, 13. Dezember 2015

Herbst-Spaziergang


21. Oktober 1911, Hamburgischer Correspondent
(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12978)


Es scheint allzu früh in diesem Jahr winterlich kalt werden zu wollen. Das Verlangen nach äußerer und innerlicher Anwärmung wird tageweise schon wieder stärker bei der unvollkommenen Menschheit.
An den Straßenecken, und ganz besonders dort, wo der Neue Wall in den Jungfernstieg einmündet, rennt der Herbstwind herum und rempelt mehr oder weniger jeden an, kippt die großen Hüte der Damen hoch, um mit dreister Aufdringlichkeit darunter sehen zu können, und pfeift sich etwas dazu, wie ein ungezogener Junge.
Hoffnungsleer, mit vergehenden Kräften klammern sich die farbigen, sommermüden Blätter an ihre Äste und Zweige. Mit klammen, ungeschickten Händen wühlt in ihnen der Herbstwind, bis sie lautlos erdenwärts taumeln.
Dann lacht er gell und bläst ihnen zum Reigen auf und wirbelt sie rücksichtslos unter Büsche und auf vergilbte Rasenflächen. Oder er zwingt ihnen den Staub, der auf den Straßen geschlafen hat, als Tänzer auf und hetzt sie in taumelndem Wirbel mit wilden Sätzen in die Wasser der breiten Kanäle. Wie eine goldige, dicht gewebte Decke ruht das Laub eine lange Weile über den nassen Gründen und gleitet erschöpft dahin. Eine Weile nur, bis die Arme der dunkeläugigen Tiefe sie hinunterziehen zur erwartungsvoll schweigenden Stille.
Das Vergehen reitet auf falbem Ross durch die Natur.




Auf den Straßen der alten, sich verjüngenden Stadt aber schafft die neue Zeit und bringt den Luftzug befreienden Werkens überall dahin, wo der Hupenton ihres vorwärts brausenden Autos erklingt, aufrüttelnd, lebenerweckend.
Vom hastenden Getriebe des Hauptbahnhofs her nahm ich meinen Weg hafenwärts. Was für einen Unterschied schuf die Gegenwart in den gedrungenen Tempelhallen des Hauptbahnhofes seit den Tagen des alten Klosterbahnhofes! In wuchtigem Ansturm kommen die D-Züge, der Fernverkehr steigt mit jedem Tag und die Vorortsbahnen können die harrenden Menschenmassen kaum fassen. Wie ein unerschöpflicher Zug des Lebens strömen die Leute, eifrige Diener der Zeit, über die hohen Laufstege, die beiden Bahnsteige und Treppen hinaus in die wachsende schöne Stadt.
Wer vor wenigen Jahren noch die alten, schiefgeneigten Häuser des Schweinemarktes kannte, wer heimkehrt in die Vaterstadt nach langer Zeit und die gedrückte Enge der niedergelegten Straßenzüge dort noch erwartet, der findet sich nicht mehr zurecht in der hier erstandenen, prächtig breiten Mönckebergstraße. Die harten, schaffenden Hände der Arbeit, die oft rücksichtslos zupacken müssen, räumten da unter dem Alten auf mit bedingungslosem Vorwärtsstampfen.

Licht brach herein. Und zwischen so manches Haus, das sich in missverstandener, neuzeitlicher Formgebung aufdringlich breit macht, schieben sich wieder Bauten von eindringlicher Schönheit und wuchtiger Gewalt. Das Beste aber, was dort ersonnen und erbaut wurde, ist das Kunstgewerbehaus von Hulbe. Dort hat man den Ruf verstanden und aufgenommen, den Ruf, der ausging von den nahen Kirchen, kein Verbrechen zu begehen wider den heiligen Geist der Baukunst.
Wohin man sieht, werden die endlos scheinenden Straßenseiten immer noch unterbrochen von nüchternen Bauzäunen. Eiserne Hebewerke fassen rastlos nach neuen Lasten, Mauern steigen empor, Gerüste werden niedergeholt nach vollendeter Dienstzeit. Hier und da, wie zurückgedrängt aus der stolzen Reihe wachsender Häuser, windschiefe, alte Fachwerkbauten. Sie lehnen sich aneinander, als fürchten sie Stütze und Schutz. Die rissigen Mauern, gefärbt von der Tünche hastender Jahre. Geduldig tragen sie die einfachen Reklameschilder  der alten Zeit. Besonders scheinen die Geschäfte der Trödler hier geblüht zu haben. Verwaschene Buchstaben reden davon.
Für alte Kleider, zahle die höchsten Preise, Eingang gleich um die Ecke, wird dicht unter dem Dachfirst des einen Hauses leichtsinnig versichert.
Weiter unten, am Rathausmarkt, ein schwarzes Menschengehaste. Es ist Börsenzeit, die Parade der Kaufmannschaft in vollem Gange. Und sie ist von einer eindringlichen, ernsten Sprache, wenn man bedenkt, was für weltenbewegenden Dinge diese Köpfe da unter dem schlichten Zivilistenhelm anordnen können.

Auf dem engen, allzu gepressten Burstah quellt die Menge wie immer durcheinander. Der Begriff von Raum und Zeit geht hier jedem auf, der vorwärts muss, will und doch behindert wird auf Schritt und Tritt. Über dem Rödingsmarkt liegt eine ungewohnte neue Verdunkelung. Die scharf gezogenen Linien der eisernen Hochbahnbrücke haben das gewohnte Bild vollkommen verändert und umgeschaffen. Hier wirkt die Vorwärtsbewegung der neuen, anderen Zeit, der Hamburg nachfolgt wie alle Großzügigen, so ganz besonders stark und eindringlich. Schade ist nur, dass der edelschöne Bau des Verwaltungsgebäudes vollkommen erstickt wird von der vorgelegten Überführung der Hochbahn. Dem Rödingsmarkt entlang führt mich mein Weg.
Überall tief einschneidende Spuren umwälzender Arbeit. Die Schienen der elektrischen Bahnen werden umgelegt. Unter den teilweise fertiggestellten Hochbahnbogen hocken dicht aneinander gedrängt die hölzernen Bauhütten, Arbeitsgerät ist in starken Stapeln übereinander geschichtet.
Hier und da hat das Eisen der Brücke schon das graue Kleid der Tätigkeit angelegt, noch aber überwiegt das flammende Rot der Farbe, die das Eisengesperr vor fressendem Rost schützen muss. In scheinbarer Totenarmut rastet das Leben auf den pfeilergetragenen Schienen da über der Menschheit. Aber schon legt sich der graue, gewundene Leib in gewaltiger Anspannung über Hamburgs Straßen und Wasser, drängt sich mit wühlenden Kräften hinein in der Erde Dunkelheiten, zu fossiler Größe ausgestreckt, wie die Mitgaardschlange Nordlands sich um die Erde Wandungen schmiegte.
Vom nahen Hafen her heulen die Dampfpfeifen, weht ein frischer Luftzug. Wer noch einen Gran Fassungskraft hat, um dies werdende, aufpeitschende Sturmlied weltumfassender Arbeit herauszuhören aus dem hastenden, gellenden Lauten, die über die ölgetränkten Elbwasser fahren, dem geht das Herz auf, wenn er die Masten der Handelsschiffe, die schweren Leiber der Schuten, und des Hafens ganzes Getriebes vor sich liegen sieht. Von den nahen Vorsetzten schrillt unaufhörlich das knarrende, schütternde Geräusch des Bohrers herüber, der sich in das Eisen der Hochbahnträger wühlt, um Raum für die Nieten zu schaffen. Schauerleute, mit den Fäusten im Taschensack, stehen unschlüssig vor einer Kellerkneipe, die verlockenden Grog anpreist.

Es ist Donnerstag, der dunkle Klageton eines ausfahrenden Amerikadampfers klingt landeinwärts als Scheidegruß. An den St. Pauli Landungsbrücken geht es auf die rasche, grüne Hafenrundfähre. Am Vordersteven sind die Planken wasserberonnen, aber nur dort genießt man die Fahrt auf rechte Weise. Mächtig liegt die Speicherstadt vor mir. Knarrende Kranarme packen ganze Ballen Stückfässer und legen sie fein zuträglich nieder. Lastwagen, mit Pferden davor, die hier fast klein wirken, rollen über die Quaistraße.
Jollen schießen selbstbewusst, wie alle Gernegroße, über die Wasser an den gewaltigen, überseeischen Dampfern vorüber. Ein Schlepper zieht einen schweren, ungefügen Riesen elbabwärts. Hart Backbord hält sich neben ihm ein tanzendes Motorboot, mit dem die aufgejagten Wasser Fangball spielen. Am Amerikahöft liegen, tadellos ausgerichtet, schwere Bremer Warenboote des Norddeutschen Lloyd, im blutroten Schiffsrock, gedrungen und breit, wie unbeholfene, schwer bewegliche, dicke Frauen.
In schwankender Bewegung schlägt der Pegelzeiger vor uns zurück, als wir am Höft dort bei ihm festwerfen. Und dann geht es rasch weiter vorwärts.
Die Wasser schleudern sich mit zischendem Murmeln hoch auf am pflügenden Vordersteven. Schaumkronen tragen sie auf den rastlos bewegten Häuptern und reißen sie ab und rollen sie kichernd einander zu in toller Spiellaune. Der blassen Herbstsonne flirrende Strahlenhände gleiten in streichelndem Liebkosen über die tanzwilden Wasserfrauen. Die aber greifen nach ihnen und ziehen sie mit hinein in den Wirbel und lassen sie nicht, bis sie ihnen hilft mit Zauberfingern einen grüngoldenen Leuchtmantel zu wirken. Voll lachender Lust springen die Wasser jetzt hoch auf bis zur Reeling, mit randvollen Händen werfen sie blitzenden Schaum auf die zurückprallenden Leute und gleiten hastig, geduckt, wieder die Schiffswände hinab in ihr Reich.
Dann aber ein neues, jähes Aufbäumen, ein gewaltiges Anstemmen gegen das anstürmende Dampfboot. Mit stärkerer Kraft ringt es die Wasser nieder. Die aber verrinnen und gleiten wie in liebkosender Freude um die eiserne Bugfaust, die sie niederzwang. Rasche Krafttaten sind allemal etwas Wohlgelittenes beim weiblichen Geschlecht.

Es ist später Nachmittag geworden, als wir bei den Landungsbrücken anlegen. Die Werften drüben auf Steinwärder werden bald zum Arbeitsende pfeifen. Die letzten, hastenden Sonnenlichter gleiten über den alten-neuen Michel, der noch das ungewohnte rotbraune Kupferwams trägt.
Es zieht mich hinüber zum Elbetunnel, diesem Zauberwerk der Jetztzeit und ihrer schöpferischen Kinder. Die Einfahrtshalle ruht wie ein Koloss der Vorzeit vor mir. Den Kupferhelm übergestülpt, geht es von ihr aus wie dröhnende Wucht sieghaften Überwindens. Sie ist schön in ihrer gedrungenen, massigen Form. Vor dem Eingang staut sich die Menge. Zum Weitaus größten Teil wissbegierige, die sich das achte Weltwunder besehen wollen. Fast alles Menschen aus dem Mittelstand  und sogenannte feine Leute. Die oberen Zehntausend scheinen die Einfahrt zu scheuen. Ein schwunghafter Handel mit Ansichtskarten vom Elbetunnel ist in vollster Blüte. Mit nordischem Bedacht und voll wohltuender Ruhe verstauen sich die angesammelten Menschenmassen in den Aufzügen, die später für den Wagenverkehr benutzt werden sollen. Annährend 135 Menschen belasteten den Fahrkorb. Dann rollt die Tür zu sicherem Verschluss abwärts, eine brave Ehefrau hakt sich noch schnell in den starken Arm ihres Mannes ein, um für alle Fälle gesichert zu sein, als wir auch schon niedergleiten. Ich habe noch nie ein so angenehmes Abwärtsfahren erlebt. Man fühlt kaum, dass man die 23,5 Meter in die Tiefe hinabsinkt. Nur wenn man den Blick hebt und das außerordentlich rasche Vorbeigleiten der geschwungenen Eisentreppen, der blitzenden Wandungen beobachtet, ahnt man die Schnelligkeit.
In einer knappen Minute waren wir im aufgewühlten Bett der Mutter Elbe angelangt. Rasch entleerte sich der Fahrkorb. Und nun bot sich dem Neuling ein zauberisches Bild.
In funkelnder Lichtflut lagen die beiden Tunnelstollen vor mir. Wie unterirdische Märchengrotten erschienen sie mir. In den gelben Glasursteinen der Wände fing sich das Licht der elektrischen Lampen und strahlte zurück. Die Lichterschlange schien ganz am Ende sich aufzubäumen und den Ausgang suchend ihren Kopf zu heben.
Über die Fußwege flutete die Menge, wo unter ihnen die Rohrposten jagen und Wasserleitungen lagern. Telephonkabel und Starkstrom sind in die Seitenwände eingelassen, unter dem Fahrdamm zieht sich das Siel. Hundert eilende Menschenschritte hämmern auf den Wegen. Und über unseren Köpfen lastet der grobe Sandboden des Flussbettes, fluten die Wassergewalten, stampfen die Schiffsschrauben. Ein tiefer Schauer der Andacht überkommt mich vor diesem Wunderschaffen menschlichen Geistes, das einzig in der Welt dasteht.
Dann wieder eine kurze Fahrt hinauf  zur Erde. Steinwärder. In Sichtweite von Hamburg liegt es, der Odem Hamburger Arbeit gibt ihm Leben, und doch ist man urplötzlich in dörfliche Straßen versetzt. Nur eine kurze Wanderung über das rote Klinkerpflaster der Norderelbstraße erlaubt mir die drängende Zeit.
Abseits ragt die Werft von Blohm & Voss. Hier und da Schilder mit Anpreisungen, die dem Blumenhändler spanisch vorkommen: Spieren und Raumleitern. Auch viel Schiffsbodenfarben werden angezeigt. Spatzen lärmen wie toll in einer alten Platane, als seien sie allein auf der Welt. Dröhnend, heulend gellen die Dampfpfeifen den Feierabend in die Welt hinaus. Von allen Seiten quellen und fluten Arbeiter mit rußgeschwärzten Gesichtern, aus denen das Weiß des Augapfels blitzt, dem Elbetunnel zu. In den hart gearbeiteten Fäusten die blecherne Kaffeekanne. Und blitzschnell trägt auch mich elektrische Kraft wieder in die Elbtiefen.
Da plötzlich, in der Mitte des Tunnels, dicht hinter mir ein urgewaltiges, hartes Stampfen und Dröhnen, das hallend weiterklingt und anschwillt wie stürmisches Meerestoben, immer stärker, unheimlich, unaufhaltsam, erdrückend fast. Es sind die andrängenden Massen des Arbeiterheeres, das heimwandert.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Anna Eva Sussmann-Ludwig

In dem Blogpost über das Parseval-Luftschiff berichtete Elinor über ihre Eindrücke vom Flugplatz in Ohlsdorf. Tatsächlich mitgeflogen im Parseval ist eine ihrer Kolleginnen vom Hamburgischen Correspondenten. Am 15. Juni 1911 schrieb Anna Sussmann-Ludwig über eine Nachtfahrt mit dem Parseval.


„Ich habe geflogen“ oder „ich bin geflogen“?
Noch stehen wir in lebhafter Debatte über die einwandfreie Lösung dieser so unendlich wichtigen Frage, als ein Kollege in beschleunigtem Tempo die Front der des Aufstiegsschauspiels harrenden Zuschauer ablief und mit einem kurzen:
         „Wollen Sie mitfahren? Es ist noch ein Platz in der Gondel!“, mir die Aufforderung der Leitung zu dem Nachtflug überbrachte. 
Theorie und Praxis! Eben noch debattierten wir, und kaum fünf Minuten später flog auch ich, ohne auch nur noch mit einem einzigen Gedanken über „habe“ oder „bin geflogen“ nachzudenken. Die Gegenwart war das einzige. „Ich flog!“ Flog, als ob das etwas ganz selbstverständliches wäre, und nicht etwa eine ganz neue Etappe in meinem ohnehin an Abwechslungen und Erlebnissen nicht ganz armen Leben. Und dabei merkte ich, wenn ich ganz aufrichtig sein soll, nicht einmal etwas von der Kühnheit des Unterfangens. Der Parseval glitt so ruhig, so ohne Schwankung und ohne die geringste Vibration, die mir bei Schiffen  immer viel unangenehmer und störender als selbst das ärgste Rollen oder Schaukeln, durch die Stille der Nacht dahin, dass erst ein Hinunterblicken auf die Felder und Häuser von Ohlsdorf, auf das Lichtermeer der sich vor uns, neben uns, um uns dehnenden Stadt mir es zum Bewusstsein bringen musste, dass wir als Segler der Lüfte durch das nächtliche Schweigen zogen.
Vor uns der Abendstern. Aufrecht stehend, leuchtenden Blickes zogen wir ihm entgegen. Nicht mehr als armselige Zwerglein des Alltags, sondern als stolze Bezwinger der Lüfte, denen alles Lastende, Erdenschwere, Niederdrückende abgestreift zu sein schien. So lebensfreudig und arbeitsfrisch wie auf dieser köstlichen Fahrt fühlte ich mich vielleicht nur noch ein einziges Mal zuvor. Vor mehr als einem Jahrzehnt auf dem Hapag Passagierdampfer Columbia beim Anblick der Mitternachtssonne in der Adventsbay bei Spitzbergen!
Wie alles Große, Schöne im Leben, ging auch diese Episode  leider viel zu rasch dahin. Glatt, sanft, fast möchte ich sagen unglaublich sanft landete die Gondel. Die Erde hatte uns wieder. Nicht mit einem Lebewohl, sondern mit einem hoffentlich auf Wiedersehen, und zwar auf recht baldiges, verabschiedete ich mich dankend vom Parseval und seinem Führer. Sie beide hatten geflogen, denn ihrer war die Arbeit, die Leistung, während mir, die sich ganz passiv verhalten, die Freude, der Genuss geworden.“ 

(Der Text stammt aus dem im März erscheinenden Buch "Parseval in Sicht!")

Es muss, man liest es aus den Zeilen heraus, ein unglaubliches Gefühl gewesen sein, zu jener Zeit als Frau in den Genuss eines fluges mit einem Luftschiff zu kommen.
Sie beschreibt es ja in ihrem Vergleich mit der Fahrt auf der Columbia. Dazu wollte ich mehr erfahren. Wann genau, und unter welchen Umständen fand diese Fahrt nach Spitzbergen statt?

Bildquelle  

Der Hapag Doppelschraubendampfer Columbia, erbaut bei den Laird Brothers in Birkenhead, machte seit Beginn der 1890er Jahre ausserhalb des Fahrplanes Sonderreisen – die Nordlandfahrten. 

Die Columbia war ein prachtvolles Schiff. Ihre drei großen gelben Schornsteine, ihr schlanker Körper, ihre elegante Decklinie verliehen ihr etwas ungemein Rassiges. Die Columbia war eines der ersten Schiffe mit einem fest überdachten Promenadendeck, wodurch noch ein zweites Deck geschaffen worden war, das man nach der Sonne benannte. Die prunkvolle Inneneinrichtung lieferte die Firma Bembe aus Mainz. Die behaglichen Kabinen boten für zwei Passagiere genügend Raum. 
Bei einer dieser Nordlandfahrten vom 20. Juli bis 9. August 1895 stieß die Columbia bis Spitzbergen vor.

Wenn man sich näher mit der Person Anna Sussmann-Ludwig beschäftigt und dieses von abenteuerlichen Ereignissen gespickte Leben sieht, dann stimmt es einen traurig, wenn man erfährt dass ihr Leben durch einen Suizid endete.
Auf der Internetseite Stolpersteine-Hamburg findet man weitere biographische Angaben zu Anna Sussmann-Ludwig.

Sonntag, 6. September 2015

Lübecks sonderbarste Kirche


08. Mai 1910, Hamburgischer Correspondent

In unserer Zeit blendender Erfindungen, nüchterner Tatsachen und hastender Unruhe gibt es so mancherlei nachdenkliche Leute, die noch gern hinüber lauschen auf das, was voll Kraft und Eigenart das deutsche Mittelalter sang und schuf, die mit liebevoller Andacht dem nachgehen, was der Väter Geist und köstlicher Kindersinn und hinterließ an gewaltig getürmten Bauwerken und sonderbar schönen Bildnereien, die allesamt bis ins kleinste hinein kristallisierte Gedanken und Empfindungen enthalten und darstellen. Für jene besonderen unter den Leuten ist Lübeck, das frühe Haupt des mächtigen Hansabundes, dessen Name ja in der jüngsten wirtschaftlichen Bewegung wieder zu Ehren kommt, eine der köstlichsten und schier unerschöpflichsten Fundgruben.
Und es ist sonderbar.
Als ob die Gewalt, die förmlich bannende Macht scheinbar verflüchtigter Zeiten dort überragend und noch lebensfähig wären - scheint alles Neuzeitliche im alten Lübeck ein erzwungenes Schattendasein zu führen. Ja, es wirkt fast störend für das Gesamtbild des alten Stadtteils, dass dort elektrische Bahnen sich mühsam auf den Straßen vorwärts bewegen müssen. Sie passen nicht zu der stillen Versonnenheit, die sogar bei den Jahrhunderte alten, nicht mehr benutzten Trave-Speichern am hellen Mittag sichtbarlich umgeht.


Aber ein sonderlich Ding gehört in die Mauern dieses norddeutschen Nürnbergs wie kaum ein anderes - es fügt sich hinein in das Urüberkommene mit all dem verwitterten und sich neigenden Leben der alten Männlein und Weiblein, das es betreut – gleich einem Endvers aus Walter von der Vogelweides letztem Lied: „Ade Frau Welt“ – es ist das „Hospital zum heiligen Geist“, unweit des alten Burgtors gelegen. Ebenso merkwürdig wie die eigenartige Einrichtung dieses sogenannten „Spitals“ ist auch die Tatsache, dass seine Existenz und sehenswerte Beschaffenheit nur einem Bruchteil aller Lübeckfahrer bekannt wird.
Der Sage nach ward die Heilig Geistkirche, ein gotischer Backsteinbau, 1286 von dem Lübecker Bürger Mornewech, der es durch selbsteigene Kraft zum  reichen, angesehenen Handelsherrn gebracht hatte, gegründet.
Gekappte Lindenbäume umdrängen den Eingang zur Kirche, in die man durch eine frühgotische Kapelle gelangt, in der vier Altarschreine aus dem 15. Jahrhundert hängen, aus starkem Eichenholz in realistischer Schönheit geschnitzt, wo uralte Al Fresco Gemälde beim Abwaschen der gekalkten Wände wieder in stillem Triumph zum Vorschein kamen – hinein in den langgestreckten Bau des inneren Kirchenraumes, den jenes gewisse Licht durchgleitet, das einen der Hauptreize altüberkommener Kirchen bildet.

Im Schiff der Kirche reihen sich aus weißgestrichenem Holz aufgeführte kojenartige Zimmer Wand an Wand eng aneinander, deren schmale Türen auf einen freigelassenen Gang münden. In diesen schmalen Kojen hausen gegen 158 alte Männer und Frauen, und wo man auch hinsieht – und die verwitterten Leutchen zeigen mit Stolz ihre Behausung – herrscht schiffsmäßige Sauberkeit und stillgewordene Zufriedenheit. Über jeder Koje steht auf dunkelschwarzem Grund der Name des Bewohners nebst dem Datum seines Eintritts in das Schiff; eigen mutet es an – fast kirchhofsmäßig, jene Inschrift da oberhalb der dämmerigen Altenstube. Die verhutzelten Leutchen aber sind noch voll des interessierten Lebens. Mit 60 Jahren dürfen sie in das Stift aufgenommen werden, sie zahlen dafür 60 Mark ein. In der Woche werden ihnen zu reichlicher Atzung 3 Pfund Fleisch, 2 Brote, ein drittel Pfund Butter und Milchsuppen zugeführt, außerdem ein Wochengeld von 1,80 Mark, wofür sie sich ihr Abendbrot besorgen. Die Einrichtung ihrer Kojen bringen sich die Alten selbst mit – dies im Alter so schwierige Verpflanzen geht durch die Umgebung altgewohnter Gegenstände besser vonstatten – und urgemütlich zusammengedrängt in einem Raum von nur 2 Meter im Quadrat stehen Bett, Kommode, Speiseschrank, Stühle und Tisch – die Warmwasserheizung geht unter den Bettpfosten hindurch, - „eine ganz wunderschöne Einrichtung“, meint voll Anerkennung unser alter Führer, „immer ein bisschen warm um die Nase und die Füße.“ Die Luftverhältnisse werden geregelt durch ein vergittertes Klappfenster, das in die zwei Meter hohe Zimmerdecke eingelassen ist und natürlich in den Innenraum der hohen Kirche führt. Die Stiftsordnung beschränkt die alten Leutchen keineswegs in ihrer Freiheit; sie dürfen, ohne Urlaub anzugehen, verreisen und erhalten dann ihr Wochengeld ruhig weiter gezahlt. Auf Schritt und Tritt begegnet man geschäftig umherwackelnden Alten, die, wie jene Figuren der Altarschreine, von vergangenen Jahrhunderten geformt und geschnitzt zu sein scheinen und nur für den Rest einer kurzen Spanne Zeit zur Wandlungsfähigkeit berufen sind.

Den Männern steht ein großes Rauchzimmer zur Verfügung, in dem sie Karten spielen und lesen dürfen. Schon allein durch den anheimelnden Tabakgeruch ist dieser sonnendurchwärmte Männersaal viel behaglicher als das nordwärts gelegene, etwas düstere Gemeinschaftszimmer der Frauen, dessen ureigentliche Gemütlichkeit einigermaßen durch ein gewichtiges Betpult gestört wird, das durch seine feierlich aufdringliche Anwesenheit dem Ganzen einen mehr kirchlichen Anstrich gibt.
Im abgeschlossenen Klostergärtlein dieses sonderbarsten aller Spitäler sitzen die Stillen unter den nicht immer stillgewordenen Alten, während die Andern mit hellen Äugelein auf den Bänken vor den Kirchentüren hocken und eifrig das junge Leben draußen auf der „Weltstraße“ besehen und bereden. Vier Krankensäle befinden sich in einem Anbau, wo auch die große Küche liegt, deren Fleischkessel 250 Pfund auf einmal schlucken kann. Um 6 Uhr, zur Abendbrotzeit, füllt sich die Küche mit trippelnden Leutchen – ein langer Gasherd von 80 Flammen wird mit geschäftigem Eifer von den Männern ebenso geschickt benutzt wie von den des Kochens sonst kundigeren Frauen. Sie wärmen sich die Reste ihres Mittagessens oder braten sich die so beliebten Pfannkuchen, - die Frauen rasch oder mehr mit dem Gleichmut alter Gewohnheit, die Männer aber mit tiefgründigem Ernst, wie er zu einer so lebenserhaltenden Staatsaktion dringend vonnöten erscheint. Gewichtig wird alles bemessen und abgezirkelt, - und stolz zeigt ein Alter sein Werk: sechs hoch übereinander gestapelte Pfannenkuchen, so gleichmäßig in der Farbe und Stärke wie die runden Knöpfe eines königlich preußischen Soldatenwaffenrocks.

Langsam erhob sich aus der entferntesten Kirchenecke die Dämmerung und glitt behutsam von einer stillen Koje in die andere. Auf den harten Steinfliesen hallten kurze Trappelschritte, und die älteste Frau des Stiftes kam mit neugierigen Äuglein auf uns zu. Mit jener Redseligkeit, die Alter und Kindheit gemeinsam besitzen, erzählte sie noch rasch, dass sie 90 Jahre geworden, da sei es nichts mehr mit der Tanzerei. Aber ihre Kojennachbarin, die tanze noch allemal wie toll zur „Domzeit“ um Weihnachten, wenn eine Drehorgel ins Spital käme. Aber das sei auch was anderes, denn die wäre noch soo jung – erst 81.... Und mit klarem, vom verzehrenden Alter völlig ungetrübtem Blick sah sie prüfend hin über die „Fremden“.
Versonnen und zögernd fast traten wir hinaus aus dem Gewirr der eigenartigen Kojenstadt im steinernen Leib der uralten Kirche, hinein in das Leben der Gegenwart, die in Lübeck noch immer so aussieht, als sei sie die längst vergangene, alte Zeit. 

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12917)