Donnerstag, 2. Juli 2015

Parseval über Hamburg


Es gab eine Zeit, als sich abenteuerlustige Erfinder, Flieger und Kaufleute des alten Menschheitstraumes, zu fliegen, noch annahmen, ohne dabei Kosten, Nutzen und Risiken gegeneinander abzuwägen. Sie taten es aus ideellen Motiven. Sie wollten Pioniere sein. Einer dieser Avantgardisten der neuen Zeit war der Hamburger Kaufmann Richard Pfaffe, der in Hamburg das erste privatwirtschaftlich tätige Luftfahrtunternehmen der Welt, die „Hansa-Luftverkehr“, gründete.


Richard Pfaffe charterte für den Sommer 1911 ein Parseval-Luftschiff für fünf Wochen nach Hamburg. Für dieses Schiff wurde in Hamburg-Ohlsdorf innerhalb von nur sechs Wochen eine riesige Luftschiffhalle aus Holz errichtet. Von hier aus startete die Besatzung des Parseval unter Führung von Oberleutnant August Stelling die für damalige Verhältnisse spektakulären Rundflüge – es waren die ersten mit einem motorisierten Ballon über dem Hamburger Stadtgebiet! Nicht nur Senatoren, Militärs und Journalisten durften von der Gondel des Luftschiffes aus die Stadt aus der Vogelperspektive bestaunen. Auch der normale Bürger hatte die Gelegenheit, seine Heimatstadt aus dieser völlig neuen Perspektive zu erleben.

Auch Elimar von Monsterberg berichtete über dieses Ereignis in ihrer Kolumne und bei https://nurfluegel.wordpress.com/2015/07/02/flugellos/ findet man ein Interview zu dem Thema "Parseval in Hamburg".


18. Juni 1911, Hamburgischer Correspondent

Seitdem der Parseval in der Ohlsdorfer Luftschiffhalle festgemacht hat, ward Tag für Tag die immer brennender werdende Frage aktuell; steigt er auf, oder geht es wieder nicht. Das große Publikum, dass im allerletzten Grunde lediglich den  Nervenreiz verkosten will, etwas zu sehen, zu erleben, das für andere gefahrvoll sein könnte, und gleichzeitig seine immer hungrige Schaulust befriedigen möchte, dies Publikum begreift von der Luftschifffahrt und ihrer Zukunftsgröße noch nicht allzu viel.
Vor allem verschließt es sich anscheinend dagegen, dass der gewissenhafte Luftfahrer sorgsam die atmosphärischen Einflüsse beobachten muss, ehe er die ihm kostbaren Güter an anvertrautem Leben und Material aufs Spiel setzt, nur um die sensationslüsternen unter den wartenden Menschen zu befriedigen. Hamburgs Windströmungen, die ein tatenloses Verharren kaum kennen, hatten endlich ein Einsehen. Ohne Gefahr konnte das stolze Luftschiff seit Tagen die Passagierfahrten antreten. Und wie ein Taumel kam es über die Menschheit, die alte und die zukunftsjunge, als sie den Riesenfisch in abgeschlossener Ruhe über die Dächer und Türme, die Wasser und Dampfer fliegen sah. Nur ein kläglicher Rest eingetrockneter und verbohrter Philister verschloss sich nörgelnd und abweisend der Größe dieses Erlebens.
Denn ein Erleben ist es allemal, mag man den Luftriesen noch so oft gesehen zu haben. Denn fassbar, augenscheinlich ist hier ein Sehnen und Sinnen von Jahrhunderten in konkrete Form gekommen, feiert menschlicher Geist einen seiner stärksten Triumphe. Und die köstliche Kühnheit der Idee, diese Kristallisation menschlicher Schöpfergedanken, die sich erhebt über die haltenden Kräfte der Erde, sie ist es, die alle entflammt. Bewusst oder unbewusst, die Bedeutung dieser Tat reißt mit sich fort. Jeder, der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, fühlt, dass dies knatternde Sausen der Propeller hoch in den Lüften eine Pfingsthymne des Geistes der Zukunft ist, wie sie gewaltiger, packender nicht angestimmt werden kann. Alles Menschensehnen nach dem Höhenflug nimmt jetzt Gestalt an. Was an Ikaridenhoffen in jedem von uns noch so versteckt und verstaubt tief verborgen glüht, das flammt als Stichflamme der Begeisterung hervor beim Anblick des gelben, seidenglänzenden Riesenleibes des Parseval, der in sicherer Ruhe wolkenwärts steigt, und willig dem Druck der steuernden Hände seines erprobten Führers folgt.
Der Zufall führte mich am 10. Juni, am Tag des Stapellaufes des Großlinienschiffes SMS „Friedrich der Große“ hinaus nach der Fuhlsbütteler Straße zur Luftschiffhalle. Regen und Wind, Wind in böigen Stößen, wechselten in der Herrschaft miteinander, bis der Wind leider zum Sieger ward. Die Aussicht auf einen Aufstieg war also von vornherein eine äußerst geringe. Trotzdem lockte das Luftschiff an sich, und die Lust, wieder einmal Menschen in Massenanhäufungen unbemerkt zu beobachten. Menschen, die so verschiedenartig waren wie die Bestandteile eines Ragouts, wenn es auch nicht überall ein Ragout Fin war. In wohltuend rascher Fahrt brachte uns die Elektrische durch das sich mächtig dehnende und anwachsende Barmbeck. Dann hörten die Straßennamen auf, und es hieß hier und dort nur schlankweg: Weg, Nummer so und soviel. Kornfelder tauchten auf. Die Ähren neigten sich in eifrigem Gespräch zueinander, und hin und her.
Die Umfassungsmauern des neuen Barmbecker Krankenhauses dehnten sich schier ohne Aufhören in gewaltiger Flucht vor uns aus. An der Brambergstraße, eine Haltestelle vor der machtvollen Halle stiegen wir aus, um alles auf uns wirken zu lassen. Domstimmung war bereits auf der Straße. Fliegende Buden mit den unvermeidlichen Phonographen. Bier und Luftschifferkognak wurden ausgerufen.
Selbst ein Karussell lief lärmend im blöden Kreise, und veranlasste die vorhandene Kinderwelt zu heftigen Bitten, einmal nur da mit zu dürfen.
Mächtig hob sich vor uns die ungestüm aufwärts drängende, hölzerne Luftschiffhalle. Abgedämpfter, wie auf der Straße, das Licht in dem Bretterbau, der wie ein riesenhaftes Erntehaus aussieht. Ein Erntehaus menschlichen Intellektes in Wahrheit. Ich hatte bisher den Parseval nur in den Lüften gesehen. Nun wirkte das leise an den haltenden Tauen zerrende Schiff fast überwältigend groß. Wie ein Tier aus fossilen Zeiten, stoßbereit, duckte sich der urweltlich große, breite und prall stehende Fischleib unter das Dach der Halle. Und wie immer, wenn man ein Neues, Großes plötzlich erlebt und vor Augen hat, kam tiefes Schweigen über mich. Gesammelte Kirchenstimmung, wie sie uns packt im Dämmerdunkel kühler, jahrhundertealter gotischer Dome. Himmelanstürmende Meistergedanken kristallisieren ja auch diese Menschenwerke. Dann erst, langsam ging der tastende Blick erdwärts, zur Gondel. Luftig leicht und doch stählern fest das Gefüge. Die Plattform mit einem Geländer versehen, das mit starkem Segeltuch abgesteift ist. Um das Stahlgerippe girlandenförmig unzählige kleine Glühbirnen gereiht, die bei Nachtfahrten zur Beleuchtung dienen.
Motor, Kühler, Benzintank und Schmierölbehälter wurden fast andächtig in Augenschein genommen. Eine Woge Menschen drängte urplötzlich dicht an die Gondel heran. Ein Herr der Besatzung hat sie zu einem anschaulich kurzen Vortrag bestiegen.
Seine Ausführungen gewannen plastische Deutlichkeit durch Handgriffe und Erklärungen an dem Luftschiff selbst. Der Vortrag ist beendet. Da packt mich einer der Aufseher erregt am Arm, eben kommt das Militär, ganze sechzig Mann, nun wird’s ernst, er soll in einer halben Stunde aufsteigen.
Wie ein elektrischer Schlag zuckt das Wort durch die Menge, die aufgehorcht hatte. Den ersten Aufstieg über Hamburg sollten wir miterleben! Man wuchs förmlich über sich selbst hinaus, als einem die Möglichkeit des historischen Momentes klar geworden war. Mit der Naivität des Laien suchte jeder, Männlein und Weiblein, einen Stuhl in der Halle zu ergattern, um in gesicherter Ruhe die Dinge, die da kommen sollten, abzuwarten. Und da der Wind kühl und unvermindert steif auf der offenen Eingangsseite der Halle liegt, werden in der Liqueurbude, die so wundervoll bequem stationiert ist, einige Seelenwärmer genehmigt. Die Menschen um uns stauen sich. Auf dem Dach der Halle misst man die Windstärke. Soldaten, wichtig, erfüllt von der Schwere der von ihnen erwarteten Taten, werden für ihr Bugsier- und Haltewerk instruiert. Sie treten an die Haltenden Sandsäcke, und fassen die Taue an. Sollte es schon losgehen? Da, ein schriller Pfiff, ein Kommandoton, die strammen Kerls treten wieder ab, und schlendern, die Fäuste in die Hosentaschen der Uniform des Königlichen Vierten Regiments gebohrt, langsam hinüber über die Flugwiese nach dem verlockenden Bratwurstglöckl mit dazu gehörender Biermusik. In der Halle sind währenddessen die Verkäufer der offiziellen Parseval Postkarte in wütender Tätigkeit. Sie erklären im Brustton der Überzeugung, dass der Aufstieg baldigst stattfindet, und vertreiben Karten, die mit in die Gondel genommen würden und während des Fluges zur gefälligen Weiterbeförderung herabgeworfen werden sollen. Und auch dies Geschäft blüht. Plötzlich ein Hasten, Drängen, Schieben. Eine Menschenwand baut sich vor dem Parseval auf. Stühle werden herbeigeschleppt und bestiegen. Aber es ist nichts weiter. Nur ein rühriger Photograph nimmt die kleine Menschheit auf. Im Hintergrund in stolzer Ruhe das Werk eines Großen aus diesem Geschlechte. Wieder sind allmählich Stunden vergangen. Oberleutnant Stelling hofft noch immer, endlich den Hamburgern zeigen zu können, was der Parseval leisten kann. Abwarten, heißt die Parole. Vielleicht bringt der Abend mehr Ruhe in die Luft.
Eine Sektbude lockt am Ausgang der Halle. Sektjungfrauen, die einzelne ihrer Körperformen klug den umfangreichen Maßen der Sektkühler angepasst haben, schießen Zeusblicke der Vernichtung auf harmlose Geschlechtsgenossinnen, die sich Müde ihren Stühlen nähern. Und so bleibt es leer um diese moderne Sorte Kinder der göttlichen Hebe. Auch hier kein Aufstieg, weder von Pfropfen noch Sektperlen im Spitzglas.
Nun aber scheint es weiß Gott ernst werden zu wollen. Eine ganze Anzahl Herren der Presse erscheint, von der Leitung des Hansa-Luftverkehrs telephonisch zum Ausflug herbeordert. Ein großer Gasballon wird mit Lebensstoff für den Parseval gefüllt. Die wippende Spitzkugel, von Soldaten bis zu dem hungrigen Riesentier geschleppt, ein Saugschlauch wird ihm an das Maul gehalten, und er trinkt sich mit Wasserstoffgas satt und voll, langsam aber auskömmlich. Probeweise werden die Glühbirnen eingeschaltet, die langen Arme des am Steuer- und Backbord der Gondel hervorragenden Projektionsapparates, der die Lichtbilder auf die weißen Seitenwände des Ballons wirft, werden eingestellt. Eine fieberhafte Aufregung beginnt sich der drängenden Menge zu bemächtigen.
Die Motore fangen probeweise an zu arbeiten. Auf und nieder sausen die Kolben und fliegenden Zapfen der Maschinerie. Ein surrender Lärm füllt die Halle. Nun kreisen die vierflügeligen Schwingen der Propeller in blitzschnellen Schwingungen. Mit knatterndem Sausen schneiden sie durch Luft. Die Umdrehung wird so rasch, dass man nur schwirrende Kreise vor sich zu sehen glaubt. Da, ein ohrenzerreißender, langgedehnter Heulton, die Dynamomaschine gibt laut. Es ist das Signal zu einem Sturm auf die Halle. Selbst die gefülltesten Biergläser werden achtlos stehen gelassen, das selbst verknüpfteste Liebespaar stürzt als bewusstlose Einzelwesen in das Gewühl der Menschheit. Draußen auf dem Landungsplatz wird währenddessen in aller Stille ein kleiner Drachenballon aufgelassen. Bereits in geringer Höhe zeigt er starken, allzu starken Winddruck. Es kann nicht geflogen werden. Trotz alledem. Die Enttäuschung beim Publikum ist groß. Es scheint nicht zu verstehen, dass diese notwendige Vorsicht die Sicherheit der Parsevalfahrten auf die gleiche Höhe mit den Fahrten auf der erprobten alten Eisenbahn stellt.
Und die Tage vergingen, endlich kamen die ersehnten mäßigen Winde. Unerwartet für die vielen hunderten Skeptiker scholl an einem Spätnachmittag durch die allerstillsten Wege der Hamburger Villenviertel, durch verkehrsdurchflutete Straßen ein unausgesetztes Hurragejubel. Fenster öffneten sich, Dachluken flogen auf, Menschen stürzen aus den Häusern und Gärten, in rasendem Lauf rannten erwachsene, würdeschwere Leute mit Kindern um die Wette dem Alsterufer zu. Ein leuchtendes Lachen auf allen Gesichtern, stockfremde Menschen riefen einander zu: „Er fliegt! Er ist  über Hamburg!“
Wie ein Taumel lag es über der Menschheit. Ein Gefühl stolzer Einheit, starker Zusammengehörigkeit schien über die Massen gekommen zu sein, wie sie sonst großzügige Stunden nationaler Erhebung zeitigen mögen. Und in raschem, gleichmäßig stolzem Flug schwebte, losgelöst von der Erde und ihren beengenden Fesseln, der Parseval. Im Heck Hamburgs Flagge. Im Bogen umkreiste er die Stadt. Die Abendsonne lag auf seinem seidigen, gelben Riesenleib, wie Fäden erschien das Gestänge der Gondel. Und die Lüfte trugen ihn willig, und mürrisch fügte sich ihm der gegenlaufende Wind. Das Steuerruder gehorchte den führenden Menschen-händen, als ob es tragende Wasser verdrängte. Und mit überwältigender Wucht packte es all die hunderttausende die ihn sahen, und erkannten im persönlichen Miterleben, was hier ein stiller Großer aus ihrem Geschlecht geschaffen, die Macht der Stunde. Ich aber meine, Ulrich von Huttens Wort hat heute erst Lebensbedeutung erhalten.
„Künste und Wissenschaften blühen! Es ist eine Lust zu leben!“

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12974)  

Samstag, 6. Juni 2015

Gedichte





Ihrer Majestät 
der 
Königin Charlotte von Württemberg in ehrfurchtsvoller 
und tiefster Verehrung allerunterthänigst gewidmet.









So wie die Blätter
Im Winde verwehn,
Muss meine Liebe
Auch immer vergehn.

Heut´ scheint die Sonne
Doch morgen fällt Schnee -
Liebe muss wandern
Und thut´s ihr auch weh!


Mein Glück im rechten Augenblick ergreifen,
Ws rasch zu fesseln, eh´ es mir entrückt,
Das werd´ ich nie und nimmermehr begreifen - 
Schwerfäll´ger Kleinmut mich zu Boden drückt.

Oft lächelte mir Glück - ich konnt´ nicht fassen,
Das mir dies galt - viel Volk stand ja umher.
Mich anzulächeln wird es jetzt wohl lassen,
Nie recht verstanden - kommt es wohl nicht mehr.

Montag, 20. April 2015

Elinor, gefunden?

Kürzlich erwarb ich dieses alte Photo. Auf dem unteren Rand des Kartons dieser Carte de´ Visite (CDV) findet sich Name und Ort des Photostudios. Es ist das Atelier Ideal im Steindamm 50/52. Dieses Atelier bestand von 1911 bis 1923 an dieser Adresse.

Eintrag 1911










Der Blick auf die Rückseite ließ mich plötzlich zusammenzucken. Sollte ich tatsächlich solch ein Glück haben? Oder hat mich dieses Bild gesucht?




Fein, fast nicht zu entziffern steht dort folgendes:








Das es sich um die abgebildete Frau um Elinor von Monsterberg handeln könnte, schließe ich nicht aus. Nicht, weil es mir so in den Kram passen könnte, sondern weil einiges darauf hindeutet. In der Gegend des Ateliers dürfte sie sich durchaus aufgehalten haben. Schließlich brachte sie ihr Artikel über die Marktwanderungen in die Nähe des Steindammes. Ein verträumter, romantisch leidender Blick und das symbolische Buch auf ihrem Schoß...
Ich kann es mir gut vorstellen.

Für mich ist sie es jedenfalls!


Dienstag, 7. April 2015

Zwecklos


Bezugnehmend auf den Totensonntag vom 19. November 1911 erschien dieser Text im Hamburgischen Correspondenten.

Hamburg, 26. November 1911
 

Wo wir auch Umschau halten mögen auf dem Erdball, sei es selbst bei den geringsten Lebewesen, den für uns unscheinbarsten aller Dinge, finden wir immer und immer einen bestimmten, scharf umrissenen Zweck. Nichts gibt es, das zwecklos wäre, denn es ginge wider die Natur. Der Mensch selbst also ist der lebende Beweis für das künftige, veränderte Fortleben seiner Seele und Geisteskräfte. Des Fleisches Endzweck ist: völliger Tod; denn das Alter lässt es zusammensinken, über jenes hinaus gibt es für den Körper hinaus keine Entwicklung mehr. Das andere aber, was in den Menschen gelegt wurde, die Fähigkeiten seines Geistes und seiner Seele, was in ihm ruht, arbeitet und ringt, was sich betätigt in selbständigem, ja selbstschöpferischem Handeln und Schaffen, um dies alles zu vollkommener Reife und Vollendung kommen zu lassen, reicht solch kurzes Erdenleben in keiner Weise aus. Somit wären alle diese Kräfte der Zwecklosigkeit unterworfen, welche die Schöpfung nicht kennt, wenn der Tod des Körpers uns nicht zu einem anderen Leben verhelfen würde. Und so gewiss der Zweck aller in uns gelegten Geisteskräfte, der uns in kleinem oder großem Maße gegebenen Anlagen immer nur der ist und sein kann: sich zu vollkommener Vollendung zu entwickeln, ebenso gewiss können wir diese nur erreichen in einem anderen, gänzlich anderen Leben. 


Unsere geistige Persönlichkeit und unsere Seele, sie leben fort, müssen fortleben, um den von der Natur gewollten Zweck zu erfüllen. Der Natur, die nichts halb zu tun pflegt und deren Zielpunkt von Anbeginn her das Vollbringen ist. Die Art jenes anderen Lebens freilich vermögen wir nur zu ahnen in jenen lichten Augenblicken, die jedem einmal kommen unter uns. Jedem. Stak, überwältigend oder ganz matt, unsicher, verwischt. Immer aber macht sich dabei ein starkes Widerstreben bemerkbar, ein stoffliches, das Widerstreben des Körpers, der unwillkürlich auch hier nur seinem irdischen Endziel zuneigt, und über den Geist, der berufen ist, Welten zu durchmessen, Beschränkung, Erdenschwere auftürmt.

Aber es kommt die Zeit, wo die irdische Hülle unseres Geistes zerfällt und ihm eine gegeben wird, die aus den Ewigkeiten herauswuchs.
Doch wie unser Körper im Erdenleben unsere Geisteskraft einengt für seine Zwecke, unsere Seele niederzerrt zu seiner Schwachheit, wird er sie, wenn der Tod ihn traf, in den Dunstkreis des Erdballs zwingen, bis er endlich aufging, ganz, in dem, woraus er stammte. Und das muss sie sein, die erschütternde Qual, das wortlose Leid, das sie alsdann verkostet, die vom Leib erlöste und doch noch von ihm gehaltene Seele. Allein, grenzenlos allein, nur umgeben von der Not und Pein plötzlicher Erkenntnis und dem erschütternd qualvollen Bewusstsein zu unrecht getaner Taten, leichtfertig gesetzter und nicht erreichter Ziele, im Weltall allein, im Unermesslichen!
Umhegt und umringt von überwältigender Lieblosigkeit, gehetzt von ruheloser Sehnsucht, der Sehnsucht, nur einmal ein heißes, betendes Erinnern ihrer hinterlassenen Lieben zu verspüren. Und solch Erinnern, wie schwach es wird, und wie vergänglich es ist, und wie vergeblich so oft diese Seelensehnsucht danach! Unendliche Leiden müssen es sein, die Tote leiden, wenn niemand an sie und ihre Seelen denkt! Und zu der einen Sehnsucht die andere, unaussprechlich machtvolle, die Sehnsucht, durchzudringen durch die heiligen Zeit- und Urmächte, angezogen und doch noch unendlich abseits von dem alles durchströmenden Urvater, und voll haftender sorgenvoller Unruhe, weil sie Ihn fühlt und ahnt und spürt, und doch noch ewige Gewalten zwischen ihr und ihrem sengenden Verlangen unsichtbar und doch so grausam deutlich aufgetürmt liegen!

Wovon unserer Väter Väter in dumpfem Vorgefühl raunten, das Volk voll ängstlicher Ahnung erzählt und flüstert in ungezählten Mären und Sagen: von den Seelen, die noch keine Ruhe fanden, wahrlich, dies muss es sein, ein Fegefeuer erwartungsvoller Sehnsucht, peinvoller Ungewissheit und jagender Unruhe, wie es verzehrender nicht ausgesonnen werden kann.
Unnennbar köstlich aber wird es sein, wenn die Zeit erfüllt ist und die Pforten der Vollendung sich dem öffnen, was wir für die Ewigkeit bereithalten sollen! Sie aber, die Hingegangenen, ist es, die von da an den Unendlichen sehen wird in seiner Glorie zur Rechten Urvaters das Weltall erfüllen.
Weit und ungebunden wurde nun ihr Verstehen, göttliches Ausruhen erwartet die Seele, die eingelassen ward in die unbegrenzte, jede Möglichkeit erschöpfende Wahrheit des Universums. Immer umfassender, immer ausfüllender durchströmt und erfüllt sie der Geist alles Lebens, unsagbare Wonne und unausdenkbare, ruhevolle Befriedigung durchflutet sie unausgesetzt durch sein gebendes Dasein.
Ihrer ist, was wir das „Nichts“, Himmel, Seligkeit, Erlösung nennen, in der Erkenntnis, dem Durchdrungen Sein und dem Aufgehen in Gott, dem Licht.

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12979) 

Sonntag, 5. April 2015

Blindenbibliothek


Hamburg, 26. Februar 1911


Je mehr man in die abgründigen Tiefen leidvollen Lebens schaut, wo der Menschheit dunkle Not, ihr blasses, herbes Leiden zusammengeduckt hocken, um so dammloser wird in uns die warme Springflut des Mitleidens. Viel düsterer und härter, viel entsetzlicher als die bizarren Phantasiebilder eines Hanns Heinz Ewers ist das, was menschliches Erleben und Ertragen in aufschreiender Wahrheit zu erdulden vermag. Wie ein grundloser See erscheint all der Kummer, den unerhörtes Leiden durch die Jahrhunderte niedersenkte und zusammenrinnen ließ in bittren Wassern tränenschwerer Trübsal.
Das aber, was denen, die im Lichte wandeln dürfen mit weit aufnehmenden Sinnen, am härtesten dünkt, als dunkelste Qual erscheint, ist wohl die Not all derer, denen das Licht der Augen gehalten und beschattet ward von ihres Daseins kalter, mitleidloser Härte. Aber ein sonderbar Köstliches empfingen jene Nichtsehenden: die seltsame Kraft, die schier unerhörte Wucht ihres eisenharten Schicksals mit lächelnden Lippen auf sich zu laden und nie darunter zusammen zu stürzen. Um diese Blinden webt es wie ein stilles, heimliches Freuen, genährt von geheimnisvoller Innerlichkeit. Ein fast erdgelöstes Abgeklärt sein umhüllt sie. Es scheint fast, als ob sie durch den unzerreißbaren Schleier, den sie tragen, bewahrt würden vor den bösen, hässlich-schweren Eindrücken einer Umwelt, die mehr Dunkelheiten besitzt, als blinde Augen erdulden müssen. Und in dieser bedingten Abgeschlossenheit von den Außeneindrücken erwächst ihnen eine höhere, reinere Welt, ihre Innerlichkeit, durch nichts Äußerliches beeinflusst, ihre Gedanken, durch nichts eindrücklich Wechselndes abgelenkt, vertiefen sich, wachsen und schaffen sich ein eigenes Licht- und Sonnenleben. Freilich, der Hohlweg bitterer Qual, durch den die Lichtbenommenen vordem müssen, den ihres Schicksals dunkelschwere Schatten erfüllen, er ist in Wahrheit ein Kreuzesweg gewesen.


Bedrückt und förmlich benommen von dem peinbringenden Gefühl, schlimme Menschennot bald mit ansehen zu müssen, trat ich in das Müllersche Blindenheim, das neben dem zweckgleichen Lämmerstift liegt, und wo die Zentralbibliothek für Blinde, Breitenfelder Straße 21, Aufnahme gefunden hat. Die blinden Frauen aber, die mir auf meinem Wege zu dieser einzigartigen Bibliothek begegneten, sie waren allesamt in frischer, lebensfreudiger Tätigkeit. Mit verblüffender Sicherheit öffnete auf unser Läuten eine Blinde die Windfangtür.  Wieder andere kehrten die ohnehin schon blitzblanken Stiegen und Wandelgänge, oder räumten ihre sauberen, sonnenhellen Wohnstuben mit frauenhafter Sorgsamkeit auf, rasch und bestimmt in ihren selbstsicheren Bewegungen wie Sehende. Ich trat in ein Zimmerchen, das einer blinden Frau Heimstätte war und noch eine Andere behütete, die ärmer war, wie die Blinde an Sinneskräften. Sie ist seit ihrem achtzehnten Lebensjahre taub und blind und hört nur einen schwachen Laut, wenn ihr die blinde Stubenkameradin dicht ins Ohr das Gesprochene übermittelt. Hier zeigt uns diese Taubblinde eine Handarbeit, von ihr angefertigt. Eine Spreitdecke war es, zusammengesetzt aus vollkommen fehlerlosen, mit maschineller Genauigkeit erhaben gestickten Vierecken, die wiederum aneinandergenäht waren. Das Ganze ein Muster, das durch seine verwirrende Vielseitigkeit selbst Sehenden schwere Stunden bereiten muss. Und dies alles in seiner Gesamtheit ausgeführt, ohne ein einziges Versehen, ohne eine abgeirrte Masche, und über der ganzen, unbequemen großen Arbeit eine förmlich leuchtende Sauberkeit, über eine Arbeit die nicht  aussah, als hätten sie fleißige Hände mit hundert und aberhundert Bewegungen geschaffen. Rührend aber war es, wie die Blinde das Schaffen und Können der noch ärmeren Genossin erklärend pries, wie sie ihr den fehlenden Sinn vergessen zu machen versuchte, indem sie ihr in eifriger Mühseligkeit Gesagtes wiederholte.

Unter der Führung der ersten Vorsitzenden des Vereins Zentralleihbibliothek für Blinde, Frau Stephanie Nordheim, die eine förmliche Kristallisierung der Menschenliebe ist und in werktätiger Arbeit durch Jahre hindurch, ganz abgesehen von praktischen Werten, ihr Leben und ihre Gesundheit der Not der Menschen hinwirft, betrat ich die Räume der Blindenbibliothek, die vor allen anderen Dingen verdient, ihre Schöpfung genannt zu werden.  Als die Sozialen Hilfsgruppen vor Jahren anfingen, sich auch mit der Führsorge für die Lichtberaubten unter den Menschen zu beschäftigen, Vorträge und konzertartige Veranstaltungen im Blindenasyl abhielten, kam bald das dringende Bedürfnis der Blinden nach geistiger Nahrung zur Sprache. Die hervorragende Begabung einer sehr starken Anzahl  Blinder ist eine bekannte Tatsache, aber die Möglichkeit, sich durch eigenes Lesen fortbildender Schriften vorwärts zu bringen, war ihnen lange verschlossen, oder aber nur im engen Maße erreichbar, da ihnen zugängliche und für sie in tastendem Lesen verständliche Werke fehlten. Nur in Leipzig verleiht ein Verein Blindenbücher auch nach außerhalb, aber sein Vorrat ist äußerst beschränkt. Die Dresdener Bibliothek, die über eine starke Bändeanzahl verfügt, entleiht an auswärts wohnende Blinde nur nach eingeforderter und genehmigter Erlaubnis des Ministeriums des Innern, eine ziemlich unverständliche Maßnahme, die nur ein in bessere Form gestecktes Abschreckungsmittel bedeutet. Die königliche Blindenanstalt in Steglitz, die aus städtischen Mitteln erhaltenen Blindenschulen Berlin und Breslau halten eine größere Anzahl Bücher zur Verfügung.

Da in Deutschland, vor der Gründung der Zentralbibliothek für Blinde, Hamburg, kein Institut dieser Art bestand, beschloss eine Anzahl Damen und Blinde, unter Mitwirkung des Direktors der hiesigen Blindenanstalten, Herrn Merle, eine Zentral-Leihbibliothek für Blinde zu begründen. In der Erkenntnis, dass solche Gründung nur dann von erschöpfend segensreicher Bedeutung sein konnte, wenn sie allen deutschredenden Blinden ohne Ausnahme und kleinliche, lokale Beschränkung zugänglich gemacht würde, und im beständigen, abwechselnden Austausch geistiger Berührungspunkte geschaffen sind, wurden die deutschen Bundesstaaten zur Mitarbeit am Werk aufgefordert, die auch geleistet worden ist. Nach einer Arbeitslast von fünf vollen Jahren, deren Löwenanteil dem Organisationstalent und der beispiellosen Opferfreudigkeit der Frau Stephanie Nordheim zufällt, kam die Gründung und Eröffnung der Blindenbibliothek Hamburg zustande.
Den meisten Menschen unter den Sehenden geht das fassliche Verständnis für lesende Blinde ab. Unter Hunderten sind kaum Zehn, die einmal ein Blindenbuch zu sehen bekamen und damit einen Begriff verbinden können. Für jene Vielen in Kürze eine Erklärung der sogenannten Blindenschrift. In den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erfand der Franzose Louis Braille die Blindenschrift und ermöglichte dadurch einen raschen und vollständigen Ausbau des Blindenunterrichts, der heute wohl allgemein einem guten Volksschulunterricht gleichsteht. Das dieser Unterricht auf Schulung und Ausbildung des Tastsinnes fußt, ist wohl bekannt. Und es ist danach auch verständlich, dass alles, was den Blinden vermittelt werden soll, in erhöhten Formen ausgeführt sein muss.  So gibt es neben der Punktschrift Unterrichtsgegenstände zweckdienlichster Art, so auch Zeichnungen, Landkarten und Stadtpläne in plastischer, tastbarer Darstellung. Vermöge der international gewordenen Braille-Schrift ist es möglich, den Blinden eine reichhaltige Literaturausbeute zu verschaffen, die für die Ausbreitung und erschöpfende Vertiefung der Blindenbildung von höchster und einschneidenster Wichtigkeit ist. Das Schema des Blindenalphabets besteht aus zehn Grundbuchstaben und zwei systematisch verwandten Hilfspunkten. Die Unterscheidung großer und kleiner Buchstaben fällt fort, Interpunktionen und Zahlen werden durch die gleichen Zeichen und entsprechende Stellung wie die Buchstaben des Blindenalphabets dargestellt.
Es werden nun Blindenbücher im Druckverfahren, das äußerst kostspielig ist, und gleichzeitig handschriftlich hergestellt, eine Arbeit, der sich bei uns in Hamburg in opferfreudiger und zeitraubender Nächstenliebe weit über achtzig Damen widmen. Verständlich werden die hohen Kosten des Druckverfahrens, wenn man hört, das Schillers Tell in der Reklam-Ausgabe 20 Pfennig, in Braille-Schrift fünf Mark kostet, denn auch die Bandstärke schwillt ungeahnt an in der Punktschrift. 

So umfasst Gustav Freytags Roman „Soll und Haben“ in Brailleschrift vierundzwanzig große Bände, von denen jeder 130 bis 140 Blatt enthält. „Bismarck und seine Leute“, das bekannte Werk von Moritz Busch, besteht in Schwarzdruck aus nur zwei Bänden, in Brailleschrift aber aus sechzehn. Es ist erklärlich, was es demnach bedeutet, eine Bücherreihe von einer Größe zu besitzen, wie der Verein Zentralbibliothek für Blinde, der im Lauf des letzten Geschäftsjahres nicht weniger als 9746 Bände an seine Leser verliehen hat. Der Bestand der Bücherei belief sich Ende 1909 auf 11553 Bände, und zwar Werke streng wissenschaftlichen Inhalts in deutscher, französischer und englischer Sprache, Bücher unterhaltender Art ebenfalls in den vorgenannten Idiomen, zu denen sich noch hebräisch gesellt – Dichtungen, Dramen, Operntexte, Sagen und Märchen, Biographien, Schriften religiösen und ethischen Inhalts. Musikalien, die Noten werden ebenfalls in Punktschrift geschrieben, für Gesang, Klavier, Orgel, Geige und Cello. Musiktheoretische und literarische Werke. Namen wie Shakespeare, Goethe, Schoppenhauer und Nietzsche, Ibsen und Sophokles reden eine stumme, aber gewaltige Sprache für den geistigen Hunger, der da gestillt wird.

Das das Buch der Bücher, die Bibel, und eine starke Anzahl christlich-religiöser Schriften vorhanden sind, ist fast überflüssig der Erwähnung. Die Wahl der Bücher liegt dem Geschäftsausschuss ob, der diese anschafft nach den eingereichten Lesewunschzetteln der Blinden. Der Bibliothekar des Vereins, Herr Richard Dreyer, selbst ein Leidgenosse, leitet in umsichtiger, tatenfroher und unermüdlicher Tätigkeit die starke geistige Zusammenfassung erfordernde Arbeit, unterstützt von einer jungen Gattin und Fräulein Friedrichs, letztere steht ebenfalls gehaltenen Auges, aber schaffensfroh im Leben.
Durch die Liebenswürdigkeit des Bibliothekars wurde mir noch Aufklärung über das Arbeitssystem der Bücherei. Es werden Bücher und Noten nach Österreich, der Schweiz, Spanien, Frankreich und Russland geliehen, außer den Sendungen innerhalb des Deutschen Reiches. Russland wird in Zukunft wohl in Wegfall kommen, da ungeheure Zollschwierigkeiten des Versand verbieten. Der Versand der Bücher erfolgt in festen Kartons, denen gleich Rückadressen beiliegen, einmalige Portokosten trägt der Verein. Die reiche, aber immer noch ergänzungsbedürftige Bibliothek füllt zwei große Räume der Müllerschen Blindenstiftung, die unentgeltlich zur Verfügung gestellt sind, ein weiteres Zimmer ist für Korrekturlesung der handschriftlichen Punktbücher bestimmt, ein vierter Raum angefüllt mit Stapeln von Bücherkisten. Ein ganzes Regal füllen die Kataloge für Blinde in Punktschrift, ausgeführt in dem neuen Kurzschriftsystem, einer Vereinfachung der internationalen Vollschrift, das in Zusammenziehungen besteht.
Die stille Segensarbeit, die dort geleistet wird, dies Wohltun, das so unendlich vielen von Dunkelheit überschatteten Blinden die bisher beengten und oft verschlossenen Pfade zum alles erhellenden Lichtstrom des Geistes aufgesprengt hat, sie mögen weiter wirken und wachsen, zum Heil Tausender unserer Brüder.  

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971) 

Samstag, 4. April 2015

Marktwanderungen


Hamburg, 29. Oktober 1911
 

Es ist nicht immer gesagt, dass alles Neue auch bedingungslos gut sein muß. Im Gegensatz zum erprobten Alten verfügt es meist über alle Schattenseiten der unerfahrenen Jugend. Wenn diese aber nicht ganz und gar in der Anlage verpfuscht ist, kann man im Lauf der Zeiten auf Besserung hoffen.
Vorläufig scheint mir freilich, dass wir mit dem Aufgeben des Hopfenmarktes noch mehr verloren haben, als nur das schöne, wechselreiche Bild, geweiht durch die Jahrhunderte. Die tätig am Marktleben Beteiligten fanden statt der erhofften Bewegungsfreiheit beengende Einschränkung an den neu geschaffenen Stätten ihrer Tätigkeit. So muss es wenigstens dem unbefangenen Beobachter erscheinen, der zur Zeit des großen Marktes, am Freitag, den Bahnhofsplatz aufsucht.
Auf den Zufahrtsstraßen ein atemnehmendes Gedränge von Marktwagen. Kaum Luft scheint zwischen die einzelnen Gefährte kommen zu können, das Bild hat beängstigende Ähnlichkeit mit dem unvollkommenen Gewühl am Burstah, als der alte Hopfenmarkt noch der Kriegsschauplatz war. Mit dem Glockenschlag des Marktbeginns kommt übersichtliche Ordnung in die Wagenburg.
Kopf an Kopf, ausgerichtet wie bei einem gut klappenden Kavalleriemanöver, stehen die Gäule. Die meisten dösen, ergeben in ihr Schicksal, still vor sich hin, nur ab und an gibt ein aufmerksames Ohrenspiel Kenntnis davon, dass Leben, Daseinsverständnis in einem oder dem andern der Vierbeiner steckt. Fein säuberlich von dem edlen Vetter getrennt, hocken die Hunde unter ihren Karren. Frierend verfolgen sie mit flackernden Augen jeden Schritt ihres Herrn im Weiberrock oder in Männerhosen.

Man muss eine Weile in der Nähe des spurlos dahingegangenen Klosterbahnhofs stehen bleiben, um den rechten Überblick über das Geschiebe und Getriebe des neuen Hauptmarktes zu bekommen. Den Freund althamburgischen Wesens überkommt dann zuerst ein wehmütiges Bedauern ob dem, was der eherne Schritt der Zeit niedertreten musste an jahrhundertealter Schönheit eines Bildes, das unter dem Schutz und Schatten der Nikolaikirche so lange die bunten Reize mannigfaltigen Lebens entfaltet hatte und voll Kraft und derber Natürlichkeit steckte, wie Gemälde altniederländischer Meister der Farbe.
Allzu herbe und wahrhaftig nicht immer sehr glücklich fährt hier die neue Zeit hastig zwischen das Gewühl der handelnden und kaufenden Menschheit. Fährt, im eigentlichen Sinn des Wortes aufzufassen. Denn von der höher liegenden Straße aus sieht man mit erschreckender Deutlichkeit, wie sich der blitzende Schienenring der elektrischen Bahnen rings um den Markt erdrückend eng legt, wie sich ihre Wagen unter unausgesetztem Läuten mitten durch die drängenden Menschen und harrenden Fuhrwerke der Gemüsehändler mühsam durchquälen müssen.
Oberhalb des Markttreibens aber, auf den fest gefügten Mauern der Eisenbahn-Überbrückung, da lebt und schafft das, was in Wahrheit großzügig ist an der Neuzeit. Signalarme schnellen auf und ab, aus dem weit aufgerissenen Schlund der Hauptbahnhofshalle flüchten die Züge in unausgesetzter Folge, oder gleiten hinein, als ob sie sich bedingungslos einer dunklen Schicksalsmacht anheim geben müssten. Gelles Pfeifen schneidet die Luft, wie Arme, die erschrocken hoch fahren. Ein stampfen, ein dröhnendes Vorwärts hasten klirrt über die Eisenschienen und schüttert mit rollendem, dumpfem Laut auf den Straßenüberführungen. Der Verkehr, der die Welten verbindet, wettert vorüber.
Und unsichtbar über die Brüstung der Eisenbahnbrücke gelehnt, sieht die neue Zeit auf das Getriebe des Marktes, eingehüllt in die Schwingungen des Lärms, ohne die Sie nicht denkbar ist. 

Deichtorhallenkunst

Es ist anders wie am Hopfenmarkt, wo aus der hohen Luke des Nikolaiturms die Vergangenheit nieder schaute, ungetan mit jenem eindringlichem Schweigen, das die Jahrhunderte mit sich führen.
Zeit wird es, dass ich mich auch mitten hinein in das Marktleben stürze. Allzu lange stand ich auf einer Stelle. Ein Schutzmann wurde schon auf mich aufmerksam und schätzt mich mit musternden Blicken ein. Schutzmannsblicke vermögen es, bei dem unschuldigsten Unterton urplötzlich ein schlechtes Gewissen aufkeimen zu lassen. Und das ist eine zwecklose Nebenbeschäftigung.
Die Buntheit auf dem Markt ist reich in ihren Farben wie der Herbst selbst. Eintönig sind allein die Kleider der Menschen. Verschwunden, eingestampft von der nüchternen Allgemeinheit scheinen die Trachten der Vierländerinnen, nichts sieht man noch von der Eigentümlichkeit der Bardowieker, kein Altenländer Kopfschmuck drückt wie einst das glatte Scheitelhaar der einzelnen Frauen. Es ist ein Jammer, diese verhängnisvolle Wirkung neuer Tage!
Mit den ausgeprägten Merkmalen ihres Daseins versehen, drängen sich Hafenlöwen mit schwimmenden Schnapsäuglein im Wiegeschritt zwischen den Ständen hindurch. Bereit, für wenig Entgelt volle Körbe an die wartenden Wagen zu schleppen, um dann so rasch wie möglich die erworbene Scheidemünze in Feuerwasser aufzulösen.
Marktbeamte wandern von Stand zu Stand, um das Marktgeld einzufordern, das je nach Größe des einzelnen Raumes von 60 Pfennig bis zu 1,20 Mark schwankt. Alles spielt sich mit kameradschaftlicher Gemütlichkeit ab.

Auf einem Kürbis von Achtung gebietender Ausdehnung hockt ein feistes Bäuerlein und wickelt mit stoischer Ruhe von diesem harten, gelben Thronsessel aus seine Kaufgeschäfte ab. Er sitzt fester als der kleine Kaiser von China und weiß nichts von revolutionären Unterströmungen. Langsam bummle ich von Stand zu Stand, um ab und an ungewollt rasch vorwärts zu schieben, wenn einer der Träger mit wohlgezielten Stößen mir seine leeren Körbe in die Kniekehlen rennt, was sehr oft der Fall ist.
Die Oktobertage stehen im Marktleben unbedingt im Zeichen der Kohlsorten. Wohin man sieht, flegeln sich die dicken, runden Kohlköpfe herum, und es ist erstaunlich, was für eine Fülle von Farbe auf ihren festen, feisten Kugelgesichtern liegt. Bläulichrot, wie das Gesicht eines Mannes, dem der ständige Aufenthalt in Wetter und Wind unzählige kleine Blutgefäße zum Springen brachte, so guckt der Rundschädel des Blaukohls aus den dicht geflochtenen Marktkörben heraus und schielt neugierig über den Rand nach seiner wohlgenährten Freundin Weißkohl, die ein lichtgrünes Überkleid auf gelbweißen Grund angetan hat. Unweit von ihrem Platz hat sich sein gefährlichster Nebenbuhler aufgestellt. Aus sattem Dunkelgrün ist der feste Rock, mit verführerisch gekräuseltem Hauptschmuck und seiner fremdländischen Abstammung steckt er für die Damenwelt voll besonderer Reize, es ist der Savoyerkohl, der dort seiner Stunde wartet.
Ängstlich besorgt schlingen sich mütterliche Blätterarme schützend um die jungen, unschuldig weißen Köpfe des Blumenkohls. Mit bissigen Gesichtern und verkümmert dünnen Leibern, wie böse, alte Weiber, hockt der Lauch da. Die kleinen dünnen Wurzelfasern starren von den Köpfen wie ausgemergelte kleine Straußenfedern auf einem vorsintflutlichen Kapotthut. Dazwischen, in wohltuender Gemütlichkeit, Zwiebeln aller Sorten und Größen, Bauersfrauen, angetan mit sechs farbigen Unterröcken und einem rotbraunen Warprock darüber.
Unweit davon ganze Wagenladungen Steckrüben. Mit ihrer gelben Haut und dem abgeschnittenen Kohlstrunk sehen sie aus wie Chinesenköpfe, die durch die Mandschutöter ihre Zöpfe verloren haben.

Auf der anderen Seite des Marktes leuchtet es da und dort auf, wie blaßrote Blutstropfen. Es sind Körbe voll Hagebutten, ganze Kisten von Preiselbeeren und dann wieder, dicht aneinander gedrückt, Radieschen mit gesunden, roten Pausbacken. Rettiche in weißem und schwarzem Mönchshabit stehen ernsthaft dazwischen. Gelbrot, in bauschigem Umfang, leuchtet das Röcklein der hübschen Bauernmädel, der Mohrrüben, auf. Englische Gurken und Kopfsalat füllen Kisten und Körbe. Die knirschenden Blätter des Winterspinats sind in heller Menge vorhanden, ebenso die düstere Schwarzwurzel und die gewichtige Dame Sellerie. Auf dem Fruchtmarkt duften späte Himbeeren, dunkelblaue Pflaumen, Birnen in allen Farben, vom blassen Gelb bis zum leichten Rot, füllen die Obsttonnen. Äpfel übertrumpfen ihre Färbung mit ihren runden, knallroten Backen. Italienischer Wein, mit seiner glasharten, grünlichen Beere, liegt friedlich neben der deutschen Traube.
Wie vertrocknete alte Jungfern, die sich tief im Innern überraschende Süße vergangener Sonnentage bewahrt haben, liegen verhutzelte Feigen. Herbe Granatäpfel mit ihrem kernreichen Gehäuse Drängen sich dicht neben gelbrote, stark duftende Quitten. Stechend Gelb, als hätte der Neid sie gefärbt, hocken die Zitronen zusammen, in flammendem, glasigen Rot fiebriger Erwartung die Tomaten. Bis zum Rand gefüllt stehen Körbe mit frischen Walnüssen, die für den harten Kampf mit den Wettern des Lebens ein festes, rotbraunes Panzerhemd angelegt haben. Hier und da in schlichtem Braun, die weiche, köstliche Mispelfrucht, die nur den Kenner lockt. Volle Bananenäste, ganze Ladungen Ananas ziehen die Käufer stark an. Mitten aus dem Markt heraus ragt das Baugerippe der werdenden Erdbeerhalle, das Eisengestänge rot Überlaufen von der schützenden ersten Farbe.
In ihrer Nähe liegen die Durchgangswege, die hinab zu den groß angelegten Marktkellern führen. Weiße Fliesen auf den Fußsteigen, helle Glasursteine an den Wänden. Eisige Grabesluft haucht dort unter der Erde eine Kälte aus, die bis ins Mark fühlbar ist. Man glaubt sich unmittelbar in die unterirdischen Grabgänge Roms versetzt, beim ersten Schritt hinab. Wie versunkene Straßen mutet das Ganze an. Und Namen führen auch die einzelnen Wege.
Durch den Vierländergang wandte ich mich. In kurzen Abständen düstersten kleine elektrische Glühbirnen. Rechts und links zieht sich hohes festes Drahtgeflecht, dahinter unter sicherem Verschluss die Keller der einzelnen Marktleute. Stapel von Körben türmen sich auf. Dumpf und hart schallt das vereinzelte Schreiten von Menschen. Der Oberwelt wandte ich mich wieder zu und trat an den nahen Wasserarm, wo die Vierländer und Altenländer Kähne, dicht aneinander geschoben, festgemacht hatten. Eben werden die leeren Körbe verstaut, die alle verschiedene Zeichen ihrer Eigentümer in bunten Farben tragen. Es ist später Nachmittag geworden, das Marktgewühl beginnt sich zu lichten. Und auch ich zwänge mich durch, den häuslichen Penaten zu, um am kommenden Morgen rechtzeitig beim Blumenmarkt anzutreten.

Der neue Tag brachte triefenden Nebel. Die dampfenden, feuchten Schwaden warfen sich rücksichtslos allem entgegen, das sich ihnen in den Weg stellte. Hart bedrängten sie vor allem die zuckenden Lichter auf der Straße. Das rote, drohende Licht der Signallaternen an den Eisenbahnschienen ward furchtsam und duckte sich, erschrocken zusammenscheuernd. Wie eine zuckende, nach Atem ringende Kette von Leuchtkörpern verschwammen die Laternenreihen und schienen in dem dunklen Einfahrtstor des Hauptbahnhofes unterzugehen, zu verlöschen.
Es ist kurz nach sechs Uhr. Leute der Arbeit oder Reisende sind alleinige Beherrscher der Straßen. Nun fängt der Nebel an, sich in schüttenden Regen zu wandeln. Die Blumen unten auf dem neuen Markt ficht er wenig an. Sie scheinen nur erfreut sich aufzurecken, als genössen sie vergnügt die kühle Morgensuppe. Gleich am Anfang des Marktbereichs lagern ernste, dunkelgrüne Tannenkränze, Vorboten des kommenden Totenmonats. Astern, von der alten, schlichten Stammmutter angefangen, bis zu den großen veredelten Sorten, gibt es in großer Fülle. Stechendes Gelb, Rostrot und sattes Braun führen sie im Wappen. Lila in allen Farbenwandlungen, vom blassen bis zum dunkelsten Ton, düstert aus den gefüllten Körben.
Winzige Sternblumen schütten im scharfen Luftzug entsetzt die Köpflein, wie verzärtelte Prinzessinnen, aus dem Märchenland. Dahlien beanspruchen ihren Platz, und die dickköpfigen Levkojen und breiten Georginen sehen aus, als seien sie unmittelbar aus Großmutters verwildertem Gärtlein herüber gekommen in die fremde Welt. Heidekraut, in Töpfe gezwängt, träumt von vergangenen freien Tagen.
In herber Abwehr recken Stechpalmen ihre Blätterarme von sich; wie blutige Tränen, die sie weinten, als man sie brach, leuchten roten Beeren aus ihrem düstergrünen Kleid.
Und mit raffenden Armen kommen die Straßenhändler, um sich ihren Tagesbedarf an Blumen zu holen.
Und auch diese wissen nicht, wie die Menschen, was ihnen Tag und Abend ihres Lebens bringen wird, und wo das letztet Welken über sie kommt.

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12978)  

Dienstag, 17. März 2015

Weitere Entdeckungen


Seit dem letzten Blogbeitrag trieb mich die ganze Zeit der Gedanke um, das ich vielleicht doch nochmal in die im Hamburger Staatsarchiv befindlichen Sterbebücher schauen sollte. Vielleicht würde ich dort ja doch einen genaueren Hinweis auf den Todestag von Elinor finden.
Heute Nachmittag sah ich also auf dem Heimweg in Wandsbek beim Archiv vorbei. Für die Jahre 1941 bis 1945 sind die Sterbebücher zusammengefasst. Einzelne Jahresausgaben würden wohl den Rahmen sprengen. Zuviele sind in diesen Jahren gestorben. Und dann fand ich den gesuchten Eintrag. Am 19. Juli 1945 verstarb in Hamburg eine  

Eleonora Maria Anna Eva Antoinette Hedwig von Monsterberg.

Demnach ist die Dichterin nicht in den Bombennächten der Operation Gomorrah umgekommen. 




Heute rief mich auch die Buchhandlung am Rathaus an, um mir mitzuteilen, das sie mir das letzte Exemplar des Buches "Auf den Spuren aussergewöhnlicher Frauen" von Dr. Traute Hoffmann über die Hamburger Zonta Gründerinnen direkt vom Verlag besorgen können. Bin gespannt was mich da noch an interessanten Einblicken erwartet.

Bei iTunes bekommt man übrigens dieses Kleinod aus der Reihe Jugendlieder von Alban Berg. Der Text stammt von Elinor aus dem Jahr 1902.