Sonntag, 12. Juni 2016

Sommerferien in Schottland

Hin und wieder stösst man auf alte Texte anderer Autoren und empfindet diese als so originell, das man sie eigentlich einem interessiertem Publikum wieder zugänglich machen möchte. 
In Velhagen & Klasings Monatsheften von 1910 / 1911 fand ich diese unterhaltsame Reisebeschreibung von Heinz Grevenstett. Wunderschön bebildert mit Originalaufnahmen von Charles Reid.


Aufbruch zur Fuchshetze
„... Und wenn Sie Ihr Weg einmal nach Schottland führt, so sollen Sie uns in unserem shooting box willkommen sein!“ sagte in London der Hausherr zu mir, als ich mich nach dem Dinner verabschiedete.
Die Deutschen lassen ähnlich klingende Einladungen auf unbestimmte Zeit alljährlich in der Sommerfrische zu Dutzenden ergehen. Es empfiehlt sich, ihnen nicht zu folgen, denn das plötzliche Auftauchen eines Logiergastes kann selbst im besteingerichteten deutschen Heim zu dramatischen Verwicklungen führen. Die Einladung war nämlich gar nicht ernst gemeint, sie war nichts weiter als eine Höflichkeitsphrase.
Anders in England. Der Brite ist Fremden gegenüber, die er im Hotel oder bei Geschäftsabschlüssen kennen lernt, von einer fast an Ablehnung mahnenden Zurückhaltung. In seinem ganzen Dasein macht er auf Reisen nicht soviel „reizende“ Bekanntschaften, wie jedes Mitglied einer vierköpfigen deutschen Bürgerfamilie während eines fünfwöchigen Ferienaufenthalts. Aber den ihm durch Freunde Empfohlenen gegenüber ist er von einer großzügigen Gastfreundschaft.

West Highland Terriers

Im allgemeinen sind ja seine Daseinsbedingungen leichter, ist seine Lebensführung gehobener als die derselben sozialen Stufe des deutschen Vetters. Und noch eines erleichtert es ihm wesentlich, Fremde in seinem Großstadthaus oder Sommerheim als Gäste für Tage oder Wochen aufzunehmen: alle Engländer der guten Klassen haben von Kindheit auf dieselbe Tageseinteilung, die nämlichen Lebensbedingungen, die gleichen Gewohnheiten. In der ganzen Welt, wo immer ein Engländer weilt, in Indien wie in Kanada, in Sansibar wie in Kairo, gelten dieselben häuslichen und kulinarischen Gesetze. Nach dem Morgenbad wird das grundlegende Breakfast genommen. Jeder Hausgenosse erscheint dazu innerhalb eines Spielraums von etwa anderthalb Stunden, setzt sich seine Mahlzeit nach eigener Wahl aus den bereitstehenden Schüsseln mit Fisch, Geflügel, Porridge, Speck, Eiern zusammen — und ist hernach sein eigener Herr bis zum Dinner. Ob er am Luncheon um 1 Uhr teilnimmt, am Tee um 5 Uhr, das bleibt ihm überlassen. Hauptsache: um 7 oder halb 8 Uhr muss er in Frack und Lack und frischer Wäsche antreten, frischgewaschen, frischrasiert, gutgelaunt, gewillt, für den Feierabend alle Sorgen zu verabschieden und sich der festlichen Mahlzeit, den festlich gekleideten Ladies, vielleicht auch einer Partie Bridge oder einem improvisiertem Tanz zu widmen.

Rotwild in Arran

Ist man im schottischen Hochland zu Gast, so gehören die Stunden zwischen Frühstück und Hauptmahlzeit natürlich der Jagd. Rotwild, Damwild, Füchse und Hasen, vor allem die „Grouses“ werden gejagt. Wenn die Jagd auf die „Grouses“ — das schottische Moor- oder Birkhuhn — aufgeht, um den 12. August, dann entleeren sich die fashionablen Bäder längs der ganzen Küste; der Londoner Season, die schon in den letzten Zügen lag (bekanntlich tanzt man in London zur Winterszeit nicht halb soviel, wie zur Zeit der Garden-Parties“, ist mit einem Schlage der Garaus gemacht; die großen Behörden gehen in die Ferien, und in der ganzen Welt tritt die Ruhe der Sauregurken-Zeit ein: die englischen Diplomaten ziehen mit der Büchse hinter den Jagdhunden her, ebenso wie die Börsenmagnaten vom Hyde-Park-Corner a´la Rothschild, ebenso wie die sonst ewig hinter dem deutschen Wetter herhetzenden Federhelden der großen Londoner Tagespresse. Es ist die tote, die toteste Zeit des Jahres, in der absolut nichts Aufregendes im Weltgetriebe geschehen darf, weil man weit Wichtigeres zu tun hat, es ist die Zeit „dead as a doornail“.
Aber auf den entlegensten Bahnstrecken, den weltabgeschiedensten Landstraßen von Schottland herrscht jetzt ein Leben und Treiben ganz besonderer Art. In Schottland gibt es nur erste und dritte Wagenklasse. Der Uneingeweihte wird in diesen Sommerwochen die Insassen der beiden Klassen nach ihrem äußeren Eindruck sozial kaum auseinanderhalten können. Für das männliche Geschlecht gibt es nur eine einzige Tracht, ob Millionär oder Büchsenspanner, Minister oder Student: den Sportsanzug aus schottischem Homespun mit Kniehose und Sportmütze. Diese hausgewebten, meist kleinkarierten Wollstoffe sind von einer unerhörten Dauerhaftigkeit. In ihren armseligen Crofts, in den unfruchtbarsten, nördlichsten Gebieten des großen Königreiches, sitzen die Verfertiger an denselben Webstühlen, auf denen schon vor Jahrhunderten das Webeschiffchen hin- und herging; neue Muster, neue Farben, neue Abmessungen bei ihnen durchzusetzen, ist den Bestellern ganz unmöglich. Wiederholt hat sich der armen schottischen Weber die öffentliche Wohltätigkeit angenommen, um ihnen durch Ausmerzung des Zwischenhandels besseren Verdienst, bessere Lebensbedingungen zu verschaffen.

Englische Setters
Es gehört in den hauptstädtischen Gesellschaften 
zum guten Ton, solche Bestrebungen zu unterstützen. Die „Scottish Home Industries Association“, die den Verkehr der Privatkundschaft mit den armen Webern im düstersten Norden von Schottland vermittelt, wird von der Duchesse of Southerland protegiert. Mit Preisunterschieden je nach Farbe oder Muster gibt man sich hier nicht ab. Das Yard, einfach breit, wird mit sechs Schilling bezahlt. Für einen solchen Sportanzug kommt also ein hübsches Sümmchen heraus. Unsere Fabriken in der Lausitz liefern den Engrosgeschäften Stoffe für diese Zwecke zum vierten Teil des Preises. Aber nicht in der gleichen Qualität. Übrigens verlangt sie der deutsche Besteller auch nicht. Der Sportanzug, den ich mir von meiner ersten Schottlandreise mitgebracht habe, hält nun schon sechs Jahre, sieht dabei aus wie am ersten Tag (ebenso unansehnlich, meint mein Harzer Jagdfreund), und ich glaube, er hält noch ein rundes Dutzend Jahre länger. Und ebensolang — fürchte ich — wird ihm der echte schottische Hochlandsgeruch treu bleiben, der sich weder beim Dekatieren, das Spindler besorgte, noch im jahrelangen täglichen Gebrauch bei jeder Art von Sport verfüchtigt hat: diese eigenartige Mischung der Düfte von Schafherden und Torfrauch.
Auch der nässeste Regen ist nicht imstande, dieses dicke, fettige, haarige, dabei ganz leichte Gewebe zu durchdringen. Deshalb tragen es trotz seiner Unansehnlichkeit auch die Damen im schottischen Hochland, am liebsten weiß, d. h. was bei dieser Wolle, die keinerlei chemischen Verfahren unterzogen wird, eben weiß genannt werden kann. In das Einerlei der gelblich-gräulichen Quadrate und Quadrätchen der Sportsanzüge bringt ab und zu nur einmal ein schottischer Hochländer eine Abwechslung. Prachtkerls sind das mit ihren nackten Knien. Der Kilt ist´s, das kurze Röckchen, der die Farbe gibt. Jeder Clan hatte ursprünglich seine eigene Musterung und Farbenzusammenstellung. Das Röckchen vertrat also das Banner oder das Wappen. Auf Meilen hin konnte das gute schottische Auge die Stammeszugehörigkeit der am Horizont auftauchenden Kämpen feststellen. Wenn man bisher unter „schottisch“ nur ein quadriertes Mischmasch von rot, grün, blau und gelb verstanden hat und in Oban oder Inverneß in einem der großen Spezialgeschäfte das Musterbuch, geordnet nach den alten Clans, vorgelegt erhielt, dann überkommt einen ein heiliger Schauder bei der Vorstellung, diese Möglichkeitskette bis in die letzten Glieder verfolgen zu sollen. Zum Glück verlangt das kein Mensch.
Zu der sportlichen Ausrüstung all der Gentleman und Ladies, die auf den schottischen Eisenbahnen ihren Jagd- und Fischrevieren zurollen, gehören aber noch unzählige andere Gegenstände, die der Mehrzahl der Mitteleuropäer sonst völlig unbekannt sind. Kein Sportangler, der sich nicht mit Gummihosen oder Gummistrümpfen versähe. 

Der Haken wird von der gefangenen Forelle entfernt
Beim Lachsfang, beim Forellenfang heißt es oft, stundenlang bis über die Knie im eisigen River stehen. Der praktische Engländer verlässt sich nicht auf getrantes Schuhzeug, das schon nach einer halben Stunde durchlässig zu werden beginnt. Er lässt sich die Prophylaxis gegen Rheuma lieber eine Stange Gold kosten. Denn nichtswürdig kostspielig sind all diese Sachen. Freilich benutzt er sie auch ein halbes Menschenalter hindurch. Billige Basarware kennt der Engländer nicht. Er kauft immer teuer und gut und haltbar. Aber wie hütet und pflegt er seine Ausrüstungsstücke und Jagdhelfer auch! Vor allem die Jagdflinten, die Angelruten! Und dann gar — die Jagdhunde!
Die über Edinburgh hinaus nach dem Norden fahrenden Züge beherbergen täglich ganze Meuten der prächtigen schwarz-weiß gefleckten, echten englischen Setters oder der spitzohrigen West Highland-Terriers und der Pointers. Die Fuchshetze freilich auf dem Vollblüter hinter der kläffenden Meute ist im Norden von Schottland nicht zu Hause. Aber auf den Inseln im Westen, wo die reichen Glasgower ihre Jagdbesitzungen haben, wo das herrliche irische Pferdematerial zur vollen Entfaltung all seiner glänzenden Eigenschaften kommt in
Sprung und Galopp. Aus der eigentlichen Reitkunst, dem „versammelten Reiten“, macht sich der Engländer ja überhaupt nichts. Hindernisse nehmen und kantern, das ist kein Pläsier. Im Schritt lässt er das Pferd latschen, der Trab langweilt ihn. Jenseits des Caledoniankanals, der von Südwest nach Nordwest, oberhalb des „Hochlandes“, ganz Schottland durchschneidet — von Oban, der fashionablesten aller Sommerfrischen, gegenüber den Inseln Staffa und Jona, bis nach dem rosenroten Inverneß — jenseits dieses Riesenkanals beginnen die unendlichen Heide- und Moorstrecken, auf denen die Löcher und die Unwegsamkeit seinen rechtschaffenen Galopp mehr ohne Gefahr für Reiter und Pferd zulassen.

Ein erschreckter Hirsch (Im Jagdgebiet von Arran)
















Mein Gastfreund hat vom Duc of Sutherland das ansehnliche Stück Land auf 99 Jahre gepachtet. Er hat es in dem Urzustand bekommen, den es zu Zeiten des vielbesungenen Prince Charlie gehabt haben mag. Da gab es weder Weg noch Steg. Jetzt durchzieht es eine famose Automobilstraße, die der Pächter auf eigene Kosten hat herstellen lassen.
„How do you do?“ — Am Bahnhof lädt uns der Hausherr in sein Auto von 32 PS, der Diener verstaut das Gepäck in den Jagdwagen. Dann geht´s los. In ein paar Windungen durch das kleine schottische Städtchen, darauf den nächsten Hügel hinunter, über den River, wieder links, dann rechts, eine endlose Rampe empor und in kühnem Bogen weiter...
Das surrt und rauscht und klingt... Es sind fünfzehn englische Meilen, d.h. vierundzwanzig Kilometer, polizeiliche Tempobeschränkungen gibt’s nicht. So wird denn eine gute Pace vorgelegt. Der flinke Jagdwagen trifft erst zwei bis drei Stunden später ein.
Während der Fahrt schon ahnt man den Reiz, den diese melancholische, über und über rot brennende Heide ausüben kann. So jammervoll die kleinen Crofts auch sein mögen, die hie und da am Wege auf dem unfruchtbaren Land stehen, so weltverlassen weit uns die Fahrt emporgeführt hat.
Da und dort ein Büchsenschuss — eine der Jagdpartien unseres Gastfreundes — mitten im River ein paar andere seiner Logiergäste, die dem Lachsfang, dem Forellenfang seit dem frühen Morgen obliegen, gestärkt nur durch den mundfertig mitgenommenen ein Uhr Imbiss. Sonst auf vielen, vielen Meilen kein lebendes Wesen.

Lachsangeln im Arvanflusse

Man belächelt innerlich schon die großen Koffer, die der Jagdwagen in großer Respektfrist hinterdrein schleppt.
Aber sobald uns das Haus aufgenommen hat, sehen wir, dass hier draußen derselbe selbstverständliche Komfort herrscht wie in der Weltstadt. Jedes Ehepaar hat sein für sich abgeschlossenes kleines Etablissement: der überaus bequeme Toilettentisch zeigt der ankommenden Dame sofort, dass ihr zum Dinner erlaubt sein soll, sich so schön als möglich zu zeigen.
Und das ist von nun an Abend für Abend ein gesellschaftliches Ereignis nach der sportlichen Ungebundenheit des Tages: im Drawingroom am Kamin, der mit Torf geheizt wird, versammelt sich die fröhliche Gästeschar; die tausend Jagdabenteuer bieten immer neuen Stoff zum Plaudern und Necken; man hat die manchmal geradezu unheimliche Beute dieser und jener Jagdpartie drüben im Jägerhause bestaunt, es werden für den nächsten Tag neue Verabredungen getroffen, je nach Verfügbarkeit der Jagdwagen. Denn nicht jede Jagd kann vom Hause aus ihren Anfang nehmen. Zum See, der die schönsten Forellen aufweist, zu dem flinken Fluss, der die vielbegehrten Lachsstellen hat, wird man zwei, drei Stunden flotten Wanderns brauchen. Die Strapaze fürchtet man hier nicht. Aber man geizt mit der Zeit. 

Anschleichen des Wildes

Ich bin am liebsten mit der Jagdflinte hinter der Meute auf die „Grouses“ mitgegangen, aber ab und zu musst’  ich doch auch die berühmtesten Sportangler, die Champions, weit hinaus begleiten und lernte die Passion wenigstens begreifen und die große sportliche Geschicklichkeit bewundern. So, wenn die Schnur ihre dreißig Meter weit durch die Luft sauste, aber an ihrem Ende die „Fliege“, zart wie ein Hauch — wie eben ein federleichtes Insekt — die Wasseroberfläche berührte...
 
Ein schottischer Forellenbach
Schwapp, zuckte es in der mächtigen Rute, die sich sofort bog, es ging ans Aufwickeln des Garns, und der mächtige Lachs war für das Menü des folgenden Tages sicher... Meine „Fliegen“ dagegen pfiffen wie Teschinggeschosse ins Wasser, und die Lachspatriarchen mögen sich über des Fremdlings selbstverräterische Versuche nicht wenig gewundert haben. Ein einziger Mittellachs war meine Ausbeute während der achtstündigen Kampagne. Unser Champion förderte alle zwanzig Minuten einen der silbern schimmernden zappelnden Kerle ans Tageslicht. Unzählige Male warf er dafür die Schnur aus. Es gab auf seinem ernsten Gesicht niemals eine Enttäuschung, aber stets ein kurzes freudiges Aufblitzen in seinen Augen, wenn ihm der Wurf gelang. Keine Jagd konnte ihn so reizen. Das war sein eigentlicher Ferieninhalt: hier bis über die Knie im reißenden River stehen, Tag für Tag, und die Angelschnur auswerfen — energisch beginnend, zart endend, wie ein Hauch.
Wenn die Sonne schien, wenn die rote oder weiße Erika gegen den frischblauen Himmel sich abhob, dann war es am River so ferienschön wie auf allen anderen Jagdpartien. Aber — die wirklich schönen Sommertage sind hier eben selten, sehr selten. Es kann unter diesem Himmelsstrich regnen — regnen! — wie kaum in Interlaken oder Salzburg oder Bergen oder sonst einem der berühmten Orte, wo die Kinder gleich mit Regenschirmen zur Welt kommen. Und wenn es in Schottland regnet, dann ist es ein ganz eigenartiger Regen. Er kommt nicht strichweise, sondern er macht sich gehörig breit, legt sich plump vertraulich über die ganze Insel und deckt sie zu. Nun ist es, als wäre das ganze Land mit Milliarden Bindfäden mit dem Himmel verbunden. Es regnet, regnet. Regnet tagelang, unter Umständen wochenlang. Schließlich ist die Luft so wasserdick, dass man’s glauben würde, sagte einer: es regnet nicht nur vom Himmel herunter, sondern auch von der Erde hinauf!
Aber die Jagd geht fröhlich weiter. Man ist wohlverwahrt, der schottische Homespun ist verlässlich, die Sportangler vervollständigen ihre Gummiausrüstung von unten her durch die Ölzeuge und das Cape, das bis über die Hüften hinunterreicht.

Beobachtung des Wildes durch das Fernrohr
Es werden für die Moorhuhnjagd Manövertage erster Ordnung. Diese sportgeübten britischen Herren und Damen lassen sich durch das Wetter nicht abhalten. Der Regen regnet, in weit auseinandergezogenen Trupps ziehen wir über die Heide, bergauf, bergab, springen über Tümpel, waten durch kleine Bäche. Der Regen regnet. Die Hunde schleichen vor uns her, die Nase in die Luft, ducken sich, alles steht schussbereit — trrüü, da geht die Kette hoch, piffpaff, piffpaff — purzelnd, flatternd kommt mit dem Regen die Beute aus der Luft herab — schon sind die Hunde dabei und apportieren. Und blitzschnell erwischt das Schrot auch ein aufgescheuchtes Häslein, so en passant.
In weitem Abstand folgt der Tross. Ein paar Jagdgehilfen, ein Hundemaster mit dem Teil der Meute, der noch geschont werden soll, ein schottisches Pony, das die schon halb gefüllten Beutekörbe trägt, ein zweites mit den Mänteln und den Paketchen, die den Lunch enthalten.
Ein Uhr. Es regnet natürlich noch immer. Wir sind in eine Art Talkessel geraten. Nun bilden sich Gruppen. Die Mäntel werden gebracht. Man wickelt sich ein. Immer vier Jagdteilnehmer, Männlein und Weiblein, nehmen dos-a’-dos auf dem nassen Heideland Platz. Jeder öffnet sein Paketchen und findet ein kleines Glas, Fleisch, Ei, Käse, Kuchen. Einer vom Jagdgefolge wandert mit der Whiskyflasche rundum und füllt die Gläschen — falls sie ihm hingehalten werden. Es gibt merkwürdigerweise Leute, die selbst unter solchen Umständen ihr antialkoholisches Gelübde band. Ich danke meinem Schöpfer, dass mich kein Gelübde band. Aber gebrochen hätt’  ich’s da oben sicherlich. Der brennende, rauchig schmeckende, alte Whisky rollt durch das ganze Gebein, es ist herrlich. Er trocknet innerlich. Denn der Regen ist nun ja doch durch den Homespun eingedrungen. Und durch die Haut...
Oder ist das physikalisch unmöglich?...

Der Jäger prüft das apportierte Haselhuhn
Alles ist Regen, alles, alles, alles. Der Boden, die Luft, der Himmel, das Hühnerkeulchen, das ich abknabbere, schmeckt nach Regen. Trocken und warm ist einzig der Whisky. Ach was, ich lasse mir noch einen zweiten einschenken. Und darauf die komischste Anstrengung, die abenteuerlichste Verrenkung, um unter dem Cape oder dem Mantel Feuer zu bekommen und das Holzpfeifchen in Brand zu setzen. Da und dort pafft einer schon. Nur zwei, drei Züge, dann löscht es der Regen. Aber die Whiskywärme in Verbindung mit der brenzligen Monrose-Ahnung auf der Zunge stärkt für den zweiten Teil der Kampagne. Frische Hunde werden ausgesucht, dann geht es weiter. Der Regen regnet, es geht bergauf, bergab, über Tümpel, durch Bäche; der Regen regnet, und die wundervollen, schwarzweiß gefleckten Setters schleichen geduckt, den Kopf einziehend, die Nase hebend, vor uns her. Und es regnet, regnet, regnet...
Es ist längst fünf Uhr vorbei. Wir sind fünfzehn Kilometer vom Hause entfernt. Weit, weither schlägt da ein Huppensignal an unser Ohr. Da drüben muss die Straße sein. Mein Goerzglas heraus. Und nun geht bald ein fröhliches Winken los. Die Jagd wird abgebrochen. In zwei, drei Partien bringt das Auto, besetzt bis zum letzten Notplatz, die Gesellschaft heim. Es kommt dem zweiten Trupp nach einer halben Stunde, dem dritten nach einem Viertelstündchen schon wieder entgegen.

Der erlegte Hirsch wird auf einem schottischen Pony heimgebracht






















Zu Hause begibt man sich, wenn die Beute im Jägerhaus abgeliefert und gründlich besichtigt ist, zunächst in die geräumige Stiefelkammer, einen der wichtigsten Räume eines komfortablen shooting box. Hier werden die Gamaschen, die dicksohligen Stiefel abgelegt. Ein Angestellter reicht in einem gastfreien Hause kaum aus, um die Riesenaufgabe zu bewältigen: all das Lederzeug bis zum nächsten Morgen wieder gebrauchsfertig zu machen.
Und nun das herrliche Bad. Nach keinem noch so strapaziösen Korpsmanövertag kann einen ein unversehens statt des geplanten Biwaks erwischtes Sektnotquartier so wundervoll anmuten. Ein kleines Stündchen später findet sich die ganze eingeregnete Gesellschaft im Drawingroom wieder zusammen. Die ausgesuchten Leckerbissen bringt jeden Tag das Automobil vom Londoner Expresszug. Alter Portwein, „Hock“ und Champagner hält die fröhliche Stimmung fest. Die Fenster werden geöffnet. Der Regen regnet noch immer.
Aber das kümmert uns jetzt nicht. Der Hausherr hat eine Überraschung für uns. Schottische Dudelsackpfeifer wandern draußen auf und nieder. Bald näher, bald ferner klingen die melancholischen Weisen durch den gleichmäßig plätschernden Regen. Ein Diener muss ein paar große Wassergläser bringen, eigenhändig füllt sie der Hausherr mit Whisky und schickt sie den Leutchen hinaus. Die vom Kontinent sehen mit einigem Entsetzen den Umfang dieser feurigen Spende. Aber was so eine richtige schottische Dudelsackpfeiferskehle ist... Und der Regen ist so nichtsnutzig nass...
Anderen Tags aber strahlt die Sonne. Und nun beginnt eine märchenhaft schöne Zeit. Schon liegt die herbstliche Klarheit über der Landschaft. Das wunderbare Farbenspiel der Heide beginnt. Jeder Tag ein Gottesgeschenk.

Pointers auf der Suche
Das Bild der Gästeschar wechselt. Man lädt nach guter alter englischer Sitte auf eine bestimmte Zeit. Der Gast weiß: dann und dann soll über Dein Zimmer wieder verfügt werden. So gibt es kein geniertes Erwarten: wird man Dich noch nötigen zu bleiben? Und keine Unsicherheit: störst Du auch nicht?
Sonnabends und Sonntags wird nicht gereist. Von Sonnabend abend sechs Uhr bis Montag früh sechs Uhr geht keine Eisenbahn in Schottland (nur die beiden großen Durchgehenden Züge machen eine Ausnahme), in dieser Zeit wird kein Briefkasten geleert, keine Post, keine Zeitung bestellt. Es herrscht Sonntagsfriede im ganzen Lande. Zuerst meint man: aber das geht ja gar nicht. Bald sieht man, wie gut es geht. Es wird freilich in dieser Bummelruhe, wie manche wissen wollen, manchem Old Whisky mehr, als des Regens wegen nötig, der Garaus gemacht. Aber es ist auch der Tag, an dem man die Millionen Bücher liest, die in Schottland gekauft (nicht geliehen) werden.
Wer es irgend ermöglichen kann, dehnt die Ferien bis in den Oktober hinein aus. Die das unerbittliche Geschäft früher nach London, Edinburgh und Glasgow ruft, machen um so häufiger Gebrauch von den weekend-ticketts. Sonnabend schließen alle Bureaus um ein paar Stunden früher als sonst. Dann beginnt die große Flucht aus den Städten. Und um den Sonntag voll ausnutzen zu können, ist man so klug, die Geschäfte Montags um ein paar Stunden später beginnen zu lassen. Die Heimreise wird nicht wie von den Berliner Vororten Sonntag abends mit übermüdeten Kindern in überfüllten, verqualmten Coupés angetreten, sondern Montag früh.

Der Setter bewacht Büchse und Beute
Flinke Geschäftszüge führen die Herren und die Schüler nach der Stadt, zu bequemer Stunde folgen die Frauen mit dem Dienstpersonal.
Und so ein sonniger, klarer Sonntag im schottischen Hochland zwischen Edinburgh und Glasgow oder noch weiter nordwärts in dem schönen Oban, im rosenroten Inverneß, kann einen unvergesslichen Eindruck geben: man liegt am Meeresstrand, am Flussufer, mitten in der einsamen Heide, man liegt und sinnt und schaut und träumt... Auf Schritt und Tritt ringsumher Erinnerungen an liebe, alte schottische Sagen. Und an Walter Scotts Romane, an „The Lady of the Lake“ und hundert andere uns seit Jugendtagen bekannte Gestalten.
Ich habe in meinem Reisegepäck auch nach Fontanes „Aus England und Schottland“ und Eduard Heycks famoses Bändchen „Maria Stuart“ mitgeführt. Und ich will nur gestehen, sie waren mir bei weitem wertvoller als der Baedecker.

Sonntag, 15. Mai 2016

Pfingst-Gedanken


Die heilige Stunde, Ludwig Fahrenkrog, 1918

Pfingstodem über den Welten.

Und Frühling auf Erden!
Ohne Unterlass erneuern sich ihre Kräfte und jeden Augenblick schöpfen sie aus.
Allüberall ein seliges Sichverschwenden — Frühling auf Erden und Pfingsten ist nahe! Das Fest jenes Geistes, der Sphären und Welten durchflutet in uraltem Erneuern, den keine Vorstellung erfassen kann, und dem unser Erdgedanke keine Formen zu geben vermag. Der Allgeist, vor dem die menschliche Erkenntnis allzu oft versagt, zerflattert — denn Erdenschwere hemmt — und der Staubgeborene vermag den Geist nicht zu begreifen, der ihn allein in abstraktem Wesen umfängt.

„Nur in Gedanken vorhanden“ — also nicht fassbar, sichtlich, und doch nimmt dieses Lebensgeistes Weben in jedem Atemzuge irdisch verständliche, greifbare fassliche Formen an. Das Walten und Werden der alten Erde, der Meere und Sterne ewiges Wallen, das lebendig bewusste Ineinandergreifen der Kräfte des Weltalls, — der sterblichen Menschheit unsterbliche, stärkste Schöpfungen, das leidvolle Hohelied der Elternliebe und all der reinen Dichtkunst immer neues Tönen — des „Heiligen Geistes“ Formen sind sie alle, sein Odem wallt und webt und schafft aus ihnen, — wie an des Weltalls erstem Werdetage auch.

Und wen der Geist der Pfingsten ganz durchflammt — bezwingt zwei dunkle Mächte in sich, über sich: dumpfer, lähmender Trägheit erdrückende — und schweren Todes fahle Dämmerungen.
Unermessliches — der Geist allen Erkennens lehrt es überwinden, was unerforschbar scheint, in ihm wird es durchgründet. Und der urewige Lebensodem, der in unerfasster Müdelosigkeit schaffend durch Äonen wallt, — lehrt auch das in uns, was wir „Seele“ nennen müssen, — frei von Raum und Zeit, — eine unzerstörbare Brücke in Ewigkeiten hinein errichten, — in Ewigkeiten, die er durchflutet, und in deren zeitenlosem „Immer“ uns das reifen muss, was uns keine irdischen Geisteskräfte begreifen lassen: die Erfüllung allen Seins und  — die Erkenntnis.


15. Mai 1910, Hamburgischer Correspondent
(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12917)
 

Freitag, 29. April 2016

Publikationen


Der Markt für Publikationen von Elinor dürfte jetzt leergefegt sein. Hier eine kleine Auflistung meiner Schätze.

1902 - Gedichte
1913 - Hamburg und sein Wirtschaftsleben
1914 - Fragezeichen des Lebens
1914 - Hamburgs Börse 
1931 - Maria am Spinnrocken

Desweiteren kann ich nun die 1910 in Velhagen & Klasings Monatshefte veröffentlichten Noten zu "Ein Weihnachtslied" mein eigen nennen. Es wurde von Wilhelm Kienzl komponiert und ist als Gedicht in der kompletten Fassung auch in dem Monatsheft "Der Türmer" von 1931 unter dem Titel "Maria am Spinnrocken" veröffentlicht worden.

Mittwoch, 9. März 2016

Pseudonym


Im Zeitgenossenlexikon „Wer ist’ s?“ des Leipziger Verlegers Herrmann A. Ludwig Degener von 1908, werden unter der Rubrik Pseudonyme ca. 3000 häufiger vorkommenden Namen deutscher und österreichischer Schriftsteller aufgeführt. Darunter befindet sich auch der Name Hans von Skalong, den Elinor für sich benutzt hatte. Auch in Kürschners deutscher Literatur Kalender von 1904 wird auf die Verwendung dieses Pseudonyms für Prosaische Werke verwiesen. 


Im Stammbaum der Familie Monsterberg findet sich dann auch der entscheidende Hinweis zu dem Pseudonym. Der Geburtsort ihres 1788 geborenen Urgroßvaters Johann Ernst Ludwig von Monsterberg-Münckenau hieß Skalung. Skalung liegt bei Wołczyn, früher Konstadt / Schlesien, dem Ursprung der Skalunger Familienlinie derer von Monsterberg.

Mittwoch, 20. Januar 2016

Im Hafen


15. Januar 1911, Hamburgischer Correspondent
(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971)


Unkenntnis des kaufmännischen Berufes führt zu dem Gedanken, dass alle Prosa der Welt in ihm einbegriffen ist. Wer aber, und sei es noch so oberflächlich, hineinsieht und erkennt, was hanseatische Arbeit und hanseatisches Schaffen bedeutet, der spürt es nur zu rasch, dass Hamburgs Handel in seiner Gesamtheit eine welteneinende, erdumspannende Macht bedeutet. Dass hamburgische Kraft, Entschlussfähigkeit und weitblickendes Tun eine harte, schwere, nie aussetzende Siegesarbeit bedeutet, eine gewaltige, deutsche Eroberung der Welten auf dem mächtigen Gefilde friedfertiger Invasionen. Der erkennt, dass die freie Republik Hamburg mitten in dem monarchischen Staatenverbande des geeinten Deutschen Reiches der unbestrittene Sitz ist der siegreichsten, unregistrierten Großmacht der Welt, der Großmacht des Königlichen Kaufmanns!


Wer aber die herbe und einzigartige Poesie voll und ganz empfinden will, die über Hamburgs Handel liegt, der muss sich von jenem ihm eigenen Wellenodem anhauchen lassen, der nirgends so deutlich zu empfinden ist wie an Wochentagen im Hafen. Die unsichtbaren, aber unzerstörbaren Stahltrossen handelnder Gedanken und Entschlüsse, die deutschen Handel mit den entlegensten Teilen des Erdenballes verbinden, sie scheinen von hier ihren Ausgangspunkt zu haben. Alle Zonen sind uns dort, greifbar fast, nahegerückt. Die Möglichkeit einer fasslichen Erdumspannung wird zum Verstehen. Die Verwischung der von Menschenhänden gezogenen Ländergrenzen durch Taten der Überlegenheit menschlichen Kulturgeistes wirkt in Hamburgs mächtigem, sich immer gewaltiger streckenden Handelshafen auf jeden denkenden Menschen mit überwältigender Wucht und eindringlicher Äusserungskraft. Das peinlich genaue Ineinandergreifen der zahllosen, mit ihres Leibes Kräften arbeitenden Leute, die in lückenloser Kette Bruchteile der gewaltigen Gedankenarbeit ausführen, die in ständigem geistigem Überlegen, Planen und Vorausberechnen der Handelsherr leistet. Das gibt die Begleitung zu dem hellen, klingenden Leitmotiv der Arbeit, das überall aus dem werktäglichen Getriebe des Hafens heraus zu hören ist.

Vom Rödingsmarkt her dringen dumpfe Rammtöne, hallt mit schmetterndem Laut das dröhnende Aufschlagen der Hammer auf die eisernen Brückenpfeiler der anwachsenden Hochbahn. Sie zwängt sich am ende der Straße keck hinein in das Gewässer des Hafens. Sie drängt sich, voll von der Überzeugung ihrer notwendigen Daseinsberechtigung zwischen die dort lagernden Schuten und runden Boote, die sich förmlich verblüfft ob des unbekannten Neuen enger an die Ufermauern pressen. Ein köstlich frischer Tag, just recht für eine Barkassenfahrt im Hafen. Frost lief mit leichtem Nordostwind spielend über die Straßen. Ab und an nickte die Sonne herunter, anscheinend anderweitig stark beschäftigt. In glitzernden, scharfen Zacken hing frosterstarrtes Wasser an den Bootsrändern, zog sich als blitzendes, breites Eisband von den Luken her, wo die Wasserpumpe tätig gewesen war, bis hinab zu den Elbwellen, die wie spielende Hunde immer wieder am dunklen Schiffsrumpf empor sprangen.

Zur Abgewöhnung und dringend nötigen Erwärmung des inneren Menschen wurde noch rasch ein Eisbrecher genehmigt. Dann ging es mit aufnahmefrohen Sinnen auf die winterfrischen Hafenwasser, die an unserer Barkasse so lange zupften und zerrten, bis sie sich ungeduldig zu regen begann. Jetzt ein Ruck am Hebelwerk, die Barkasse holte schnaufend und rasselnd Atem und in hastender Fahrt ging es hinein in den Hafen, in planlosem Genießen und unausgesetzten, kinematographisch raschen Aufnahen des Bewusstseins, des zu doppelten Kräften erwachten Beobachtungsvermögens.
Aus der Werft von Blohm & Voss hallt es herüber über die Wasser, ein Surren und Krachen, Hämmern und Pfeifen, ein kochendes Zischen in sonderbarem Gemisch. Von den endelosen Kais her geht ein Dröhnen der Arbeit aus. In bewusstem Tun rollen die schweren Kräne auf gleitenden Eisenschienen vor die Schiffsluken und fassen mit starken Riesenarmen nach den unbeweglich schweren Warenballen. Ein Reigen, ein Handgriff, ein leichtes Aufrichten und rasches Abwärtsgleiten bis tief hinunter in die abgründigen Lagerräume der Riesenschiffe. Dann ein Ruck, einförmlich triumphierendes Hochschnellen der Eisentrossen und die Arbeit rollt von neuem im unaufhaltsamen Gleichmaß weiter.
Das Heulen der Schiffssirenen klingt wie ein wild auffahrender Schrei dazwischen, der hastige, kurze Warnruf eines Motorbootes zerreißt die frostklare Luft mit schneidend hellem Laut. Voll und dunkel, mit machtvoll schwerem Dröhnen, erhebt ein scheidender Ozeandampfer seine tiefe, mahnende Stimme zu dumpfem Abschiedssang, dass man die erzeugten Schallwellen förmlich körperlich fühlbar nachschwingen spürt.

An der Schiffswand der „Swakopmund“ hocken auf schwankenden Tauleitern arbeitende Leute. Am Hintersteven sind auf festerem Gerüst lohende Schmiedefeuer angefacht. Die heiße, rote Glut und der harte, heilende Hammerschlag merzen die kranken Stellen am mächtigen Leib des Wasserriesen aus.
Nicht weit davon liegt die „Amerika“. Die stolze Schöne braucht schon wieder einmal – wohl ihr hundertundtausendstes – neues Kleid. Reisetoiletten sind ein teures Vergnügen für allerlei weibliche Spezies.  

In sacher Neugier heben sich die gelblichen Fluten der Elbe. Unerwartet rasch stürzt die keckste unter den Wellen über unsere Bootsspitze. Sie kann sich kaum fassen und sammeln vor schäumenden Lachen, als sie sieht, dass ihre Hände, wo sie auch hinfasste, feuchte, schwere Spuren hinterlassen haben.
Langsamer geht es nun einer der ungezählten Stauschleusen zu. In geisterhaft tonlosem Gleiten schieben sich vor uns die schweren, eisenbeschlagenen Türen zurück, um sich ebenso Schattenhaft wieder hinter unserer Barkasse zu schließen, als seien es Charons Tore gewesen. Draußen aber ist wieder lachendes, tätiges Leben.
Ballen werden in Leichter verladen, Ballen voll Ölkuchen, die aus den entfetteten Palmenkernen zu Viehfutter verarbeitet werden. Weiter ab liegen an den Getreideschiffen die graugelben Maschinen, die die Körner auffangen und in die Getreideboote in unaufhaltsamem, wohlgeschütztem Rinnsal niedergleiten lassen.
Wechselnde Bilder ziehen vorüber in rascher Aufeinanderfolge. Hier kreuzt unseren Weg eine vollbesetzte, grüne Fähre, da wuchtet über das breite verdrängte Fahrwasser ein plumper, massiger Elbkahn, der in seiner gedrungenen, schwerfälligen Form wie ein fossiles Untier zwischen all den neuzeitlichen Schiffsarten aussieht. Plötzlich ist es, als ginge da ein Mensch mit hochschäftigen Transtiefeln über die schwankenden Wasser, nur gestützt auf eine lange Stakstange, bis die zwei starken Baumstämme, die miteinander fest vertäut sind, sichtbar werden, auf denen der Mann Flößerarbeit verrichtet. Aber es ist ein anderes Handwerk wie auf den stilleren Binnenschiffen. Von hin und her eilenden Dampfern und Barkassen zu ewiger Unruhe angetrieben, hasten die Wellen in starkem Treiben über die unter der Wasserfläche liegenden Stämme, umspülen die Füße des Flößers, heben und senken seinen unsicheren Halt in unerwarteter Gegenbewegung, dass selbst sein Gesichtsausdruck die starre Anspannung all seiner Kräfte und Sinnesorgane anzeigt.
Unsere Fahrt geht an einem älteren Dampfer der Hapag vorbei. Mit verschmitztem Grinsen schiebt unser Barkassenführer seinen Priem von einem Mundwinkel in den anderen, spuckt in kunstgerechtem weitausholendem Bogen und erklärt uns des Dampfers Daseinszweck: „Dat ’s  die Grot-Hotel vor die Streickbrechers!“

Und wieder eine kleine Drehung: wir laufen in das Mastenreich des stolzen Segelschiffhafens ein. Da liegt der „Engelhorn“, der ungeschickte englische Vetier, der die „Pommern“ so derb angerempelt hat. Sein Bugspriet zeigt derbe Kratzwunden. Sie wehrte sich wohl und er braucht jetzt dringend nötig heilende Hände. Backbord zeigt er ein paar Fäuste großes, mit Holz vernageltes und mit Segeltuch verstopftes Loch. Er sieht aus, als hätte er schwere See gehabt. Nicht weit von ihrem unfreundlichen Kameraden hat die arme „Pommern“ festgemacht. Hier und da eine Rahe geknickt, schwere Schrammen am Rumpf und die Steuerbordseite des Hinterstevens, dicht in der Nähe des Ruderrades, tief hinunter aufgerissen, zerspellt wie ein Nichts die starken Wandungen, weit offen der breiten Wunde großer, starrer Mund. Als hätten kampfestolle Wikinger bei hartem Wetter mit zähem Todesmut die „Pommern“ geentert. Schlachtennot scheint sei herbe verkostet zu haben. Wer aber ehrliche Wunden trägt, darf sich der Narben freuen.
Das weißgrüne Kupferkleid von St. Katharinen flimmert wie ein Festgruß herüber. Der satte, warme Farbenton von St. Petri hält sich wie in stillem Abwarten etwas zurück, als wir wieder an Land gehen. Mit einem so frohen, lebensfrischen Gefühl, als hätte die Hafenfahrt, der Wasseratem uns des Alltags staubigen Qualm ansichtbar von Leib und Seele genommen.

Samstag, 2. Januar 2016

Sylvester Punschgeister


01. Januar 1910, Hamburgischer Correspondent
(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12913)

Wir saßen beim schweren Sylvesterpunsch, den ich mit jener tiefen Liebe, zartem Verständnis und rascher Entschlußfähigkeit zubereitet hatte, die man im Umgang mit Bowlen, Pferden oder – Damen so dringend notwendig hat. Sonst werden sie unbekömmlich – ein jedes auf seine Art.
Fern von der Zylinder mordenden Friedrichsstadt (Berlin) freuten wir uns – fünf Mann hoch – des bekannt „angenehm duftenden“ Trankes. Das „Mann“ natürlich etwas illusorisch gedacht, - denn die edle Weiblichkeit überwog auch wieder einmal hier, - natürlich nur der Quantität nach. Die Geister platzten aufeinander, es gab lebhafte Debatten, doch stets mit unparlamentarischer Mäßigung, aber an mir, oder vielmehr meinem Punsch, lag es wirklich nicht, da auch im Normalzustand dieser Familie stets genügend geistiger Zündstoff angehäuft ist, um ständige, für den nicht beteiligten Beobachter oft beängstigend wirkende Detonationen in Form heftiger, aber gutartiger Redeschlachten hervorzurufen. 


Das vergehende Jahr wurde mit all seinen Freuden und Leiden durchgehechelt, und da es manchen Leuten mit dem alten Jahr ebenso geht wie mit einem aufgedrungenen Logierbesuch, der nur zwei große Freuden mit sich bringt – die eine, wenn er kommt, die stärkere, wenn er geht , fanden auch wir es sehr nett, dass das alte Jahr notgedrungen seine Fahrkarte, Endstation Zeitmeer, bis Mitternacht benutzen musste, und endlich ein Ziel und Ende für diesen etwas zu lang ausgedehnten Aufenthalt abzusehen war.
Und da man bekanntlich bei allen geistigen Getränken recht wenig geistreich wird, tauchte alsbald die furchtbarste aller Zeitfragen, die durch ihr Sein oder Nichtsein berufen ist, eine größere Umwälzung hervorzurufen, als jemals die Revolution in Russland vermochte, - die Dienstmädchenfrage aus den Abgründen der Punschbowle hervor.
Frau von Wildbach (Anna von Monsterberg) war die Anstifterin, indem sie mit fast beängstigend wirkendem Tiefsinn auf das wilde Chaos der Gläser und Teller sah, und, entgegen ihrer sonstigen Energie, ganz ängstlich mahnte:
„Kinder macht bloß nicht noch mehr Unordnung, sonst kündigt uns unsere Donna womöglich noch als Neujahrsüberraschung.“
Die älteste Tochter, die sich nie gern aus ihrer angeborenen Ruhe bringen lässt, stimmte der warnenden Mutter zu, während die beiden anderen Töchter des Hauses im bösesten jugendlichen Leichtsinn diese Möglichkeit einfach als willkommenen Anstoß zur Rettung aus schlimmsten Sklavenketten erklärten. Und sie begeisterten sich für die absurde Idee, selig zu sein ohne „Minna“. Minna, dies einzigartige Mädchen mit der 14tägigen Kündigung, die es in ihrer zweijährigen Dienstzeit schon so weit gebracht hatte, dass ihre Bücher 35 Stellen aufwiesen, worunter 27 Zeugnisse derart „Glänzend“ waren, dass keine anschwärzende Tinte sich darin aufzudrängen wagte.
Das hochinteressante Thema war noch nicht erschöpft, als vor Ablauf des alten Jahres die Punschgeister die drei Mädels eifrigen Traumgöttern zur Weiterbeförderung in ein besseres Land übergaben.
Die Jüngste (Sybilla von Monsterberg) der Familie, die, seit sie erinnerungsfähig geworden, stets unter dem Zeichen der „Versetzungen“ ihres Offizierstochterdaseins stand, und infolge dessen etwas zigeunermäßige Wanderunruhe in sich hatte, murmelte aus ihren Kissen:
„Minna fort! Fein wäre das! Dann könnte man denken, es gebe mal wieder Umzugstrubel!“
Und die Älteste, die das Soldatenblut noch am unverdünntesten abbekommen, meinte dementsprechend:
„Dann würde die Sache eben so geregelt werden müssen, dass immer eine von uns „Ordensdienst“ hat. Die Jüngsten fangen an! Merk Dir das Benjamina. Aber jetzt endlich, Schluss der Debatte!“
Brrrrr – die elektrische Klingel! Herr Gott, was man leichtsinnig heraufbeschwor, ist Wahrheit, peinvolle und reichlich abkühlende Wahrheit geworden!
Völlig ohne Mädchen!!
Und es läutet, noch einmal, jetzt schon mit einem gewissen Vorwurf im Ton, und dabei ist es erst halb acht!
Drei weiße Gestalten sind wie auf Kommando zu gleicher Zeit aus den Betten. Doch opfermutig stößt die Älteste, im Gefühl ihrer verpflichtenden Erstgeburtswürde, die beiden traumbenommenen Schwestern zurück, schleicht sichernd, wie ein waschechter Indianer auf dem Kriegspfad über die im fahlen Morgendämmer liegende Diele und öffnet die Entreetür, sie gleichzeitig als höchst notwendige Deckung für ihren übrigen Menschen benutzend.
Ein etwas eigentümlich toilettierter Arm reckte sich dem sonst so willkommenen Briefträger entgegen, der mit ahnungsloser Freundlichkeit als Briefzugabe einen höchst reizvollen Händedruck und einen:
„Guten Morgen auch, schöne Minna“, abgibt.
Mit einem wütenden:
„Ja, guten Morgen“ schleuderte der verpfuschte Stammhalter der Familie die Briefe auf den nächsten Stuhl und sich noch einmal ins lockende Bett.
Brrrrr – es läutet schon wieder!
„Bolle! Die Milch“, stöhnt die Mittelste (Karoline von Monsterberg), die sich nun ihrerseits bei dem zweiten Scheller endgültig erhebt und sich förmlich schuldbeladen fühlt, da sie die einzige Persönlichkeit der Familie ist, die diese milchkonsumierende Säuglingsgewohnheit beibehalten hat.
„Na, denn also, an die Pferde“, knurrt Erna (Elinor von Monsterberg), die Älteste, und nach kurzer Morgentoilette, die so flüchtig wie noch nie ausfällt, verteilen sich die drei wie selbständige Schützenzüge in die tiefen der Wohnung (Kaiserallee 159, Wilmersdorf).
„Nun seht mal bloß – diese empörende Unordnung im Esszimmer!“, maulte die Jüngste, das sogenannte „Luxusmädel“, wie Frau von Wildbach ihre dritte Tochter in weiser Erkenntnis der Dinge einst getauft, als diese mit verblüffender Unverfrorenheit anstatt des „bestimmt“ erwarteten Sohnes, in der rittmeisterlichen Familie sich ihren Platz erst erzwang, bald eroberte.
„Als ob eine Schwadron Husaren hier gekneipt hätte!“, attestierte der Chor.
„Und das sollen wir in Ordnung bringen!“
„Es ist nur gut,“ reflektierte Benjamina, „das gestern kein Panschwetter war. Aber heute! Kein Schnee, dafür regnet´s Schusterjungen, da können wir uns ja morgen auf die Stiefel freuen!“
Dabei bearbeitete sie mit ererbter Energie und schwungvollen Armbewegungen die Stiefel ihres Vaters, wobei sie, wie sie es als Kind so oft in heißer Bewunderung beim Burschen angestaunt, zur Erhöhung des Glanzes auf die Schuhcreme spuckte, bis ihr vom Zentrum und der Fraktion der Rechten heftig klar gemacht wurde, dass man solcher Naturkräfte nur für die altmodische Wische benötigt hatte.
„Kinder, stellt Teewasser auf, ich gehe Gemüse besorgen“, erklärt mit wahrer Grabesstimme und der Miene einer entthronten Königin die aus all ihren geliebten Gewohnheitsgleisen herausgeschleuderte Erna. Aber lachend erscheint sie nach kurzer Zeit wieder auf dem Kriegsschauplatz, eine Tüte Äpfel, „geschenkter“ Äpfel im Arm, den Jägerhut verwegen auf einem Ohr, und erklärt:
„Was ich auch einkaufte, alles ist billiger, wie Minna es ankreidet, und außerdem bekam ich um meiner schönen Augen willen noch Äpfel dezidiert. Ich schlage aber vor, wir schreiben unserer „Herrschaft“ alles genau so hoch an, wie sie das gewöhnt ist. Es tut nicht gut, wenn man Menschen aus dem seelischen Gleichgewicht bringt. Und außerdem, ein Äquivalent muss man doch schließlich für die ungewohnte Arbeitsleistung haben!“
„Jawohl, fühlen wir uns jetzt als zum dritten Stand gehörig!“, hetzte das revolutionäre Luxusmädel.
„Fühl ich mich schon“, meinte das mittelste Erzeugnis, „da liegen nun die „Herrschaften“ im warmen Bett, und von uns wird kaltlächelnd verlangt, dass wir zeitig aufstehen und arbeiten. Und dann macht man am Ende doch nichts recht! Ja, wenn man noch anständigen Lohn bekäme, aber so, bloß travailler pour le roi de Prusse (arbeiten für den Preußenkönig) – nee, danke für Obst!“
„Kinder – Telephon!“, verkündet Erna mit nur mangelhaft gedämpfter Kommandostimme. Alle drei stürzen nach dem Apparat. Erna lässt sich den Hörer nicht nehmen und reißt ihn im wahrsten Sinne des Wortes an sich, dabei ihr Erstgeburtsrecht vorschiebend, auf das sie pocht, wo es ihr passt, und das ihr selbst um eine Schüssel Austern nicht feil wäre.
„Hier Mädchen von Frau von Wildbach!“, schmetterte sie in den Apparat.
Heulendes, schwesterliches Gelächter begleitet diese neue Behauptung. Wütend dreht sich Erna um:
„Na, wollt Ihr mir etwa abstreiten, dass ich das bin?“, haucht sie ihre unbotmäßigen Schwestern an.
„Nimm Dich in acht, Du tutest ja Deine Wut in alle Welt hinaus!“, preschten die beiden anderen los.
„Schließt mal einen kleinen Augenblick Eure Futterluken, wenn Ihr das könnt.“ brummt Erna, um bald mit hellem Lachen den Hörer anzuhängen.
„Mädels, es ist angenehmer, sich als „Mädchen von Frau Wildbach“ zu melden, was sind da die Leute gleich nett. Unser brummiger Fleischer nannte mich „schönes Fräuleinchen“! Dafür habe ich auch gleich zugestimmt, als er frug, ob er die Keule eines prachtvollen Familienkalbes schicken kann. Heute kommt ja doch Konstantin zu Tisch, und der ist einfach gebrochen, wenn er nicht was Gutes „flapsen“ kann.“
Nach dieser Erholungspause stürzen die drei weiter an die Arbeit. Das beim Lampenputzen die ganze Küche durchdringend nach Petroleum riecht, erhöht nur den Reiz der eigenartigen Situation. Als die große Vordiele von Benjamina gefegt wird, erscheinen eiligst die beiden andern, und nun ward sich dieser unzerstörbare Dreibund lachend klar, dass eine jede schon einmal ahnungslos den geduldigen Vorraum gesäubert hatte. Das Bewusstsein aber stärkte und tröstete sie, dass beim Herrichten der Betten wenigstens ein dreimaliges Bearbeiten weniger Spurlos vorüber gehen würde wie auf der Diele, die etwas ausgiebige Verkehrstunde.
Da plötzlich donnern unzählige Schläge, als sei wieder einmal ganz ausnahmsweise ein Prinz geboren. Doch nein, der Rittmeister (Hermann von Monsterberg) klopft nur an die Tür zum Allerheiligsten seiner Mädels, und die väterliche Stentorstimme erweckt endgültig die vom Sylvesteralp schwer bedrückten Töchter aus harten Träumen.
„Mädels, steht doch endlich auf. Es ist schon lange Neujahr. Minna will aufräumen!“
Mit einem geradezu beseligten Aufatmen rief Erna:
„Minna will aufräumen? Nein, wie lieb von ihr!“
Und mit Tränen der Rührung in den Augen sang sie leise und voll Andacht die österreichische Hymne mit kühner Variation:
„Gott erhalte unsre Minna – Minna unser Hab und Gut.“

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Unter dem Weihnachtsbaum


Tannenduft und Kerzenschimmer
Strömen durch die Weihnachtsstube,
Mägdlein faltet still die Hände,
Und es jauchzt der kleine Bube.

Vater-, Mutterliebe theilet
Heute aus mit vollen Händen,
Und die alten Ahnenbilder
Nickend segnend von den Wänden.

Horch! nun spielen alle Glocken
Von den Thürmen, nah und Ferne,
Und am wolkenlosen Himmel
Segeln leis die frommen Sterne.

Und dann wird es mählig stille-
Ausgelöscht sind alle Kerzen;
Kindlein schlummern, freudenmüde,
Weihnachtsbilder in den Herzen.

Nur das liebe Christkind wandelt
Segnend noch durch alle Räume,
Und der heil'ge Geist der Liebe
Webt die schönsten Himmelsträume


(Eugenie von Monsterberg, vor 1903)