Dienstag, 7. April 2015

Zwecklos


Bezugnehmend auf den Totensonntag vom 19. November 1911 erschien dieser Text im Hamburgischen Correspondenten.

Hamburg, 26. November 1911
 

Wo wir auch Umschau halten mögen auf dem Erdball, sei es selbst bei den geringsten Lebewesen, den für uns unscheinbarsten aller Dinge, finden wir immer und immer einen bestimmten, scharf umrissenen Zweck. Nichts gibt es, das zwecklos wäre, denn es ginge wider die Natur. Der Mensch selbst also ist der lebende Beweis für das künftige, veränderte Fortleben seiner Seele und Geisteskräfte. Des Fleisches Endzweck ist: völliger Tod; denn das Alter lässt es zusammensinken, über jenes hinaus gibt es für den Körper hinaus keine Entwicklung mehr. Das andere aber, was in den Menschen gelegt wurde, die Fähigkeiten seines Geistes und seiner Seele, was in ihm ruht, arbeitet und ringt, was sich betätigt in selbständigem, ja selbstschöpferischem Handeln und Schaffen, um dies alles zu vollkommener Reife und Vollendung kommen zu lassen, reicht solch kurzes Erdenleben in keiner Weise aus. Somit wären alle diese Kräfte der Zwecklosigkeit unterworfen, welche die Schöpfung nicht kennt, wenn der Tod des Körpers uns nicht zu einem anderen Leben verhelfen würde. Und so gewiss der Zweck aller in uns gelegten Geisteskräfte, der uns in kleinem oder großem Maße gegebenen Anlagen immer nur der ist und sein kann: sich zu vollkommener Vollendung zu entwickeln, ebenso gewiss können wir diese nur erreichen in einem anderen, gänzlich anderen Leben. 


Unsere geistige Persönlichkeit und unsere Seele, sie leben fort, müssen fortleben, um den von der Natur gewollten Zweck zu erfüllen. Der Natur, die nichts halb zu tun pflegt und deren Zielpunkt von Anbeginn her das Vollbringen ist. Die Art jenes anderen Lebens freilich vermögen wir nur zu ahnen in jenen lichten Augenblicken, die jedem einmal kommen unter uns. Jedem. Stak, überwältigend oder ganz matt, unsicher, verwischt. Immer aber macht sich dabei ein starkes Widerstreben bemerkbar, ein stoffliches, das Widerstreben des Körpers, der unwillkürlich auch hier nur seinem irdischen Endziel zuneigt, und über den Geist, der berufen ist, Welten zu durchmessen, Beschränkung, Erdenschwere auftürmt.

Aber es kommt die Zeit, wo die irdische Hülle unseres Geistes zerfällt und ihm eine gegeben wird, die aus den Ewigkeiten herauswuchs.
Doch wie unser Körper im Erdenleben unsere Geisteskraft einengt für seine Zwecke, unsere Seele niederzerrt zu seiner Schwachheit, wird er sie, wenn der Tod ihn traf, in den Dunstkreis des Erdballs zwingen, bis er endlich aufging, ganz, in dem, woraus er stammte. Und das muss sie sein, die erschütternde Qual, das wortlose Leid, das sie alsdann verkostet, die vom Leib erlöste und doch noch von ihm gehaltene Seele. Allein, grenzenlos allein, nur umgeben von der Not und Pein plötzlicher Erkenntnis und dem erschütternd qualvollen Bewusstsein zu unrecht getaner Taten, leichtfertig gesetzter und nicht erreichter Ziele, im Weltall allein, im Unermesslichen!
Umhegt und umringt von überwältigender Lieblosigkeit, gehetzt von ruheloser Sehnsucht, der Sehnsucht, nur einmal ein heißes, betendes Erinnern ihrer hinterlassenen Lieben zu verspüren. Und solch Erinnern, wie schwach es wird, und wie vergänglich es ist, und wie vergeblich so oft diese Seelensehnsucht danach! Unendliche Leiden müssen es sein, die Tote leiden, wenn niemand an sie und ihre Seelen denkt! Und zu der einen Sehnsucht die andere, unaussprechlich machtvolle, die Sehnsucht, durchzudringen durch die heiligen Zeit- und Urmächte, angezogen und doch noch unendlich abseits von dem alles durchströmenden Urvater, und voll haftender sorgenvoller Unruhe, weil sie Ihn fühlt und ahnt und spürt, und doch noch ewige Gewalten zwischen ihr und ihrem sengenden Verlangen unsichtbar und doch so grausam deutlich aufgetürmt liegen!

Wovon unserer Väter Väter in dumpfem Vorgefühl raunten, das Volk voll ängstlicher Ahnung erzählt und flüstert in ungezählten Mären und Sagen: von den Seelen, die noch keine Ruhe fanden, wahrlich, dies muss es sein, ein Fegefeuer erwartungsvoller Sehnsucht, peinvoller Ungewissheit und jagender Unruhe, wie es verzehrender nicht ausgesonnen werden kann.
Unnennbar köstlich aber wird es sein, wenn die Zeit erfüllt ist und die Pforten der Vollendung sich dem öffnen, was wir für die Ewigkeit bereithalten sollen! Sie aber, die Hingegangenen, ist es, die von da an den Unendlichen sehen wird in seiner Glorie zur Rechten Urvaters das Weltall erfüllen.
Weit und ungebunden wurde nun ihr Verstehen, göttliches Ausruhen erwartet die Seele, die eingelassen ward in die unbegrenzte, jede Möglichkeit erschöpfende Wahrheit des Universums. Immer umfassender, immer ausfüllender durchströmt und erfüllt sie der Geist alles Lebens, unsagbare Wonne und unausdenkbare, ruhevolle Befriedigung durchflutet sie unausgesetzt durch sein gebendes Dasein.
Ihrer ist, was wir das „Nichts“, Himmel, Seligkeit, Erlösung nennen, in der Erkenntnis, dem Durchdrungen Sein und dem Aufgehen in Gott, dem Licht.

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12979) 

Sonntag, 5. April 2015

Blindenbibliothek


Hamburg, 26. Februar 1911


Je mehr man in die abgründigen Tiefen leidvollen Lebens schaut, wo der Menschheit dunkle Not, ihr blasses, herbes Leiden zusammengeduckt hocken, um so dammloser wird in uns die warme Springflut des Mitleidens. Viel düsterer und härter, viel entsetzlicher als die bizarren Phantasiebilder eines Hanns Heinz Ewers ist das, was menschliches Erleben und Ertragen in aufschreiender Wahrheit zu erdulden vermag. Wie ein grundloser See erscheint all der Kummer, den unerhörtes Leiden durch die Jahrhunderte niedersenkte und zusammenrinnen ließ in bittren Wassern tränenschwerer Trübsal.
Das aber, was denen, die im Lichte wandeln dürfen mit weit aufnehmenden Sinnen, am härtesten dünkt, als dunkelste Qual erscheint, ist wohl die Not all derer, denen das Licht der Augen gehalten und beschattet ward von ihres Daseins kalter, mitleidloser Härte. Aber ein sonderbar Köstliches empfingen jene Nichtsehenden: die seltsame Kraft, die schier unerhörte Wucht ihres eisenharten Schicksals mit lächelnden Lippen auf sich zu laden und nie darunter zusammen zu stürzen. Um diese Blinden webt es wie ein stilles, heimliches Freuen, genährt von geheimnisvoller Innerlichkeit. Ein fast erdgelöstes Abgeklärt sein umhüllt sie. Es scheint fast, als ob sie durch den unzerreißbaren Schleier, den sie tragen, bewahrt würden vor den bösen, hässlich-schweren Eindrücken einer Umwelt, die mehr Dunkelheiten besitzt, als blinde Augen erdulden müssen. Und in dieser bedingten Abgeschlossenheit von den Außeneindrücken erwächst ihnen eine höhere, reinere Welt, ihre Innerlichkeit, durch nichts Äußerliches beeinflusst, ihre Gedanken, durch nichts eindrücklich Wechselndes abgelenkt, vertiefen sich, wachsen und schaffen sich ein eigenes Licht- und Sonnenleben. Freilich, der Hohlweg bitterer Qual, durch den die Lichtbenommenen vordem müssen, den ihres Schicksals dunkelschwere Schatten erfüllen, er ist in Wahrheit ein Kreuzesweg gewesen.


Bedrückt und förmlich benommen von dem peinbringenden Gefühl, schlimme Menschennot bald mit ansehen zu müssen, trat ich in das Müllersche Blindenheim, das neben dem zweckgleichen Lämmerstift liegt, und wo die Zentralbibliothek für Blinde, Breitenfelder Straße 21, Aufnahme gefunden hat. Die blinden Frauen aber, die mir auf meinem Wege zu dieser einzigartigen Bibliothek begegneten, sie waren allesamt in frischer, lebensfreudiger Tätigkeit. Mit verblüffender Sicherheit öffnete auf unser Läuten eine Blinde die Windfangtür.  Wieder andere kehrten die ohnehin schon blitzblanken Stiegen und Wandelgänge, oder räumten ihre sauberen, sonnenhellen Wohnstuben mit frauenhafter Sorgsamkeit auf, rasch und bestimmt in ihren selbstsicheren Bewegungen wie Sehende. Ich trat in ein Zimmerchen, das einer blinden Frau Heimstätte war und noch eine Andere behütete, die ärmer war, wie die Blinde an Sinneskräften. Sie ist seit ihrem achtzehnten Lebensjahre taub und blind und hört nur einen schwachen Laut, wenn ihr die blinde Stubenkameradin dicht ins Ohr das Gesprochene übermittelt. Hier zeigt uns diese Taubblinde eine Handarbeit, von ihr angefertigt. Eine Spreitdecke war es, zusammengesetzt aus vollkommen fehlerlosen, mit maschineller Genauigkeit erhaben gestickten Vierecken, die wiederum aneinandergenäht waren. Das Ganze ein Muster, das durch seine verwirrende Vielseitigkeit selbst Sehenden schwere Stunden bereiten muss. Und dies alles in seiner Gesamtheit ausgeführt, ohne ein einziges Versehen, ohne eine abgeirrte Masche, und über der ganzen, unbequemen großen Arbeit eine förmlich leuchtende Sauberkeit, über eine Arbeit die nicht  aussah, als hätten sie fleißige Hände mit hundert und aberhundert Bewegungen geschaffen. Rührend aber war es, wie die Blinde das Schaffen und Können der noch ärmeren Genossin erklärend pries, wie sie ihr den fehlenden Sinn vergessen zu machen versuchte, indem sie ihr in eifriger Mühseligkeit Gesagtes wiederholte.

Unter der Führung der ersten Vorsitzenden des Vereins Zentralleihbibliothek für Blinde, Frau Stephanie Nordheim, die eine förmliche Kristallisierung der Menschenliebe ist und in werktätiger Arbeit durch Jahre hindurch, ganz abgesehen von praktischen Werten, ihr Leben und ihre Gesundheit der Not der Menschen hinwirft, betrat ich die Räume der Blindenbibliothek, die vor allen anderen Dingen verdient, ihre Schöpfung genannt zu werden.  Als die Sozialen Hilfsgruppen vor Jahren anfingen, sich auch mit der Führsorge für die Lichtberaubten unter den Menschen zu beschäftigen, Vorträge und konzertartige Veranstaltungen im Blindenasyl abhielten, kam bald das dringende Bedürfnis der Blinden nach geistiger Nahrung zur Sprache. Die hervorragende Begabung einer sehr starken Anzahl  Blinder ist eine bekannte Tatsache, aber die Möglichkeit, sich durch eigenes Lesen fortbildender Schriften vorwärts zu bringen, war ihnen lange verschlossen, oder aber nur im engen Maße erreichbar, da ihnen zugängliche und für sie in tastendem Lesen verständliche Werke fehlten. Nur in Leipzig verleiht ein Verein Blindenbücher auch nach außerhalb, aber sein Vorrat ist äußerst beschränkt. Die Dresdener Bibliothek, die über eine starke Bändeanzahl verfügt, entleiht an auswärts wohnende Blinde nur nach eingeforderter und genehmigter Erlaubnis des Ministeriums des Innern, eine ziemlich unverständliche Maßnahme, die nur ein in bessere Form gestecktes Abschreckungsmittel bedeutet. Die königliche Blindenanstalt in Steglitz, die aus städtischen Mitteln erhaltenen Blindenschulen Berlin und Breslau halten eine größere Anzahl Bücher zur Verfügung.

Da in Deutschland, vor der Gründung der Zentralbibliothek für Blinde, Hamburg, kein Institut dieser Art bestand, beschloss eine Anzahl Damen und Blinde, unter Mitwirkung des Direktors der hiesigen Blindenanstalten, Herrn Merle, eine Zentral-Leihbibliothek für Blinde zu begründen. In der Erkenntnis, dass solche Gründung nur dann von erschöpfend segensreicher Bedeutung sein konnte, wenn sie allen deutschredenden Blinden ohne Ausnahme und kleinliche, lokale Beschränkung zugänglich gemacht würde, und im beständigen, abwechselnden Austausch geistiger Berührungspunkte geschaffen sind, wurden die deutschen Bundesstaaten zur Mitarbeit am Werk aufgefordert, die auch geleistet worden ist. Nach einer Arbeitslast von fünf vollen Jahren, deren Löwenanteil dem Organisationstalent und der beispiellosen Opferfreudigkeit der Frau Stephanie Nordheim zufällt, kam die Gründung und Eröffnung der Blindenbibliothek Hamburg zustande.
Den meisten Menschen unter den Sehenden geht das fassliche Verständnis für lesende Blinde ab. Unter Hunderten sind kaum Zehn, die einmal ein Blindenbuch zu sehen bekamen und damit einen Begriff verbinden können. Für jene Vielen in Kürze eine Erklärung der sogenannten Blindenschrift. In den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erfand der Franzose Louis Braille die Blindenschrift und ermöglichte dadurch einen raschen und vollständigen Ausbau des Blindenunterrichts, der heute wohl allgemein einem guten Volksschulunterricht gleichsteht. Das dieser Unterricht auf Schulung und Ausbildung des Tastsinnes fußt, ist wohl bekannt. Und es ist danach auch verständlich, dass alles, was den Blinden vermittelt werden soll, in erhöhten Formen ausgeführt sein muss.  So gibt es neben der Punktschrift Unterrichtsgegenstände zweckdienlichster Art, so auch Zeichnungen, Landkarten und Stadtpläne in plastischer, tastbarer Darstellung. Vermöge der international gewordenen Braille-Schrift ist es möglich, den Blinden eine reichhaltige Literaturausbeute zu verschaffen, die für die Ausbreitung und erschöpfende Vertiefung der Blindenbildung von höchster und einschneidenster Wichtigkeit ist. Das Schema des Blindenalphabets besteht aus zehn Grundbuchstaben und zwei systematisch verwandten Hilfspunkten. Die Unterscheidung großer und kleiner Buchstaben fällt fort, Interpunktionen und Zahlen werden durch die gleichen Zeichen und entsprechende Stellung wie die Buchstaben des Blindenalphabets dargestellt.
Es werden nun Blindenbücher im Druckverfahren, das äußerst kostspielig ist, und gleichzeitig handschriftlich hergestellt, eine Arbeit, der sich bei uns in Hamburg in opferfreudiger und zeitraubender Nächstenliebe weit über achtzig Damen widmen. Verständlich werden die hohen Kosten des Druckverfahrens, wenn man hört, das Schillers Tell in der Reklam-Ausgabe 20 Pfennig, in Braille-Schrift fünf Mark kostet, denn auch die Bandstärke schwillt ungeahnt an in der Punktschrift. 

So umfasst Gustav Freytags Roman „Soll und Haben“ in Brailleschrift vierundzwanzig große Bände, von denen jeder 130 bis 140 Blatt enthält. „Bismarck und seine Leute“, das bekannte Werk von Moritz Busch, besteht in Schwarzdruck aus nur zwei Bänden, in Brailleschrift aber aus sechzehn. Es ist erklärlich, was es demnach bedeutet, eine Bücherreihe von einer Größe zu besitzen, wie der Verein Zentralbibliothek für Blinde, der im Lauf des letzten Geschäftsjahres nicht weniger als 9746 Bände an seine Leser verliehen hat. Der Bestand der Bücherei belief sich Ende 1909 auf 11553 Bände, und zwar Werke streng wissenschaftlichen Inhalts in deutscher, französischer und englischer Sprache, Bücher unterhaltender Art ebenfalls in den vorgenannten Idiomen, zu denen sich noch hebräisch gesellt – Dichtungen, Dramen, Operntexte, Sagen und Märchen, Biographien, Schriften religiösen und ethischen Inhalts. Musikalien, die Noten werden ebenfalls in Punktschrift geschrieben, für Gesang, Klavier, Orgel, Geige und Cello. Musiktheoretische und literarische Werke. Namen wie Shakespeare, Goethe, Schoppenhauer und Nietzsche, Ibsen und Sophokles reden eine stumme, aber gewaltige Sprache für den geistigen Hunger, der da gestillt wird.

Das das Buch der Bücher, die Bibel, und eine starke Anzahl christlich-religiöser Schriften vorhanden sind, ist fast überflüssig der Erwähnung. Die Wahl der Bücher liegt dem Geschäftsausschuss ob, der diese anschafft nach den eingereichten Lesewunschzetteln der Blinden. Der Bibliothekar des Vereins, Herr Richard Dreyer, selbst ein Leidgenosse, leitet in umsichtiger, tatenfroher und unermüdlicher Tätigkeit die starke geistige Zusammenfassung erfordernde Arbeit, unterstützt von einer jungen Gattin und Fräulein Friedrichs, letztere steht ebenfalls gehaltenen Auges, aber schaffensfroh im Leben.
Durch die Liebenswürdigkeit des Bibliothekars wurde mir noch Aufklärung über das Arbeitssystem der Bücherei. Es werden Bücher und Noten nach Österreich, der Schweiz, Spanien, Frankreich und Russland geliehen, außer den Sendungen innerhalb des Deutschen Reiches. Russland wird in Zukunft wohl in Wegfall kommen, da ungeheure Zollschwierigkeiten des Versand verbieten. Der Versand der Bücher erfolgt in festen Kartons, denen gleich Rückadressen beiliegen, einmalige Portokosten trägt der Verein. Die reiche, aber immer noch ergänzungsbedürftige Bibliothek füllt zwei große Räume der Müllerschen Blindenstiftung, die unentgeltlich zur Verfügung gestellt sind, ein weiteres Zimmer ist für Korrekturlesung der handschriftlichen Punktbücher bestimmt, ein vierter Raum angefüllt mit Stapeln von Bücherkisten. Ein ganzes Regal füllen die Kataloge für Blinde in Punktschrift, ausgeführt in dem neuen Kurzschriftsystem, einer Vereinfachung der internationalen Vollschrift, das in Zusammenziehungen besteht.
Die stille Segensarbeit, die dort geleistet wird, dies Wohltun, das so unendlich vielen von Dunkelheit überschatteten Blinden die bisher beengten und oft verschlossenen Pfade zum alles erhellenden Lichtstrom des Geistes aufgesprengt hat, sie mögen weiter wirken und wachsen, zum Heil Tausender unserer Brüder.  

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971) 

Samstag, 4. April 2015

Marktwanderungen


Hamburg, 29. Oktober 1911
 

Es ist nicht immer gesagt, dass alles Neue auch bedingungslos gut sein muß. Im Gegensatz zum erprobten Alten verfügt es meist über alle Schattenseiten der unerfahrenen Jugend. Wenn diese aber nicht ganz und gar in der Anlage verpfuscht ist, kann man im Lauf der Zeiten auf Besserung hoffen.
Vorläufig scheint mir freilich, dass wir mit dem Aufgeben des Hopfenmarktes noch mehr verloren haben, als nur das schöne, wechselreiche Bild, geweiht durch die Jahrhunderte. Die tätig am Marktleben Beteiligten fanden statt der erhofften Bewegungsfreiheit beengende Einschränkung an den neu geschaffenen Stätten ihrer Tätigkeit. So muss es wenigstens dem unbefangenen Beobachter erscheinen, der zur Zeit des großen Marktes, am Freitag, den Bahnhofsplatz aufsucht.
Auf den Zufahrtsstraßen ein atemnehmendes Gedränge von Marktwagen. Kaum Luft scheint zwischen die einzelnen Gefährte kommen zu können, das Bild hat beängstigende Ähnlichkeit mit dem unvollkommenen Gewühl am Burstah, als der alte Hopfenmarkt noch der Kriegsschauplatz war. Mit dem Glockenschlag des Marktbeginns kommt übersichtliche Ordnung in die Wagenburg.
Kopf an Kopf, ausgerichtet wie bei einem gut klappenden Kavalleriemanöver, stehen die Gäule. Die meisten dösen, ergeben in ihr Schicksal, still vor sich hin, nur ab und an gibt ein aufmerksames Ohrenspiel Kenntnis davon, dass Leben, Daseinsverständnis in einem oder dem andern der Vierbeiner steckt. Fein säuberlich von dem edlen Vetter getrennt, hocken die Hunde unter ihren Karren. Frierend verfolgen sie mit flackernden Augen jeden Schritt ihres Herrn im Weiberrock oder in Männerhosen.

Man muss eine Weile in der Nähe des spurlos dahingegangenen Klosterbahnhofs stehen bleiben, um den rechten Überblick über das Geschiebe und Getriebe des neuen Hauptmarktes zu bekommen. Den Freund althamburgischen Wesens überkommt dann zuerst ein wehmütiges Bedauern ob dem, was der eherne Schritt der Zeit niedertreten musste an jahrhundertealter Schönheit eines Bildes, das unter dem Schutz und Schatten der Nikolaikirche so lange die bunten Reize mannigfaltigen Lebens entfaltet hatte und voll Kraft und derber Natürlichkeit steckte, wie Gemälde altniederländischer Meister der Farbe.
Allzu herbe und wahrhaftig nicht immer sehr glücklich fährt hier die neue Zeit hastig zwischen das Gewühl der handelnden und kaufenden Menschheit. Fährt, im eigentlichen Sinn des Wortes aufzufassen. Denn von der höher liegenden Straße aus sieht man mit erschreckender Deutlichkeit, wie sich der blitzende Schienenring der elektrischen Bahnen rings um den Markt erdrückend eng legt, wie sich ihre Wagen unter unausgesetztem Läuten mitten durch die drängenden Menschen und harrenden Fuhrwerke der Gemüsehändler mühsam durchquälen müssen.
Oberhalb des Markttreibens aber, auf den fest gefügten Mauern der Eisenbahn-Überbrückung, da lebt und schafft das, was in Wahrheit großzügig ist an der Neuzeit. Signalarme schnellen auf und ab, aus dem weit aufgerissenen Schlund der Hauptbahnhofshalle flüchten die Züge in unausgesetzter Folge, oder gleiten hinein, als ob sie sich bedingungslos einer dunklen Schicksalsmacht anheim geben müssten. Gelles Pfeifen schneidet die Luft, wie Arme, die erschrocken hoch fahren. Ein stampfen, ein dröhnendes Vorwärts hasten klirrt über die Eisenschienen und schüttert mit rollendem, dumpfem Laut auf den Straßenüberführungen. Der Verkehr, der die Welten verbindet, wettert vorüber.
Und unsichtbar über die Brüstung der Eisenbahnbrücke gelehnt, sieht die neue Zeit auf das Getriebe des Marktes, eingehüllt in die Schwingungen des Lärms, ohne die Sie nicht denkbar ist. 

Deichtorhallenkunst

Es ist anders wie am Hopfenmarkt, wo aus der hohen Luke des Nikolaiturms die Vergangenheit nieder schaute, ungetan mit jenem eindringlichem Schweigen, das die Jahrhunderte mit sich führen.
Zeit wird es, dass ich mich auch mitten hinein in das Marktleben stürze. Allzu lange stand ich auf einer Stelle. Ein Schutzmann wurde schon auf mich aufmerksam und schätzt mich mit musternden Blicken ein. Schutzmannsblicke vermögen es, bei dem unschuldigsten Unterton urplötzlich ein schlechtes Gewissen aufkeimen zu lassen. Und das ist eine zwecklose Nebenbeschäftigung.
Die Buntheit auf dem Markt ist reich in ihren Farben wie der Herbst selbst. Eintönig sind allein die Kleider der Menschen. Verschwunden, eingestampft von der nüchternen Allgemeinheit scheinen die Trachten der Vierländerinnen, nichts sieht man noch von der Eigentümlichkeit der Bardowieker, kein Altenländer Kopfschmuck drückt wie einst das glatte Scheitelhaar der einzelnen Frauen. Es ist ein Jammer, diese verhängnisvolle Wirkung neuer Tage!
Mit den ausgeprägten Merkmalen ihres Daseins versehen, drängen sich Hafenlöwen mit schwimmenden Schnapsäuglein im Wiegeschritt zwischen den Ständen hindurch. Bereit, für wenig Entgelt volle Körbe an die wartenden Wagen zu schleppen, um dann so rasch wie möglich die erworbene Scheidemünze in Feuerwasser aufzulösen.
Marktbeamte wandern von Stand zu Stand, um das Marktgeld einzufordern, das je nach Größe des einzelnen Raumes von 60 Pfennig bis zu 1,20 Mark schwankt. Alles spielt sich mit kameradschaftlicher Gemütlichkeit ab.

Auf einem Kürbis von Achtung gebietender Ausdehnung hockt ein feistes Bäuerlein und wickelt mit stoischer Ruhe von diesem harten, gelben Thronsessel aus seine Kaufgeschäfte ab. Er sitzt fester als der kleine Kaiser von China und weiß nichts von revolutionären Unterströmungen. Langsam bummle ich von Stand zu Stand, um ab und an ungewollt rasch vorwärts zu schieben, wenn einer der Träger mit wohlgezielten Stößen mir seine leeren Körbe in die Kniekehlen rennt, was sehr oft der Fall ist.
Die Oktobertage stehen im Marktleben unbedingt im Zeichen der Kohlsorten. Wohin man sieht, flegeln sich die dicken, runden Kohlköpfe herum, und es ist erstaunlich, was für eine Fülle von Farbe auf ihren festen, feisten Kugelgesichtern liegt. Bläulichrot, wie das Gesicht eines Mannes, dem der ständige Aufenthalt in Wetter und Wind unzählige kleine Blutgefäße zum Springen brachte, so guckt der Rundschädel des Blaukohls aus den dicht geflochtenen Marktkörben heraus und schielt neugierig über den Rand nach seiner wohlgenährten Freundin Weißkohl, die ein lichtgrünes Überkleid auf gelbweißen Grund angetan hat. Unweit von ihrem Platz hat sich sein gefährlichster Nebenbuhler aufgestellt. Aus sattem Dunkelgrün ist der feste Rock, mit verführerisch gekräuseltem Hauptschmuck und seiner fremdländischen Abstammung steckt er für die Damenwelt voll besonderer Reize, es ist der Savoyerkohl, der dort seiner Stunde wartet.
Ängstlich besorgt schlingen sich mütterliche Blätterarme schützend um die jungen, unschuldig weißen Köpfe des Blumenkohls. Mit bissigen Gesichtern und verkümmert dünnen Leibern, wie böse, alte Weiber, hockt der Lauch da. Die kleinen dünnen Wurzelfasern starren von den Köpfen wie ausgemergelte kleine Straußenfedern auf einem vorsintflutlichen Kapotthut. Dazwischen, in wohltuender Gemütlichkeit, Zwiebeln aller Sorten und Größen, Bauersfrauen, angetan mit sechs farbigen Unterröcken und einem rotbraunen Warprock darüber.
Unweit davon ganze Wagenladungen Steckrüben. Mit ihrer gelben Haut und dem abgeschnittenen Kohlstrunk sehen sie aus wie Chinesenköpfe, die durch die Mandschutöter ihre Zöpfe verloren haben.

Auf der anderen Seite des Marktes leuchtet es da und dort auf, wie blaßrote Blutstropfen. Es sind Körbe voll Hagebutten, ganze Kisten von Preiselbeeren und dann wieder, dicht aneinander gedrückt, Radieschen mit gesunden, roten Pausbacken. Rettiche in weißem und schwarzem Mönchshabit stehen ernsthaft dazwischen. Gelbrot, in bauschigem Umfang, leuchtet das Röcklein der hübschen Bauernmädel, der Mohrrüben, auf. Englische Gurken und Kopfsalat füllen Kisten und Körbe. Die knirschenden Blätter des Winterspinats sind in heller Menge vorhanden, ebenso die düstere Schwarzwurzel und die gewichtige Dame Sellerie. Auf dem Fruchtmarkt duften späte Himbeeren, dunkelblaue Pflaumen, Birnen in allen Farben, vom blassen Gelb bis zum leichten Rot, füllen die Obsttonnen. Äpfel übertrumpfen ihre Färbung mit ihren runden, knallroten Backen. Italienischer Wein, mit seiner glasharten, grünlichen Beere, liegt friedlich neben der deutschen Traube.
Wie vertrocknete alte Jungfern, die sich tief im Innern überraschende Süße vergangener Sonnentage bewahrt haben, liegen verhutzelte Feigen. Herbe Granatäpfel mit ihrem kernreichen Gehäuse Drängen sich dicht neben gelbrote, stark duftende Quitten. Stechend Gelb, als hätte der Neid sie gefärbt, hocken die Zitronen zusammen, in flammendem, glasigen Rot fiebriger Erwartung die Tomaten. Bis zum Rand gefüllt stehen Körbe mit frischen Walnüssen, die für den harten Kampf mit den Wettern des Lebens ein festes, rotbraunes Panzerhemd angelegt haben. Hier und da in schlichtem Braun, die weiche, köstliche Mispelfrucht, die nur den Kenner lockt. Volle Bananenäste, ganze Ladungen Ananas ziehen die Käufer stark an. Mitten aus dem Markt heraus ragt das Baugerippe der werdenden Erdbeerhalle, das Eisengestänge rot Überlaufen von der schützenden ersten Farbe.
In ihrer Nähe liegen die Durchgangswege, die hinab zu den groß angelegten Marktkellern führen. Weiße Fliesen auf den Fußsteigen, helle Glasursteine an den Wänden. Eisige Grabesluft haucht dort unter der Erde eine Kälte aus, die bis ins Mark fühlbar ist. Man glaubt sich unmittelbar in die unterirdischen Grabgänge Roms versetzt, beim ersten Schritt hinab. Wie versunkene Straßen mutet das Ganze an. Und Namen führen auch die einzelnen Wege.
Durch den Vierländergang wandte ich mich. In kurzen Abständen düstersten kleine elektrische Glühbirnen. Rechts und links zieht sich hohes festes Drahtgeflecht, dahinter unter sicherem Verschluss die Keller der einzelnen Marktleute. Stapel von Körben türmen sich auf. Dumpf und hart schallt das vereinzelte Schreiten von Menschen. Der Oberwelt wandte ich mich wieder zu und trat an den nahen Wasserarm, wo die Vierländer und Altenländer Kähne, dicht aneinander geschoben, festgemacht hatten. Eben werden die leeren Körbe verstaut, die alle verschiedene Zeichen ihrer Eigentümer in bunten Farben tragen. Es ist später Nachmittag geworden, das Marktgewühl beginnt sich zu lichten. Und auch ich zwänge mich durch, den häuslichen Penaten zu, um am kommenden Morgen rechtzeitig beim Blumenmarkt anzutreten.

Der neue Tag brachte triefenden Nebel. Die dampfenden, feuchten Schwaden warfen sich rücksichtslos allem entgegen, das sich ihnen in den Weg stellte. Hart bedrängten sie vor allem die zuckenden Lichter auf der Straße. Das rote, drohende Licht der Signallaternen an den Eisenbahnschienen ward furchtsam und duckte sich, erschrocken zusammenscheuernd. Wie eine zuckende, nach Atem ringende Kette von Leuchtkörpern verschwammen die Laternenreihen und schienen in dem dunklen Einfahrtstor des Hauptbahnhofes unterzugehen, zu verlöschen.
Es ist kurz nach sechs Uhr. Leute der Arbeit oder Reisende sind alleinige Beherrscher der Straßen. Nun fängt der Nebel an, sich in schüttenden Regen zu wandeln. Die Blumen unten auf dem neuen Markt ficht er wenig an. Sie scheinen nur erfreut sich aufzurecken, als genössen sie vergnügt die kühle Morgensuppe. Gleich am Anfang des Marktbereichs lagern ernste, dunkelgrüne Tannenkränze, Vorboten des kommenden Totenmonats. Astern, von der alten, schlichten Stammmutter angefangen, bis zu den großen veredelten Sorten, gibt es in großer Fülle. Stechendes Gelb, Rostrot und sattes Braun führen sie im Wappen. Lila in allen Farbenwandlungen, vom blassen bis zum dunkelsten Ton, düstert aus den gefüllten Körben.
Winzige Sternblumen schütten im scharfen Luftzug entsetzt die Köpflein, wie verzärtelte Prinzessinnen, aus dem Märchenland. Dahlien beanspruchen ihren Platz, und die dickköpfigen Levkojen und breiten Georginen sehen aus, als seien sie unmittelbar aus Großmutters verwildertem Gärtlein herüber gekommen in die fremde Welt. Heidekraut, in Töpfe gezwängt, träumt von vergangenen freien Tagen.
In herber Abwehr recken Stechpalmen ihre Blätterarme von sich; wie blutige Tränen, die sie weinten, als man sie brach, leuchten roten Beeren aus ihrem düstergrünen Kleid.
Und mit raffenden Armen kommen die Straßenhändler, um sich ihren Tagesbedarf an Blumen zu holen.
Und auch diese wissen nicht, wie die Menschen, was ihnen Tag und Abend ihres Lebens bringen wird, und wo das letztet Welken über sie kommt.

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12978)  

Dienstag, 17. März 2015

Weitere Entdeckungen


Seit dem letzten Blogbeitrag trieb mich die ganze Zeit der Gedanke um, das ich vielleicht doch nochmal in die im Hamburger Staatsarchiv befindlichen Sterbebücher schauen sollte. Vielleicht würde ich dort ja doch einen genaueren Hinweis auf den Todestag von Elinor finden.
Heute Nachmittag sah ich also auf dem Heimweg in Wandsbek beim Archiv vorbei. Für die Jahre 1941 bis 1945 sind die Sterbebücher zusammengefasst. Einzelne Jahresausgaben würden wohl den Rahmen sprengen. Zuviele sind in diesen Jahren gestorben. Und dann fand ich den gesuchten Eintrag. Am 19. Juli 1945 verstarb in Hamburg eine  

Eleonora Maria Anna Eva Antoinette Hedwig von Monsterberg.

Demnach ist die Dichterin nicht in den Bombennächten der Operation Gomorrah umgekommen. 




Heute rief mich auch die Buchhandlung am Rathaus an, um mir mitzuteilen, das sie mir das letzte Exemplar des Buches "Auf den Spuren aussergewöhnlicher Frauen" von Dr. Traute Hoffmann über die Hamburger Zonta Gründerinnen direkt vom Verlag besorgen können. Bin gespannt was mich da noch an interessanten Einblicken erwartet.

Bei iTunes bekommt man übrigens dieses Kleinod aus der Reihe Jugendlieder von Alban Berg. Der Text stammt von Elinor aus dem Jahr 1902.




Montag, 16. März 2015

Im Trinkerinnen-Asyl


05. Februar 1911, Hamburgischer Correspondent


Wer immer – wo und wie es auch sei – mit weit offenen Sinnen beobachten oder mit fressendem Herzeleid erfahren musste, wie furchtbar die Leib und Seele zerrüttenden Verwüstungen sind, die unmäßiger Genuss sogenannter geistiger Getränke bei den Menschen hervorruft, die ihnen verfallen, der hat nur eine Frage auf dem Herzen: Wo ist die Rettung und wo ist Hilfe?
Trostlos erscheint alles, was mit diesen zukunftslosen Menschen in Zusammenhang steht; inhaltsleer ihr eigenes Dasein; herb und bitter die Seelenqualen, die sie peinigen, und der schmerzliche Druck der Erkenntnis ihrer eigenen Energielosigkeit dem Taumelgift des Alkohols gegenüber. Von Tag zu Tag beschwert sie mehr die körperliche Schlaffheit, aufgeschwemmte Verdunsenheit verzerrt die Züge, heimlich beschleicht Krankheit all ihre Wege, bis deren fieberheiße Hand die Armen packt und nicht mehr lassen will. Fressende Untätigkeit – der Menschheit furchtbarste Pest – tritt dem Alkoholkranken zur Seite, Unlust und Rohheit hängen sich an ihn, und alles freie, werkfrohe Leben wandelt sich ihm zu leerem, blöden Hindämmern. Alle Schrecken der entfesselten Bestie stürzen vor dem einen dieser Gebundenen her, während andere in stumpfer Willenlosigkeit dahinleben, unfähig zu jeder Tat, oder zu kurzem, flackerndem Tun ihrer giftgelähmten Körper aufgeißeln mit immer schärferen Gaben des ersehnten Alkohols. 

Ausweg

Gleichgültige Gedankenlosigkeit hat für diese Ärmsten der Armen nur dreierlei bereit: den landesüblichen und so bequemen sittlichen Abscheu, lachenden Spott und beißenden Hohn. Die Allgemeinheit ist sich noch nicht darüber klar geworden, dass sie hier Kranke vor sich hat, die eine böse Seuche beschlichen und die barmherziger Hilfe, liebevoller, leitender Führung hinauf zu den sonnenhellen, lichten Wegen der Genesung so unsagbar dringend bedürfen. Wohl nirgends ist verdammendes Aburteilen, verachtungsschweres Abwenden von schwach Gewordenen, vom Alkohol Belasteten unangebrachter und verwerflicher wie gerade bei diesen leicht verstockten oder verschüchterten Kranken, die selbst in freien Stunden am besten und qualvollsten fühlen, was sie gewesen, wo sie hin gelangten! Nicht immer ist die Trunkseuche erblicher Fluch, nicht nur lebenstoller Leichtsinn lässt die nur zu bald zitternde Hand nach dem vollen Becher tasten, allzu oft sind es herbe Not, bittere Entbehrung, unerträglich scheinende Untreue eines Menschen, auf dessen Liebe vertraut wurde, die viele jener unseligen hineinschleudern auf die Bahn des Elends, die sie lehren in Trotz und übelgezogener Schlussfolgerung den Teufelspakt mit den Geistern des Alkohols zu unterschreiben, mit ihres Blutes geheimnisdunklen Kräften.

Es gibt eine Internationale, die in allen Ländern gröhlend angestimmt wird, wo immer Menschen der Kultur und Unkultur hausen, einen Sozialisten, der unerbittliche Gefolgschaft heischt und dessen Anhängerschaft in allen Staatswesen eine verderblich große, wild anwachsende ist. Einen Sozialisten, den schlimmen Gleichmacher, gegen dessen alles Gemeinwesen zerfressende dämonische Macht die Staatserhaltenden und Gesinnungsstarken unter den Menschen einen zähen, einen unermüdlichen Kampf zu kämpfen verpflichtet sind um ihrer heiligsten Güter willen, um die Gesundheit und lebenskräftige Zukunftsstärke des Volkes: dieser Feind, der am Mark unzähliger zerrt, ist der ungezügelt genossene Alkohol. Wer einmal in die abgründige Not hinabschauen gemusst, die ihre schwarzen Fittiche verdunkelnd und atemraubend über die Lebenshütten zahlloser Familien, langer Reihenfolgen einsamer Einzelner schattenschwer ausbreitet, den würgt nicht allein des Mitleidens wehe Gewalt, der fühlt nur eins mit bewussten Sinnen: heilende Hilfe muss gegeben und bereitet werden. Und fast erstickend packt ihn die Gewissheit, dass trotz so vieler, so werksfroher Mitleidstaten diese alle doch nur wirken wie der dünne, löschberiete, aber gegen das wabernde Feuermeer so schwache und machtlose Wasserstrahl.

In segensreicher unbeirrter Arbeit wirkt im deutschen Vaterland der Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke. Hamburg, das auch auf den Gebieten werktätiger Nächstenliebe im deutschen Reichsverband einen ersten Platz einnimmt, die Stadt, in der nicht nur rastlos gearbeitet wird, um Geld zu machen, sondern die es auch versteht, das sauer Erworbene dem Allgemeinwohl in großzügiger und wohl durchdachter Weise hinzugeben. In Hamburg bestehen zwei Trinkerfürsorgestellen, die dem Kuratorium für Trinkerfürsorgestellen unterstehen: Vom sittlich hohen Gesichtspunkt des Guttemplerordens geleitet die Trinker-fürsorgestelle 2, die im Rathaus ihren Sitz hat, und die seit dem 16. August 1909 bestehende Trinkerfürsorgestelle 1, die vom Staat im Gebäude der Invaliditäts-versicherung, Ringstraße 15, das Zimmer 71 zur Verfügung gestellt erhielt, wo ihr Leiter Montag und Donnerstag allwöchentlich von 16 Uhr bis 17:30 Uhr eine hamburgische Auskunftstelle für Trinkerfürsorge offen hält und den Ratsuchenden aller Stände werktätige Hilfe bereitgehalten wird. Die Trinkerfürsorgestelle 1 wird unterhalten vom Deutschen Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke, dem Blauen Kreuz und dem Verein für Innere Mission. Der positive evangelische Glaubensstandpunkt, auf dem auch die Mitglieder des Blauen Kreuzes stehen, wirft ein bezeichnend klares Licht auf die Wege der Hilfe und Rettung, die dort ebenfalls in seelischer Beziehung den belasteten Kranken gegenüber eingeschlagen werden.

Ein selten schöner, frostklarer Tag verging für Hamburg; der Wind wehte frisch auf und schien auch der sonst so blassen Wintersonne die Backen rot angehaucht zu haben, denn sie schickte sich an, dunkel erglüht und verschämt ins abendliche Wolkenbett zusteigen. Der Frost hatte alle Feuchtigkeit auf den Straßen erstarren gemacht, und die Autos, die in sausender Fahrt die breite Ringstraße herunter rasten, atmeten nicht nur den üblichen Benzindunst aus, - sondern wirbelten den trocknen Staub zu einer gelblichen Wolke hinter sich auf, - dass man ihn widerwillig auf den Lippen verkosten musste. Überall aber auf den Straßen der hastige, zielbewusste Schritt gesunder Arbeit.
Es war auch die Auskunftszeit der Trinkerfürsorgestelle 1, und lehrreiches Erleben wurde mir in dem schlichten., hellen Arbeitsraum, der so viel Qual, Not und Kummer stumm anhört und in verschwiegene Verwahrung nimmt, Abgearbeitete, vom Leben und der Erfahrung des Alltags müde gehetzte Frauen klopften, eine nach der anderen, bei dem Zimmer der Fürsorge an, um Rat zu suchen, schützende Hilfe zu erbitten. Mit rasch auf das eigentliche Ziel zugehender Art, getragen von warmer Menschenliebe, die sehr wohl herausgefühlt wird, verstand es der Leiter der Trinkerfürsorgestelle 1, Herr Amtsrichter Dr. Rümker, den armen Frauen das abzufragen, was ihrer Seelen Not bedeutete. Mit seinem Verständnis und klar abwägendem Verstand ward hier eine rasche Brücke geschlagen, die bald mit scheuem Mut und schüchternem Vertrauen betreten wurde. Niederdrückend der Jammer, der sich da enthüllte. Ergebene Ruhe aber über all diese Frauen – klagebar ihre Worte, nur schlichte – erbarmungswürdig harte Tatsachen nannten sie in einförmigen Ton. Dann ein Verharren in vertrauendem Schweigen, voll Erwartung, dass ihnen Hilfe kommen müsse von da her, wohin sie gekommen waren. Und sie wird ihnen, soweit menschliches Können reicht. Ihre Männer, geschüttelt von den Gewalten des unmäßig genossenen Alkohols, verlieren das Brot, vertrinken das schwer erworbene Geld der Frauen. Hier vertut im Trunk in kurzen Jahren ein sonst tüchtiger Arbeiter seine Werkstatt. Die Frau sitzt mit einer starken, an Kopfzahl starken Kinderschar da, unter denen die Schwindsucht haust. Dort verleitet der alles Gute erstickende, das Bewusstsein verschleiernde Alkohol einen braven Mann und Vater zu schwerer Körperverletzung. Die einsetzende Reue bei eingetretener Nüchternheit führt zur jachen Verzweiflung - und die Folgeerscheinung ist - weitere Trunkenheit.

Die Mitarbeiter am Werk des Dr. Rümker, die Brüder H. und F. Zeising, besuchen die Trunkkranken, helfen ihnen, durch Beitritt in einen Abstinenz Verein, wieder auf die Füße zu kommen. Pastor Lüder sorgt für frisches Wiederaufrichten, und in unermüdlicher Fürsorge am Werk der Helfenden ist Frau von Nettelbladt. Die Trinkerfürsorgestelle 1 verschafft außerdem den so schwer Belasteten Arbeit, segensreiche, durch Beihilfe des Arbeitsnachweises der Patriotischen Gesellschaft. Die notwendige Hebung der einzelnen Persönlichkeit aber, ihre Erziehung zur leben bringenden Enthaltsamkeit, ist eine Doppelaufgabe, die zur körperlichen und seelischen Heilung der Schäden am Organismus, und durch diese am Geist, gelöst werden muss. Zu diesem Zweck ist eine längere Unterbringung des Kranken in eine Heilanstalt – mindestens auf ein Jahr – dringend geboten. Und zwar in eine Heilanstalt, in der die Persönlichkeit als solche behandelt und begriffen wird, die also nicht allzu groß an Patienten ist, und deren Lebensordnung möglichst wenig von der Lebensweise der Familie abweicht. Dies dringend gebotene Heilmittel versucht die Trinkerfürsorgestelle, wo immer sie kann, anzuwenden.
Nur mangelt auch hier vor allem anderen der nervus rerum – das Geld. Vierhundert Mark Jahrespension für einen Kranken 3. Klasse wollen aufgebracht werden. Die Trinkerfürsorgestelle 1, der zur Ordnung des gewaltig anschwellenden Aktenmaterials ein Beamter der Invalidität zur Verfügung gestellt wurde, hat seit ihrem Bestehen 463 einschlägige Fälle, vom Arbeiter bis in die höheren Stände erlebt, und die Genugtuung, vielfach zur bleibenden Rettung verholfen zu haben.

Niederdrückend wirkt das verheerende, alkoholische Gift in seinen Folgen beim Mann, dem natürlichen, sogenannten Ernährer der Familie, der unter dem Druck dieser Erkrankung aber nur zu ihrem Verzehrer wird. Unendlich schmerzlich aber, geradezu vernichtend, bedrückt die Trunksucht jeden nur halbwegs Denkgewohnten bei derjenigen, die des Volkes Zukunft in ihrem Schoß schützend trägt, bei der Frau. Nirgends wohl ist das oft missbrauchte Wort: unnatürlich besser und bezeichnender am Platze wie hier. Und nirgends sonst spielen seelische Erlebnisse schwerer, eingreifender mit, wie bei einem armen Weibe, das sich, wie ein verirrter Vogel verzweifelt dem Alkohol in die Arme wirft. Auch hier heißt es: heraus aus den gewohnten Verhältnissen der durch Trunksucht Gebundenen, auch hier ist die Rettung allein, ihnen ein Asyl der Enthaltsamkeit zu bieten, sie durch Gewöhnung an eine geregelte Hausordnung, an eine gesunde Arbeitstätigkeit erstarken und genesen zu machen. Selbstredend immer im Verein mit der Entziehung des Alkoholgenusses. Nur wenig ist für die so erkrankten Frauen gesorgt. Eines der bestgeleiteten Heime dieser Art ist das Trinkerinnen-Asyl Siloah, von der St.Anschar-Gemeinde ehemals zu Schwartau bei Lübeck gegründet, nunmehr aber in der immer stolzer anwachsenden Anstaltskolonie auf der freien Anscharhöhe Hamburg-Eppendorf untergebracht, in einem stattlichen, schönen, sonnendurchfluteten Gebäude, dessen Baumittel hauptsächlich durch einen Bazar flüssig gemacht waren. Für wenig mehr als dreißig Pfleglinge bietet der Raum, ausgestattet mit allen zweckdienlichen Einrichtungen der Neuzeit, erwärmt von der nie versagenden Zentralheizung werktätiger Menschenliebe. Unter der Führung der Frau von Nettelbladt und der unermüdlich sorgenden Schwester Agnes, der Oberin der Anstalt, sahen wir diese freundliche Heim- und Schutzstätte vom Erdgeschoss bis zur Dachkammer. Überall Sonne, fröhliche Arbeit, inniges Zusammenwirken. Und in einem Zimmer – im weißlackierten Bettlein – ein Kind von wenig mehr als zehn Monaten, das man der Mutter zu Liebe mit aufnahm. Beredter als dieses Bild konnte keine noch so gewaltige Predigt wirken!

Das Haus bietet Pfleglingen der ersten, zweiten und dritten Klasse bequemen Raum, trennende gesellschaftliche Unterschiede verwischt christliche Liebe. Anregende, musikalische Unterhaltungen, ausgeführt von der rechten Hand der Schwester Agnes – Frau von Wense – versammeln die Anstaltsgenossinnen allsonntäglich, und erheben die Notbedrückten zu den reinen Sphären der Kunst. Allen aber hilft, außer der geübten und erlebten Enthaltsamkeit vom Alkohol, tüchtige Arbeit den Weg zur Genesung zu finden.
Als wir Abschied nahmen, da kam ein schüchternes Wünschen der Schwester Agnes zum Ausdruck, die auch für das leibliche Wohl ihrer großen Kinder besorgt ist: ach, wenn sich doch einer erbarmte, und uns Geld schenken wollte, dass wir bald einen richtige, festen, warmen Hühnerstall bauen könnten! Eier sind so teuer, und wir brauchen so viel! Vielleicht hat ein verfrühter Osterhase ein Einsehen mit den Wünschen der Siloahschwester.
Sonne, flutende Sonne drang wärmend, leben weckend überall in die lichten Räume des friedvollen Frauenheims, schlichte Nächstenliebe aber hütet und bewahrt jene, deren Weg wieder werktätiges Leben sein soll und wird.

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971)  

Sonntag, 15. März 2015

Elinor wohnte in Hamburg


Wie schon in dem Beitrag über einige biographische Hintergründe erwähnt wurde, bekam Elinor von Monsterberg, bedingt durch die unterschiedlichen Dienstorte des Vaters, Einblicke in die unterschiedlichsten Regionen des Landes. So wird z.B. ein Regimentskommandeur von Monsterberg im Zusammenhang mit dem in Stuttgart ansässigen Infanterie Regiment Kaiser Friedrich von Preussen Nr. 125 in der Zeit zwischen 1899 bis 1901 erwähnt. Auch wird ein Otto von Monsterberg dem Infanterie Regiment von Lützow Nr. 25 als zugehörig erwähnt. Und zu guter Letzt findet sich 1868 ein in Breslau, Elinors Geburtsort, wohnhafter Leutnant von Monsterberg a. D.
Die Familie von Monsterberg gehört zum schlesischen Uradel. Die Namensherkunft bezieht sich auf die zwischen Breslau und Glatz gelegene gleichnamige Stadt Monsterberg. Der Namenszusatz Münckenau bezieht sich auf deren ältestes Stammhaus Münkenau, welches im Olauisch-Briegischen liegt.
Die Quelle des Beitrages vom 03. Januar 2015 besagt, das Elinor seit 1905 in Berlin-Charlottenburg lebte. Dennoch schrieb sie, was ich bislang überblicken kann, zumindest in der Zeit um 1910 schon für den Hamburgischen Correspondenten, und dürfte zeitweise auch schon in Hamburg wohnhaft gewesen sein.
Tatsächlich findet sich in den Online einsehbaren Telefonbucheinträgen des Hamburger Staatsarchives in der Zeit von 1916 bis 1943 ein Eintrag von Elinor von Monsterberg und Münkenau.

Telefonbucheintrag von 1916
Elinor zog in eine Wohnung im vierten Stockwerk eines Wohnhauses in der Uhlenhorster Richterstraße 15. 
In der 1863 nach dem Tischlermeister Gustav Reinhold Richter (1817 – 1908) benannten Straße, ließ der Architekt J. D. Fahrenkrug und Söhne in der Zeit um 1915 einen Neubau errichten, welcher über fünf Hausnummern lang war. Fahrenkrug wurde von 1916 bis 1918 als Eigentümer von Richterstraße 9 bis 17 genannt. 1919 firmierte der Gebäudekomplex unter dem Namen Richterburg, unter Verwaltung durch die Grundstücksgesellschaft Richterburg mbH. Ab 1934 wurden die Gebäudeteile der Nummern 15 und 17 aus dem Besitz der Richterburg mbH verkauft an M. A. Fronstey unter Verwaltung der Firma J. L. Völckers und Sohn.

Die Richterburg in der Richterstraße
Interessant ist der Blick in die Nachbarschaft von Elinor, der überwiegend von Kaufleuten und Akademikern geprägt ist. In den vierten Stock des Hauses Nr. 17 zieht 1919 die Schriftstellerin und Journalistin Frieda Radel ein. Die am 10. Mai 1869 in Altona geborene Frieda Anna Susanne Radel arbeitete unter anderem als Schriftleiterin beim Hamburger Fremdenblatt. 
Weiterführende Informationen über Frau Radel finden Sie unter anderem hier.

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, das Elinor und Frieda sich schon in der Zeit zwischen 1916 und 1919 kannten. Immerhin waren sie doch beide für hiesige Zeitungen tätig und vertraten auch in der Frage der Reformbewegung einen verbindenden Standpunkt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass beide zu den Gründungsmitgliedern des Hamburger Zonta Clubs zählen.
1934 bezog der Hamburger Schulsenator a. D. Emil Krause eine Wohnung im dritten Stockwerk der Richterstraße 17. Sicher haben Frieda, Elinor und Emil sich gut verstanden, war doch auch der ehemalige Schulsenator ein Freund der Reformpädagogik wie man hier weiterlesen kann. Dort wird auch die Bombardierung Hamburgs im Juli 1943 erwähnt, und das auch die Richterstraße 17 dabei ausgebombt wird.  Schaut man sich die Adressbücher kurze Zeit nach dem Krieg an, dann sieht man, das z.B. 1950 die Häuser 9 und 17 der Richterburg fehlen. Ein Opfer der Bombardierung. So wird es sicher auch die oberen Stockwerke des Hauses Nr. 15 getroffen haben, jenen Teil in dem Elinor von Monsterberg seit 27 Jahren lebte. Und wahrscheinlich auch starb.