Samstag, 4. April 2015

Marktwanderungen


Hamburg, 29. Oktober 1911
 

Es ist nicht immer gesagt, dass alles Neue auch bedingungslos gut sein muß. Im Gegensatz zum erprobten Alten verfügt es meist über alle Schattenseiten der unerfahrenen Jugend. Wenn diese aber nicht ganz und gar in der Anlage verpfuscht ist, kann man im Lauf der Zeiten auf Besserung hoffen.
Vorläufig scheint mir freilich, dass wir mit dem Aufgeben des Hopfenmarktes noch mehr verloren haben, als nur das schöne, wechselreiche Bild, geweiht durch die Jahrhunderte. Die tätig am Marktleben Beteiligten fanden statt der erhofften Bewegungsfreiheit beengende Einschränkung an den neu geschaffenen Stätten ihrer Tätigkeit. So muss es wenigstens dem unbefangenen Beobachter erscheinen, der zur Zeit des großen Marktes, am Freitag, den Bahnhofsplatz aufsucht.
Auf den Zufahrtsstraßen ein atemnehmendes Gedränge von Marktwagen. Kaum Luft scheint zwischen die einzelnen Gefährte kommen zu können, das Bild hat beängstigende Ähnlichkeit mit dem unvollkommenen Gewühl am Burstah, als der alte Hopfenmarkt noch der Kriegsschauplatz war. Mit dem Glockenschlag des Marktbeginns kommt übersichtliche Ordnung in die Wagenburg.
Kopf an Kopf, ausgerichtet wie bei einem gut klappenden Kavalleriemanöver, stehen die Gäule. Die meisten dösen, ergeben in ihr Schicksal, still vor sich hin, nur ab und an gibt ein aufmerksames Ohrenspiel Kenntnis davon, dass Leben, Daseinsverständnis in einem oder dem andern der Vierbeiner steckt. Fein säuberlich von dem edlen Vetter getrennt, hocken die Hunde unter ihren Karren. Frierend verfolgen sie mit flackernden Augen jeden Schritt ihres Herrn im Weiberrock oder in Männerhosen.

Man muss eine Weile in der Nähe des spurlos dahingegangenen Klosterbahnhofs stehen bleiben, um den rechten Überblick über das Geschiebe und Getriebe des neuen Hauptmarktes zu bekommen. Den Freund althamburgischen Wesens überkommt dann zuerst ein wehmütiges Bedauern ob dem, was der eherne Schritt der Zeit niedertreten musste an jahrhundertealter Schönheit eines Bildes, das unter dem Schutz und Schatten der Nikolaikirche so lange die bunten Reize mannigfaltigen Lebens entfaltet hatte und voll Kraft und derber Natürlichkeit steckte, wie Gemälde altniederländischer Meister der Farbe.
Allzu herbe und wahrhaftig nicht immer sehr glücklich fährt hier die neue Zeit hastig zwischen das Gewühl der handelnden und kaufenden Menschheit. Fährt, im eigentlichen Sinn des Wortes aufzufassen. Denn von der höher liegenden Straße aus sieht man mit erschreckender Deutlichkeit, wie sich der blitzende Schienenring der elektrischen Bahnen rings um den Markt erdrückend eng legt, wie sich ihre Wagen unter unausgesetztem Läuten mitten durch die drängenden Menschen und harrenden Fuhrwerke der Gemüsehändler mühsam durchquälen müssen.
Oberhalb des Markttreibens aber, auf den fest gefügten Mauern der Eisenbahn-Überbrückung, da lebt und schafft das, was in Wahrheit großzügig ist an der Neuzeit. Signalarme schnellen auf und ab, aus dem weit aufgerissenen Schlund der Hauptbahnhofshalle flüchten die Züge in unausgesetzter Folge, oder gleiten hinein, als ob sie sich bedingungslos einer dunklen Schicksalsmacht anheim geben müssten. Gelles Pfeifen schneidet die Luft, wie Arme, die erschrocken hoch fahren. Ein stampfen, ein dröhnendes Vorwärts hasten klirrt über die Eisenschienen und schüttert mit rollendem, dumpfem Laut auf den Straßenüberführungen. Der Verkehr, der die Welten verbindet, wettert vorüber.
Und unsichtbar über die Brüstung der Eisenbahnbrücke gelehnt, sieht die neue Zeit auf das Getriebe des Marktes, eingehüllt in die Schwingungen des Lärms, ohne die Sie nicht denkbar ist. 

Deichtorhallenkunst

Es ist anders wie am Hopfenmarkt, wo aus der hohen Luke des Nikolaiturms die Vergangenheit nieder schaute, ungetan mit jenem eindringlichem Schweigen, das die Jahrhunderte mit sich führen.
Zeit wird es, dass ich mich auch mitten hinein in das Marktleben stürze. Allzu lange stand ich auf einer Stelle. Ein Schutzmann wurde schon auf mich aufmerksam und schätzt mich mit musternden Blicken ein. Schutzmannsblicke vermögen es, bei dem unschuldigsten Unterton urplötzlich ein schlechtes Gewissen aufkeimen zu lassen. Und das ist eine zwecklose Nebenbeschäftigung.
Die Buntheit auf dem Markt ist reich in ihren Farben wie der Herbst selbst. Eintönig sind allein die Kleider der Menschen. Verschwunden, eingestampft von der nüchternen Allgemeinheit scheinen die Trachten der Vierländerinnen, nichts sieht man noch von der Eigentümlichkeit der Bardowieker, kein Altenländer Kopfschmuck drückt wie einst das glatte Scheitelhaar der einzelnen Frauen. Es ist ein Jammer, diese verhängnisvolle Wirkung neuer Tage!
Mit den ausgeprägten Merkmalen ihres Daseins versehen, drängen sich Hafenlöwen mit schwimmenden Schnapsäuglein im Wiegeschritt zwischen den Ständen hindurch. Bereit, für wenig Entgelt volle Körbe an die wartenden Wagen zu schleppen, um dann so rasch wie möglich die erworbene Scheidemünze in Feuerwasser aufzulösen.
Marktbeamte wandern von Stand zu Stand, um das Marktgeld einzufordern, das je nach Größe des einzelnen Raumes von 60 Pfennig bis zu 1,20 Mark schwankt. Alles spielt sich mit kameradschaftlicher Gemütlichkeit ab.

Auf einem Kürbis von Achtung gebietender Ausdehnung hockt ein feistes Bäuerlein und wickelt mit stoischer Ruhe von diesem harten, gelben Thronsessel aus seine Kaufgeschäfte ab. Er sitzt fester als der kleine Kaiser von China und weiß nichts von revolutionären Unterströmungen. Langsam bummle ich von Stand zu Stand, um ab und an ungewollt rasch vorwärts zu schieben, wenn einer der Träger mit wohlgezielten Stößen mir seine leeren Körbe in die Kniekehlen rennt, was sehr oft der Fall ist.
Die Oktobertage stehen im Marktleben unbedingt im Zeichen der Kohlsorten. Wohin man sieht, flegeln sich die dicken, runden Kohlköpfe herum, und es ist erstaunlich, was für eine Fülle von Farbe auf ihren festen, feisten Kugelgesichtern liegt. Bläulichrot, wie das Gesicht eines Mannes, dem der ständige Aufenthalt in Wetter und Wind unzählige kleine Blutgefäße zum Springen brachte, so guckt der Rundschädel des Blaukohls aus den dicht geflochtenen Marktkörben heraus und schielt neugierig über den Rand nach seiner wohlgenährten Freundin Weißkohl, die ein lichtgrünes Überkleid auf gelbweißen Grund angetan hat. Unweit von ihrem Platz hat sich sein gefährlichster Nebenbuhler aufgestellt. Aus sattem Dunkelgrün ist der feste Rock, mit verführerisch gekräuseltem Hauptschmuck und seiner fremdländischen Abstammung steckt er für die Damenwelt voll besonderer Reize, es ist der Savoyerkohl, der dort seiner Stunde wartet.
Ängstlich besorgt schlingen sich mütterliche Blätterarme schützend um die jungen, unschuldig weißen Köpfe des Blumenkohls. Mit bissigen Gesichtern und verkümmert dünnen Leibern, wie böse, alte Weiber, hockt der Lauch da. Die kleinen dünnen Wurzelfasern starren von den Köpfen wie ausgemergelte kleine Straußenfedern auf einem vorsintflutlichen Kapotthut. Dazwischen, in wohltuender Gemütlichkeit, Zwiebeln aller Sorten und Größen, Bauersfrauen, angetan mit sechs farbigen Unterröcken und einem rotbraunen Warprock darüber.
Unweit davon ganze Wagenladungen Steckrüben. Mit ihrer gelben Haut und dem abgeschnittenen Kohlstrunk sehen sie aus wie Chinesenköpfe, die durch die Mandschutöter ihre Zöpfe verloren haben.

Auf der anderen Seite des Marktes leuchtet es da und dort auf, wie blaßrote Blutstropfen. Es sind Körbe voll Hagebutten, ganze Kisten von Preiselbeeren und dann wieder, dicht aneinander gedrückt, Radieschen mit gesunden, roten Pausbacken. Rettiche in weißem und schwarzem Mönchshabit stehen ernsthaft dazwischen. Gelbrot, in bauschigem Umfang, leuchtet das Röcklein der hübschen Bauernmädel, der Mohrrüben, auf. Englische Gurken und Kopfsalat füllen Kisten und Körbe. Die knirschenden Blätter des Winterspinats sind in heller Menge vorhanden, ebenso die düstere Schwarzwurzel und die gewichtige Dame Sellerie. Auf dem Fruchtmarkt duften späte Himbeeren, dunkelblaue Pflaumen, Birnen in allen Farben, vom blassen Gelb bis zum leichten Rot, füllen die Obsttonnen. Äpfel übertrumpfen ihre Färbung mit ihren runden, knallroten Backen. Italienischer Wein, mit seiner glasharten, grünlichen Beere, liegt friedlich neben der deutschen Traube.
Wie vertrocknete alte Jungfern, die sich tief im Innern überraschende Süße vergangener Sonnentage bewahrt haben, liegen verhutzelte Feigen. Herbe Granatäpfel mit ihrem kernreichen Gehäuse Drängen sich dicht neben gelbrote, stark duftende Quitten. Stechend Gelb, als hätte der Neid sie gefärbt, hocken die Zitronen zusammen, in flammendem, glasigen Rot fiebriger Erwartung die Tomaten. Bis zum Rand gefüllt stehen Körbe mit frischen Walnüssen, die für den harten Kampf mit den Wettern des Lebens ein festes, rotbraunes Panzerhemd angelegt haben. Hier und da in schlichtem Braun, die weiche, köstliche Mispelfrucht, die nur den Kenner lockt. Volle Bananenäste, ganze Ladungen Ananas ziehen die Käufer stark an. Mitten aus dem Markt heraus ragt das Baugerippe der werdenden Erdbeerhalle, das Eisengestänge rot Überlaufen von der schützenden ersten Farbe.
In ihrer Nähe liegen die Durchgangswege, die hinab zu den groß angelegten Marktkellern führen. Weiße Fliesen auf den Fußsteigen, helle Glasursteine an den Wänden. Eisige Grabesluft haucht dort unter der Erde eine Kälte aus, die bis ins Mark fühlbar ist. Man glaubt sich unmittelbar in die unterirdischen Grabgänge Roms versetzt, beim ersten Schritt hinab. Wie versunkene Straßen mutet das Ganze an. Und Namen führen auch die einzelnen Wege.
Durch den Vierländergang wandte ich mich. In kurzen Abständen düstersten kleine elektrische Glühbirnen. Rechts und links zieht sich hohes festes Drahtgeflecht, dahinter unter sicherem Verschluss die Keller der einzelnen Marktleute. Stapel von Körben türmen sich auf. Dumpf und hart schallt das vereinzelte Schreiten von Menschen. Der Oberwelt wandte ich mich wieder zu und trat an den nahen Wasserarm, wo die Vierländer und Altenländer Kähne, dicht aneinander geschoben, festgemacht hatten. Eben werden die leeren Körbe verstaut, die alle verschiedene Zeichen ihrer Eigentümer in bunten Farben tragen. Es ist später Nachmittag geworden, das Marktgewühl beginnt sich zu lichten. Und auch ich zwänge mich durch, den häuslichen Penaten zu, um am kommenden Morgen rechtzeitig beim Blumenmarkt anzutreten.

Der neue Tag brachte triefenden Nebel. Die dampfenden, feuchten Schwaden warfen sich rücksichtslos allem entgegen, das sich ihnen in den Weg stellte. Hart bedrängten sie vor allem die zuckenden Lichter auf der Straße. Das rote, drohende Licht der Signallaternen an den Eisenbahnschienen ward furchtsam und duckte sich, erschrocken zusammenscheuernd. Wie eine zuckende, nach Atem ringende Kette von Leuchtkörpern verschwammen die Laternenreihen und schienen in dem dunklen Einfahrtstor des Hauptbahnhofes unterzugehen, zu verlöschen.
Es ist kurz nach sechs Uhr. Leute der Arbeit oder Reisende sind alleinige Beherrscher der Straßen. Nun fängt der Nebel an, sich in schüttenden Regen zu wandeln. Die Blumen unten auf dem neuen Markt ficht er wenig an. Sie scheinen nur erfreut sich aufzurecken, als genössen sie vergnügt die kühle Morgensuppe. Gleich am Anfang des Marktbereichs lagern ernste, dunkelgrüne Tannenkränze, Vorboten des kommenden Totenmonats. Astern, von der alten, schlichten Stammmutter angefangen, bis zu den großen veredelten Sorten, gibt es in großer Fülle. Stechendes Gelb, Rostrot und sattes Braun führen sie im Wappen. Lila in allen Farbenwandlungen, vom blassen bis zum dunkelsten Ton, düstert aus den gefüllten Körben.
Winzige Sternblumen schütten im scharfen Luftzug entsetzt die Köpflein, wie verzärtelte Prinzessinnen, aus dem Märchenland. Dahlien beanspruchen ihren Platz, und die dickköpfigen Levkojen und breiten Georginen sehen aus, als seien sie unmittelbar aus Großmutters verwildertem Gärtlein herüber gekommen in die fremde Welt. Heidekraut, in Töpfe gezwängt, träumt von vergangenen freien Tagen.
In herber Abwehr recken Stechpalmen ihre Blätterarme von sich; wie blutige Tränen, die sie weinten, als man sie brach, leuchten roten Beeren aus ihrem düstergrünen Kleid.
Und mit raffenden Armen kommen die Straßenhändler, um sich ihren Tagesbedarf an Blumen zu holen.
Und auch diese wissen nicht, wie die Menschen, was ihnen Tag und Abend ihres Lebens bringen wird, und wo das letztet Welken über sie kommt.

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12978)  

Dienstag, 17. März 2015

Weitere Entdeckungen


Seit dem letzten Blogbeitrag trieb mich die ganze Zeit der Gedanke um, das ich vielleicht doch nochmal in die im Hamburger Staatsarchiv befindlichen Sterbebücher schauen sollte. Vielleicht würde ich dort ja doch einen genaueren Hinweis auf den Todestag von Elinor finden.
Heute Nachmittag sah ich also auf dem Heimweg in Wandsbek beim Archiv vorbei. Für die Jahre 1941 bis 1945 sind die Sterbebücher zusammengefasst. Einzelne Jahresausgaben würden wohl den Rahmen sprengen. Zuviele sind in diesen Jahren gestorben. Und dann fand ich den gesuchten Eintrag. Am 19. Juli 1945 verstarb in Hamburg eine  

Eleonora Maria Anna Eva Antoinette Hedwig von Monsterberg.

Demnach ist die Dichterin nicht in den Bombennächten der Operation Gomorrah umgekommen. 




Heute rief mich auch die Buchhandlung am Rathaus an, um mir mitzuteilen, das sie mir das letzte Exemplar des Buches "Auf den Spuren aussergewöhnlicher Frauen" von Dr. Traute Hoffmann über die Hamburger Zonta Gründerinnen direkt vom Verlag besorgen können. Bin gespannt was mich da noch an interessanten Einblicken erwartet.

Bei iTunes bekommt man übrigens dieses Kleinod aus der Reihe Jugendlieder von Alban Berg. Der Text stammt von Elinor aus dem Jahr 1902.




Montag, 16. März 2015

Im Trinkerinnen-Asyl


05. Februar 1911, Hamburgischer Correspondent


Wer immer – wo und wie es auch sei – mit weit offenen Sinnen beobachten oder mit fressendem Herzeleid erfahren musste, wie furchtbar die Leib und Seele zerrüttenden Verwüstungen sind, die unmäßiger Genuss sogenannter geistiger Getränke bei den Menschen hervorruft, die ihnen verfallen, der hat nur eine Frage auf dem Herzen: Wo ist die Rettung und wo ist Hilfe?
Trostlos erscheint alles, was mit diesen zukunftslosen Menschen in Zusammenhang steht; inhaltsleer ihr eigenes Dasein; herb und bitter die Seelenqualen, die sie peinigen, und der schmerzliche Druck der Erkenntnis ihrer eigenen Energielosigkeit dem Taumelgift des Alkohols gegenüber. Von Tag zu Tag beschwert sie mehr die körperliche Schlaffheit, aufgeschwemmte Verdunsenheit verzerrt die Züge, heimlich beschleicht Krankheit all ihre Wege, bis deren fieberheiße Hand die Armen packt und nicht mehr lassen will. Fressende Untätigkeit – der Menschheit furchtbarste Pest – tritt dem Alkoholkranken zur Seite, Unlust und Rohheit hängen sich an ihn, und alles freie, werkfrohe Leben wandelt sich ihm zu leerem, blöden Hindämmern. Alle Schrecken der entfesselten Bestie stürzen vor dem einen dieser Gebundenen her, während andere in stumpfer Willenlosigkeit dahinleben, unfähig zu jeder Tat, oder zu kurzem, flackerndem Tun ihrer giftgelähmten Körper aufgeißeln mit immer schärferen Gaben des ersehnten Alkohols. 

Ausweg

Gleichgültige Gedankenlosigkeit hat für diese Ärmsten der Armen nur dreierlei bereit: den landesüblichen und so bequemen sittlichen Abscheu, lachenden Spott und beißenden Hohn. Die Allgemeinheit ist sich noch nicht darüber klar geworden, dass sie hier Kranke vor sich hat, die eine böse Seuche beschlichen und die barmherziger Hilfe, liebevoller, leitender Führung hinauf zu den sonnenhellen, lichten Wegen der Genesung so unsagbar dringend bedürfen. Wohl nirgends ist verdammendes Aburteilen, verachtungsschweres Abwenden von schwach Gewordenen, vom Alkohol Belasteten unangebrachter und verwerflicher wie gerade bei diesen leicht verstockten oder verschüchterten Kranken, die selbst in freien Stunden am besten und qualvollsten fühlen, was sie gewesen, wo sie hin gelangten! Nicht immer ist die Trunkseuche erblicher Fluch, nicht nur lebenstoller Leichtsinn lässt die nur zu bald zitternde Hand nach dem vollen Becher tasten, allzu oft sind es herbe Not, bittere Entbehrung, unerträglich scheinende Untreue eines Menschen, auf dessen Liebe vertraut wurde, die viele jener unseligen hineinschleudern auf die Bahn des Elends, die sie lehren in Trotz und übelgezogener Schlussfolgerung den Teufelspakt mit den Geistern des Alkohols zu unterschreiben, mit ihres Blutes geheimnisdunklen Kräften.

Es gibt eine Internationale, die in allen Ländern gröhlend angestimmt wird, wo immer Menschen der Kultur und Unkultur hausen, einen Sozialisten, der unerbittliche Gefolgschaft heischt und dessen Anhängerschaft in allen Staatswesen eine verderblich große, wild anwachsende ist. Einen Sozialisten, den schlimmen Gleichmacher, gegen dessen alles Gemeinwesen zerfressende dämonische Macht die Staatserhaltenden und Gesinnungsstarken unter den Menschen einen zähen, einen unermüdlichen Kampf zu kämpfen verpflichtet sind um ihrer heiligsten Güter willen, um die Gesundheit und lebenskräftige Zukunftsstärke des Volkes: dieser Feind, der am Mark unzähliger zerrt, ist der ungezügelt genossene Alkohol. Wer einmal in die abgründige Not hinabschauen gemusst, die ihre schwarzen Fittiche verdunkelnd und atemraubend über die Lebenshütten zahlloser Familien, langer Reihenfolgen einsamer Einzelner schattenschwer ausbreitet, den würgt nicht allein des Mitleidens wehe Gewalt, der fühlt nur eins mit bewussten Sinnen: heilende Hilfe muss gegeben und bereitet werden. Und fast erstickend packt ihn die Gewissheit, dass trotz so vieler, so werksfroher Mitleidstaten diese alle doch nur wirken wie der dünne, löschberiete, aber gegen das wabernde Feuermeer so schwache und machtlose Wasserstrahl.

In segensreicher unbeirrter Arbeit wirkt im deutschen Vaterland der Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke. Hamburg, das auch auf den Gebieten werktätiger Nächstenliebe im deutschen Reichsverband einen ersten Platz einnimmt, die Stadt, in der nicht nur rastlos gearbeitet wird, um Geld zu machen, sondern die es auch versteht, das sauer Erworbene dem Allgemeinwohl in großzügiger und wohl durchdachter Weise hinzugeben. In Hamburg bestehen zwei Trinkerfürsorgestellen, die dem Kuratorium für Trinkerfürsorgestellen unterstehen: Vom sittlich hohen Gesichtspunkt des Guttemplerordens geleitet die Trinker-fürsorgestelle 2, die im Rathaus ihren Sitz hat, und die seit dem 16. August 1909 bestehende Trinkerfürsorgestelle 1, die vom Staat im Gebäude der Invaliditäts-versicherung, Ringstraße 15, das Zimmer 71 zur Verfügung gestellt erhielt, wo ihr Leiter Montag und Donnerstag allwöchentlich von 16 Uhr bis 17:30 Uhr eine hamburgische Auskunftstelle für Trinkerfürsorge offen hält und den Ratsuchenden aller Stände werktätige Hilfe bereitgehalten wird. Die Trinkerfürsorgestelle 1 wird unterhalten vom Deutschen Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke, dem Blauen Kreuz und dem Verein für Innere Mission. Der positive evangelische Glaubensstandpunkt, auf dem auch die Mitglieder des Blauen Kreuzes stehen, wirft ein bezeichnend klares Licht auf die Wege der Hilfe und Rettung, die dort ebenfalls in seelischer Beziehung den belasteten Kranken gegenüber eingeschlagen werden.

Ein selten schöner, frostklarer Tag verging für Hamburg; der Wind wehte frisch auf und schien auch der sonst so blassen Wintersonne die Backen rot angehaucht zu haben, denn sie schickte sich an, dunkel erglüht und verschämt ins abendliche Wolkenbett zusteigen. Der Frost hatte alle Feuchtigkeit auf den Straßen erstarren gemacht, und die Autos, die in sausender Fahrt die breite Ringstraße herunter rasten, atmeten nicht nur den üblichen Benzindunst aus, - sondern wirbelten den trocknen Staub zu einer gelblichen Wolke hinter sich auf, - dass man ihn widerwillig auf den Lippen verkosten musste. Überall aber auf den Straßen der hastige, zielbewusste Schritt gesunder Arbeit.
Es war auch die Auskunftszeit der Trinkerfürsorgestelle 1, und lehrreiches Erleben wurde mir in dem schlichten., hellen Arbeitsraum, der so viel Qual, Not und Kummer stumm anhört und in verschwiegene Verwahrung nimmt, Abgearbeitete, vom Leben und der Erfahrung des Alltags müde gehetzte Frauen klopften, eine nach der anderen, bei dem Zimmer der Fürsorge an, um Rat zu suchen, schützende Hilfe zu erbitten. Mit rasch auf das eigentliche Ziel zugehender Art, getragen von warmer Menschenliebe, die sehr wohl herausgefühlt wird, verstand es der Leiter der Trinkerfürsorgestelle 1, Herr Amtsrichter Dr. Rümker, den armen Frauen das abzufragen, was ihrer Seelen Not bedeutete. Mit seinem Verständnis und klar abwägendem Verstand ward hier eine rasche Brücke geschlagen, die bald mit scheuem Mut und schüchternem Vertrauen betreten wurde. Niederdrückend der Jammer, der sich da enthüllte. Ergebene Ruhe aber über all diese Frauen – klagebar ihre Worte, nur schlichte – erbarmungswürdig harte Tatsachen nannten sie in einförmigen Ton. Dann ein Verharren in vertrauendem Schweigen, voll Erwartung, dass ihnen Hilfe kommen müsse von da her, wohin sie gekommen waren. Und sie wird ihnen, soweit menschliches Können reicht. Ihre Männer, geschüttelt von den Gewalten des unmäßig genossenen Alkohols, verlieren das Brot, vertrinken das schwer erworbene Geld der Frauen. Hier vertut im Trunk in kurzen Jahren ein sonst tüchtiger Arbeiter seine Werkstatt. Die Frau sitzt mit einer starken, an Kopfzahl starken Kinderschar da, unter denen die Schwindsucht haust. Dort verleitet der alles Gute erstickende, das Bewusstsein verschleiernde Alkohol einen braven Mann und Vater zu schwerer Körperverletzung. Die einsetzende Reue bei eingetretener Nüchternheit führt zur jachen Verzweiflung - und die Folgeerscheinung ist - weitere Trunkenheit.

Die Mitarbeiter am Werk des Dr. Rümker, die Brüder H. und F. Zeising, besuchen die Trunkkranken, helfen ihnen, durch Beitritt in einen Abstinenz Verein, wieder auf die Füße zu kommen. Pastor Lüder sorgt für frisches Wiederaufrichten, und in unermüdlicher Fürsorge am Werk der Helfenden ist Frau von Nettelbladt. Die Trinkerfürsorgestelle 1 verschafft außerdem den so schwer Belasteten Arbeit, segensreiche, durch Beihilfe des Arbeitsnachweises der Patriotischen Gesellschaft. Die notwendige Hebung der einzelnen Persönlichkeit aber, ihre Erziehung zur leben bringenden Enthaltsamkeit, ist eine Doppelaufgabe, die zur körperlichen und seelischen Heilung der Schäden am Organismus, und durch diese am Geist, gelöst werden muss. Zu diesem Zweck ist eine längere Unterbringung des Kranken in eine Heilanstalt – mindestens auf ein Jahr – dringend geboten. Und zwar in eine Heilanstalt, in der die Persönlichkeit als solche behandelt und begriffen wird, die also nicht allzu groß an Patienten ist, und deren Lebensordnung möglichst wenig von der Lebensweise der Familie abweicht. Dies dringend gebotene Heilmittel versucht die Trinkerfürsorgestelle, wo immer sie kann, anzuwenden.
Nur mangelt auch hier vor allem anderen der nervus rerum – das Geld. Vierhundert Mark Jahrespension für einen Kranken 3. Klasse wollen aufgebracht werden. Die Trinkerfürsorgestelle 1, der zur Ordnung des gewaltig anschwellenden Aktenmaterials ein Beamter der Invalidität zur Verfügung gestellt wurde, hat seit ihrem Bestehen 463 einschlägige Fälle, vom Arbeiter bis in die höheren Stände erlebt, und die Genugtuung, vielfach zur bleibenden Rettung verholfen zu haben.

Niederdrückend wirkt das verheerende, alkoholische Gift in seinen Folgen beim Mann, dem natürlichen, sogenannten Ernährer der Familie, der unter dem Druck dieser Erkrankung aber nur zu ihrem Verzehrer wird. Unendlich schmerzlich aber, geradezu vernichtend, bedrückt die Trunksucht jeden nur halbwegs Denkgewohnten bei derjenigen, die des Volkes Zukunft in ihrem Schoß schützend trägt, bei der Frau. Nirgends wohl ist das oft missbrauchte Wort: unnatürlich besser und bezeichnender am Platze wie hier. Und nirgends sonst spielen seelische Erlebnisse schwerer, eingreifender mit, wie bei einem armen Weibe, das sich, wie ein verirrter Vogel verzweifelt dem Alkohol in die Arme wirft. Auch hier heißt es: heraus aus den gewohnten Verhältnissen der durch Trunksucht Gebundenen, auch hier ist die Rettung allein, ihnen ein Asyl der Enthaltsamkeit zu bieten, sie durch Gewöhnung an eine geregelte Hausordnung, an eine gesunde Arbeitstätigkeit erstarken und genesen zu machen. Selbstredend immer im Verein mit der Entziehung des Alkoholgenusses. Nur wenig ist für die so erkrankten Frauen gesorgt. Eines der bestgeleiteten Heime dieser Art ist das Trinkerinnen-Asyl Siloah, von der St.Anschar-Gemeinde ehemals zu Schwartau bei Lübeck gegründet, nunmehr aber in der immer stolzer anwachsenden Anstaltskolonie auf der freien Anscharhöhe Hamburg-Eppendorf untergebracht, in einem stattlichen, schönen, sonnendurchfluteten Gebäude, dessen Baumittel hauptsächlich durch einen Bazar flüssig gemacht waren. Für wenig mehr als dreißig Pfleglinge bietet der Raum, ausgestattet mit allen zweckdienlichen Einrichtungen der Neuzeit, erwärmt von der nie versagenden Zentralheizung werktätiger Menschenliebe. Unter der Führung der Frau von Nettelbladt und der unermüdlich sorgenden Schwester Agnes, der Oberin der Anstalt, sahen wir diese freundliche Heim- und Schutzstätte vom Erdgeschoss bis zur Dachkammer. Überall Sonne, fröhliche Arbeit, inniges Zusammenwirken. Und in einem Zimmer – im weißlackierten Bettlein – ein Kind von wenig mehr als zehn Monaten, das man der Mutter zu Liebe mit aufnahm. Beredter als dieses Bild konnte keine noch so gewaltige Predigt wirken!

Das Haus bietet Pfleglingen der ersten, zweiten und dritten Klasse bequemen Raum, trennende gesellschaftliche Unterschiede verwischt christliche Liebe. Anregende, musikalische Unterhaltungen, ausgeführt von der rechten Hand der Schwester Agnes – Frau von Wense – versammeln die Anstaltsgenossinnen allsonntäglich, und erheben die Notbedrückten zu den reinen Sphären der Kunst. Allen aber hilft, außer der geübten und erlebten Enthaltsamkeit vom Alkohol, tüchtige Arbeit den Weg zur Genesung zu finden.
Als wir Abschied nahmen, da kam ein schüchternes Wünschen der Schwester Agnes zum Ausdruck, die auch für das leibliche Wohl ihrer großen Kinder besorgt ist: ach, wenn sich doch einer erbarmte, und uns Geld schenken wollte, dass wir bald einen richtige, festen, warmen Hühnerstall bauen könnten! Eier sind so teuer, und wir brauchen so viel! Vielleicht hat ein verfrühter Osterhase ein Einsehen mit den Wünschen der Siloahschwester.
Sonne, flutende Sonne drang wärmend, leben weckend überall in die lichten Räume des friedvollen Frauenheims, schlichte Nächstenliebe aber hütet und bewahrt jene, deren Weg wieder werktätiges Leben sein soll und wird.

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971)  

Sonntag, 15. März 2015

Elinor wohnte in Hamburg


Wie schon in dem Beitrag über einige biographische Hintergründe erwähnt wurde, bekam Elinor von Monsterberg, bedingt durch die unterschiedlichen Dienstorte des Vaters, Einblicke in die unterschiedlichsten Regionen des Landes. So wird z.B. ein Regimentskommandeur von Monsterberg im Zusammenhang mit dem in Stuttgart ansässigen Infanterie Regiment Kaiser Friedrich von Preussen Nr. 125 in der Zeit zwischen 1899 bis 1901 erwähnt. Auch wird ein Otto von Monsterberg dem Infanterie Regiment von Lützow Nr. 25 als zugehörig erwähnt. Und zu guter Letzt findet sich 1868 ein in Breslau, Elinors Geburtsort, wohnhafter Leutnant von Monsterberg a. D.
Die Familie von Monsterberg gehört zum schlesischen Uradel. Die Namensherkunft bezieht sich auf die zwischen Breslau und Glatz gelegene gleichnamige Stadt Monsterberg. Der Namenszusatz Münckenau bezieht sich auf deren ältestes Stammhaus Münkenau, welches im Olauisch-Briegischen liegt.
Die Quelle des Beitrages vom 03. Januar 2015 besagt, das Elinor seit 1905 in Berlin-Charlottenburg lebte. Dennoch schrieb sie, was ich bislang überblicken kann, zumindest in der Zeit um 1910 schon für den Hamburgischen Correspondenten, und dürfte zeitweise auch schon in Hamburg wohnhaft gewesen sein.
Tatsächlich findet sich in den Online einsehbaren Telefonbucheinträgen des Hamburger Staatsarchives in der Zeit von 1916 bis 1943 ein Eintrag von Elinor von Monsterberg und Münkenau.

Telefonbucheintrag von 1916
Elinor zog in eine Wohnung im vierten Stockwerk eines Wohnhauses in der Uhlenhorster Richterstraße 15. 
In der 1863 nach dem Tischlermeister Gustav Reinhold Richter (1817 – 1908) benannten Straße, ließ der Architekt J. D. Fahrenkrug und Söhne in der Zeit um 1915 einen Neubau errichten, welcher über fünf Hausnummern lang war. Fahrenkrug wurde von 1916 bis 1918 als Eigentümer von Richterstraße 9 bis 17 genannt. 1919 firmierte der Gebäudekomplex unter dem Namen Richterburg, unter Verwaltung durch die Grundstücksgesellschaft Richterburg mbH. Ab 1934 wurden die Gebäudeteile der Nummern 15 und 17 aus dem Besitz der Richterburg mbH verkauft an M. A. Fronstey unter Verwaltung der Firma J. L. Völckers und Sohn.

Die Richterburg in der Richterstraße
Interessant ist der Blick in die Nachbarschaft von Elinor, der überwiegend von Kaufleuten und Akademikern geprägt ist. In den vierten Stock des Hauses Nr. 17 zieht 1919 die Schriftstellerin und Journalistin Frieda Radel ein. Die am 10. Mai 1869 in Altona geborene Frieda Anna Susanne Radel arbeitete unter anderem als Schriftleiterin beim Hamburger Fremdenblatt. 
Weiterführende Informationen über Frau Radel finden Sie unter anderem hier.

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, das Elinor und Frieda sich schon in der Zeit zwischen 1916 und 1919 kannten. Immerhin waren sie doch beide für hiesige Zeitungen tätig und vertraten auch in der Frage der Reformbewegung einen verbindenden Standpunkt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass beide zu den Gründungsmitgliedern des Hamburger Zonta Clubs zählen.
1934 bezog der Hamburger Schulsenator a. D. Emil Krause eine Wohnung im dritten Stockwerk der Richterstraße 17. Sicher haben Frieda, Elinor und Emil sich gut verstanden, war doch auch der ehemalige Schulsenator ein Freund der Reformpädagogik wie man hier weiterlesen kann. Dort wird auch die Bombardierung Hamburgs im Juli 1943 erwähnt, und das auch die Richterstraße 17 dabei ausgebombt wird.  Schaut man sich die Adressbücher kurze Zeit nach dem Krieg an, dann sieht man, das z.B. 1950 die Häuser 9 und 17 der Richterburg fehlen. Ein Opfer der Bombardierung. So wird es sicher auch die oberen Stockwerke des Hauses Nr. 15 getroffen haben, jenen Teil in dem Elinor von Monsterberg seit 27 Jahren lebte. Und wahrscheinlich auch starb.

Samstag, 7. Februar 2015

Regentag in Hamburg



29. Januar 1911, Hamburgischer Correspondent
 
Gar sonderbar, wie so mancherlei jetzt auf der alten Mutter Erde, ist auch dieser Winter wieder einmal für uns. Im Januar, wo man sonst gewohnt war, Aucholf, den klirrenden Reifriesen mit seinem grimmig kalten Odem schauernd zu spüren, wechselt dies Jahr das Wetter so rasch seine Stimmungen, wie eine untätige Frau, und wirkt auch genau so unsympathisch wie solch ein unbeschäftigtes Überbleibsel nicht mehr verstandener Zeiten, vergangener Anschauungen es tut unter der abgenutzten Schutzmarke seiner launischen Weiblichkeit. Bewahren kann man sich weder vor dem einen noch dem andern Einfluss, nur sie ertragen mit der tiefen Philosophie der Stoiker.
Südwestwind heißt seinen Regenmantel als Segel auf und scheu und geduckt huschen dunkelschwere Wolken vor ihm her. Die tranken sich satt, draußen, auf offener See, und vermögen in ihren Armen die Fülle der Wasser, die sie schöpfen gingen, kaum mehr zu halten und zu bergen. So sehr bedrängt sie der immer wilder zupackende Sturm, bis sie den Atem verlieren, wie geängstigte Kindlein, und kraftlos zu weinen beginnen, untröstlich, unaufhaltsam.

Dumpf schlagen die Tropfen an die Fensterscheiben, wo sie sich sammeln wie in stillem Abwarten, bis der Sturm kommt und sie mit heiserem Lachen zusammenwirft und sie wandelt zum Ganzen, und nun ein hastender Wasserstrahl erdenwärts vor ihm entweicht. Eintönig klopfen die Wasser in den Dachrinnen, fallen und gleiten, gleiten und fallen. Dicht über den starren Häusermauern huschen die Wolken vorbei, bedrängt von der Not der Stunde. Die alten, mächtigen Bäume, die in Harvestehude und auf der Uhlenhorst unbeirrt die Hochwacht halten, tropfen vor Nässe, und ihre dunkle, rissige Rinde glänzt unter dem Wasserhauch, der sie umhüllt. Schweigend, in düsterem Ernst recken die gewaltigen Eichenstämme auf der Krugkoppel ihre Arme dem rüttelnden Sturm entgegen; in zäher Treue, wie echte Nordlandkinder, halten ihre Astfinger noch hier und dort ein welkes Blatt, das sie nicht lassen wollen, weil es ihnen lieb wurde in der wechselnden Tage Meng, die sie zusammen sahen.

Der Asphalt auf den Straßen dehnt sich aus in blinkender Nässe. In mürrischer Verdrossenheit hasten die Leute aneinander vorüber, als hätte einer den anderen in Verdacht, das tolle Wetter heimlich zusammengebraut zu haben. Die Gummischuhe knirschen dazu voll Vergnügen, weil sie in ihrem Beruf stehen und in ihrem Element wandeln. Auf den gemütlich schmalen Fußsteigen am Neuen Wall und Burstah gibt es Zusammenstöße von Regenschirmen, die mehr oder weniger komplizierte Schirmbrüche und Wutausbrüche zur Folge haben.
Wasserbäche stürzen in eiliger Flucht von den Dächern der Elektrischen, wenn die großen Wagen zu kurzem Verharren gestoppt werden. Zu zischendem Aufspritzen treiben die jagenden Räder der Tram das ruhende Wasser aus dem Hohlraum der blankgefahrenen Schienen und in schwappendem Aufschlagen klatscht es auf die Straßen. Innen aber, in den Elektrischen, herrscht die bekannte Überfülle der Regenzeiten, und zugleich jener üble, unsympathische Dunst nach wollenem Zeug, das schwer wurde von fallender und willig aufgenommener Nässe. Die übrige Atmosphäre aber ist geschwängert von jener bewussten, heimlichen Feindseligkeit, die sofort jedem Einsteigenden entgegenschlägt und dem zu ihm gehörenden wasserspeienden Regenschirm gilt.

Draußen aber umklammert jeden die Nässe mit feuchten Händen und hängt sich an ihn mit eigensinniger Beharrlichkeit. An den Bootspflöcken, die in die Binnenalster gerammt sind, hocken, regelmäßig ausgerichtet, wie es für einen Militärstaat selbstverständlich ist, zahllose Möwen, hängen an den bogigen Ketten, die sich von Pflock zu Pflock ziehen, liegen in ganzen Schwärmen auf den atmenden Wassern und schießen in wildem, aufgeregtem Flug über das Brückengemäuer des Jungfernstiegs, um mit krächzendem Kreischen die silbrigen Fische geschickt aufzufangen, die ihnen zugeworfen werden. Und des Regens neugierige Finger zerren an den gefüllten papierenen Tüten der Fischfrau, die ihre Ware eigens für die Herren Möwen feilhält, bis sich diese Hüllen erweichen lassen und auseinandergehen, ehe ein Schutzmann sie noch dazu aufgefordert hat.

Auf dem Neuen Wall staut sich die Menge, vor der durchdringenden Beharrlichkeit des rieselnden Regens aber entwich in den schützenden Hausflur ein schier unentbehrliches, althamburgisches Wahrzeichen, das man vermisst, wenn es nicht dahockt, und übersieht, wenn es vor der Apotheke sitzt, aufgepludert wie ein frierender Vogel, die filzbeschuhten Füße auf dem Warmbecken, in der Hand die geliebte Kaffeetasse oder einen schwarzen Strumpf, der anscheinend nie fertig wird oder stets wieder Junge bekommt. Knallrot die wetterzerwühlten Backen, die kleinen, klugen Äugelein in aufmerksamer Bewegung, und aus vollem Mund oder glatter und geschränkter Strickmasche klingt der Weckruf: Corrrrrespondent, Mittagsausgabe. Das alte Zeitungsweiblein stößt ihn aus, und sie passt hinein in das heimatliche und eigenartige Bild. Man hat sich an sie gewöhnt wie an die Möwen, die auch plötzlich einmal da waren, unerwartet, und nun das Ganze ergänzen helfen und den Eigenreiz unserer alten, schönen Stadt noch unterstreichen und erhöhen. Wie es die Alte auch tut, auf ihre Weise, die da wirkt wie ein fleischgewordener, verwitterter Erkervorbau, und außerdem noch an sich beweist und illustriert, wie gesund trotz aller verdammenden Urteile das verpönte hamburgische Weltuntergangswetter sein muss.

Pfeifend läuft der Sturm um die Ecken und ärgert sich, dass er auch bei uns auf Überläufer unter der Frauenwelt stößt, die den unschönen Humpelrock tragen und es dem Wind, dem frischen, dadurch unmöglich machen, sich wie sonst in schlagenden Rockfalten zu verfangen und Toiletten auf seine drastische Art umzumodeln. Wütend setzt er mit krallenden Händen ein schlagendes Flaggentuch auseinander und saust mit tollen Sätzen durch die feuchtdunklen, schwermütig stillen Fleete, dass die Möwen aufkreischend vom nassen Laufsteg einer Kohlenschute hochfahren und im unruhigen Flug über den Dächern kreisen.
Der Wind aber hastet voll jagender Ungeduld eine Weile hinter den Angstvoll fliehenden Regenwolken her, holt dann tief Atem und stürzt im Hafen mit gellem Geheul in die aufwirbelnden, tanzenden Wasser. Die vertäut, breitbauchigen Ewer stößt er aneinander, dass ihre Plankenknochen dumpf krachen und es wie ein leises Aufstöhnen herüber klingt, bis zu den Duckdalben, die Arm in Arm dastehen, ihre Füße fest in den Uferboden gerammt und sich leise hin und her wiegen in vereinter, starker Kraft, in trutzigem Beharren. In der Wasser frohes, eiliges Fluten taumeln die Regentropfen in jähem Fall, und springen leicht wieder auf vor heller Freude, dass sie in dem vergehen können, was ihr Werden war. Über des Elbstroms Wellen aber ging ein Zittern. Das war, als der Sturm in rastloser Eile hin und wider lief, achtlos vorbei an den kleinen, wild schaukelnden Barkassen, hinüber zu den schwerfälligen, schmutzigen Kohlendampfern, die er anrempelte wie ein ungezogener Junge, dass sie verschlafen aufmerkten und sich langsam regten. Pfeifend rannte er über Deck und hing sich an die Ketten des Krans, der Kohlenlasten abwärts auslädt, mit einer solch wilden Gewalt, dass die starken Trossen in schwankende Bewegung geraten. Die Kohlen aber, die sonst in stumpfem, totem Schwarz ruhen, flammen in dunklem, geheimnisvollem Glanz, den des Regens feuchtwarme Lebensströme seltsam erweckten.

Rastlos hetzt der Wind und ruhebar hinauf zur Elbhöhe und packt eine Wolke, und schüttender Regen strömt über den steinernen, stillen Recken, der dort Wacht hält über der stärksten und freiesten deutschen Stadt, über dem stolzen, breiten Strom, der Hamburgs Schaffen und stolzen Handel hinaus in die Meere, hinein in alle Teile der Welt tragen darf. Über des Alten granitharte Züge rieseln die Wasser, an sein Gewaffen fassen des Sturmes verwegene Finger. Er aber steht und regt und rührt sich nicht im Sturmeswetter wie auch im Leben. Je schlimmer feindliche Wetter über dem stolzen Gauen Deutschlands einst drohten und tosten, um so gewaltiger trotze die Ruhe des eisernen Kanzlers. Auf hohem Horst ragt jetzt des Recken Rolandsbildnis, granithart, wie deutsches Wollen, unverrücklich wie nordische Treue, wetterstark, wie hanseatischer Arbeitswille.
Vom Elbstrom herauf aber dröhnt im Gleichtakt dumpfes Brausen. Das schuf kein wandernder Sturm, das ist der gewaltige Atem der Arbeit, der unerschöpflichen, die Hamburgs siegreichen, stolzen Weltenhandel beseelt.

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971)  

Dienstag, 6. Januar 2015

In Ohlsdorf


Hamburg, 19. Februar 1911

Regen und eilig zergehender Schnee stritten im hastenden Wirbelkampf um die Vorherrschaft, hartnäckig, voll unermüdlicher zäher Ausdauer. Der still und lauernd bei den Wassern hockende Wind sah dem Getriebe zu, ruhig und reglos, eine lange, lange Weile. Bis er urplötzlich mit einem jachen Satz auffuhr und mit fliegendem Atem den flutenden Regen und dem weichen, gleitenden Schnee immer wilder, immer toller durcheinander hetzte und hin und her trieb. Die hohen stillen Bäume schüttelten sich vor all der unerwarteten Nässe und stießen einander an, ganz erschrocken. Der tobende Geselle war ihnen in die Kronen gefahren und hatte auch sie rasch einmal gepackt und gerüttelt voll überquellender, gewaltiger Kraft.
Die Leute in der Elektrischen, die nach Ohlsdorf fuhren, von Freundespflichten gezwungen, versicherten sich alle gegenseitig in unerschöpflichem Wortschwall, dass dieses Wettertreiben für alles andere besser passe, nur nicht gerade, um nach Ohlsdorf zu müssen. Da sie es alle mit verblüffender Einstimmigkeit behaupteten, so musste es wohl stimmen. Sonderbar. Ich hatte mir just dieses Wetterspiel ausgesucht, um in unsere stille Totenstadt zu fahren, die mir lieb ist bei Sonne und Licht, die ich kenne, ob das Jahr steigt oder fällt, und deren geheimnisvollster Zauber sich enthüllt im Wehen der Wetter, unter schützenden Mantel der Einsamkeit, den Winterweben über sie breitet.

Vor dem Haupteingang das gewohnte Bild. Den düsteren, mächtigen Ton bringt das Leben in die Stätte des Verwandelns. Schwarzgekleidete Menschen drängen sich mit dem anscheinend zu jeder öffentlichen Lebensäußerung gehörenden Stoßen und Puffen aus den elektrischen Bahnen heraus. Vor den kühlen Blumenauslagen stehen mit wartenden, abschätzenden Blicken die Händler, denen das, was welk ward am Baum alles Lebens, und dem jedes Wollen und Wünschen fremd wurde durch des Todes Begreifen, denen all die stillgewordenen Toten zu handelndem Leben verhelfe. Wie in brennroter Scham flammen die runden kleinen Fruchtbeeren aus dunkelgrünen Blattkränzen, und warm und weich drängen sich die silbergrauen Kätzchen dazwischen. Karg sind die Blumen darunter. Nur buntröckige Tulpenstehen wartend, mit geschlossenen Glocken, daneben. Winter auch hier in den Blumenhallen, so weit ab von den Toren der Stadt des Lebens.
Eine kleine Weile, und all die Menschen, deren aufdringliche Allgemeinheit nie platter und abstoßender wirkt, als wenn wir Großem still entgegen gehen, nie peinlicher ist, als wenn wir Nichtzuerschöpfendes unermüdlich durchgrübeln wollen; all jene störend dunklen Menschen waren bald hinein gehastet, dahingegangen wie schwindende Abendschatten in die breiten Hauptstraßen der heut so schweigsamen Stadt unserer Toten.

Hier draußen, wo die Lüfte sich freier regen und ihr Atem kälter ist als zwischen der Häuser schützenden Mauern, hier hatte der Schnee obgesiegt. Die Flocken, die weichen, die großen liefen vor dem Winde her, der sie jagte und griff und auf der Tannen breites tiefhängendes Geäst warf.  Die aber hatten allzu harte Hände. All das weiche, schweigende Leben, das sie überfiel, zerrann und verging auf dem starrenden grünlichen Nadelpanzer.
Von einer der breiten Hauptstraßen aus bog ich rasch hinein in einen stillen, abseits liegenden Knickweg. In dem leichten Auf und Ab des welligen Geländestreifens lagen die rostbraunen welken Buchen- und Erlenblätter, in dichten Schichten eng unter die Bäume gedrückt, die ihnen ihres Lebens Säfte gegeben und sie doch nicht halten konnten, als die Stunde ihres Sterbens gekommen war. Ab und zu regte sich raschelnd ein totes Blatt in falschem Leben. Das war, wenn es getroffen wurde vom Hauch der tiefatmenden Einsamkeit, die in lautlosem Schrecken durch die schweigende Stille glitt. Glänzender Wasserhauch hing sich an die dunklen Stämme der Erlen, die mit ihren Ästen tief herab nach der feuchten Erde griffen, als wollten sie spüren, ob sie noch immer weiter im Traumschlaf läge. Die nassen grauen Schlangenleiber der Blattlosen Buchenstämme wanden sich hoch empor aus dem Gewirr des niederen Gestrüpps, an dem die zu Wasser ausgewandelten Schneeflocken in zitternder Bewegung hingen. Starke Eichen, die sich den Grund und Boden, der sie trägt, erobert zu haben scheinen in trutzigem Reckenkampf, halten in zäher rührender Treue die abgestorbenen Blätter fest, die ihnen im lichten Liebesfrühling erwuchsen, und lassen sie nicht, bis neues Werden und Leben des Ringes Ketten weiter schließt an das Gewesene.

An der Hand der Ruhe tritt das Schweigen aus den Büschen. Hörbar fast legt sich der leichte Schnee auf alle Wege und die stillen Bäume und über all das welke rötlichbraune Laub. Vom Frost gehalten stehen die Teiche still, die Rhododendrenbüsche träumen dunkelschwere Dinge, und nirgends, sichtbar im Bereich des Auges, ein Grab – ein Kreuz – die Wölbung eines stummen Hügels. Da überkommt mich, fühlbar, der innerliche Frost großen Alleinseins.
Und raschen Schrittes eile ich nach den weiten Feldern, wo hundert breite Hügel aufgeworfen, wo aberhundert Kränze dürre Erde decken. Hier gibt es kein Alleinsein. Ein urgewaltiges Reden hebt hier an. Zu stummer Größe wächst, was unscheinbar gewesen. Starke Lebendigkeit steigt aus der Gräber Tiefen. Und schattenhaft umdrängen all die Hügel die unerfüllten Wünsche jener Toten. Behutsam rückt der Wind hier und da an einer verwaschenen Kranzschleife, zupft ein welkes Blatt aus einem Gräberstrauß und treibt es abseits.
Des Vergehens ewige Fragezeichen bedrängen meines Geistes erdgebundene Kräfte. Ist dieser Tod das Ende aller Dinge? Wo wir auch Umschau halten mögen auf dem Erdball, sei es selbst bei den geringsten Lebewesen, den für uns unscheinbarsten aller Dinge, finden wir immer und immer einen bestimmten, scharf umrissenen Zweck. Nichts gibt es, das zwecklos wäre, denn das ginge wider die Natur. Der Mensch selbst ist also der lebende Beweis für das künftige veränderte Fortleben seiner Seele und Geisteskräfte. Des Fleisches Endzweck ist: völliger Tod, denn das Alter, die Not der Krankheit lässt es zusammensinken. Über sein Reifen hinaus gibt es für den Körper keine Entwicklung mehr. Das andere aber, was in den Menschen gelegt wurde, die Fähigkeiten seines Geistes und seiner Seele, was in ihm ruht, arbeitet und ringt, was sich betätigt in selbständigem, ja selbstschöpferischem Handeln und Schaffen: um dies alles zu vollkommener Reife und Vollendung kommen zu lassen, reicht solch kurzes Erdenleben nicht aus. Somit wären alle diese Kräfte der Zwecklosigkeit unterworfen, die die Natur, die Schöpfung nicht kennt, wenn der Tod des Körpers uns nicht zu einem anderen Leben verhelfen würde. So gewiss der Zweck aller in uns gelegter Geisteskräfte, der uns in kleinem oder großem Maße gegebenen Anlagen immer nur der ist und sein kann: uns zu vollkommener Vollendung zu entwickeln: ebenso gewiss können wir diese nur erreichen in einem anderen, gänzlich anderen „Leben“. Unsere geistige Persönlichkeit und unsere Seele, sie leben fort, müssen fortleben, um den von der Natur gewollten Zweck zu erfüllen. Der Natur, die nichts halb zu tun pflegt und deren Zielpunkt von Urbeginn her das Vollbringen ist.

Die Art jenes anderen Lebens freilich vermögen wir nur zu ahnen in jenen lichten Augenblicken, die jedem einmal kommen unter uns. Jedem. Stark, überwältigend, oder ganz matt, unsicher, verwischt, zweifelsschwer. Immer aber macht sich dabei ein starkes Widerstreben bemerkbar, ein stoffliches, das Widerstreben des Körpers, der unwillkürlich auch hier nur seinem irdischen Endziel zuneigt, und über den Geist, der berufen ist, Welten zu durchmessen, Beschränkung, Erdenschwere auftürmt.
Ich wende mich und wandere, und stehe vor einer Reihe Gräber verstummter Kinder. So grenzenlos Grausam erscheint die Hand, die ihnen ans Herz rührte, dass es stillstehen musste, und sie aus dem Licht in unfassliches Dunkel trieb. In die Finsternis, die sie hier oben doch immer doppelt fürchteten, wenn sie ganz allein waren, und aus der ihnen jetzt keine sorgende Mutterhand mehr heraushelfen kann. Die Weiden und grünen Lebensbäume, die hier und da Wache halten, haben ihre Astarme still niedersinken lassen, wie in tiefer Mutlosigkeit. Über die Wetterseite ihrer rissigen Stämme zogen sie einen dichten Mantel von feinem Moos, das in solch köstlichem, giftgrünem Ton leuchtet, wie die Kupferpatina unserer Kirchturmspitzen.

Weiter zog es mich, hinüber zu Ohlsdorfs schönster Stätte, zu den verschwiegenen, abseits träumenden Waldgräbern. Hochgereckte Tannen umhegen diese Stillen. Tief bis zur Erde wallt die grüne Schleppe ihres Nadelkleides und deckt mit wärmendem Schutz die winterliche Erde über ihren Wurzeln. Unaussprechlich tiefe Ruhe über allem. Der Wind selbst mag nicht über die Waldwege streichen. Er biegt nur in wissbegieriger Eile die Zweige der hohen Tannenwipfel auseinander. Man hört ihn vorüberhasten, hoch oben von Baum zu Baum. Über den Gräbern aber ist Stille. Unbeirrt vom zerrenden Lufthauch rieseln die weißen Flocken in schier unerschöpflichem Abwärtsgleiten erdenwärts, wie angezogen von unerforschten Gewalten, gleich den Menschen rings auf dem Erdball, die in unaufhörlichem sterbendem Verwandeln abwärts sinken in die Tiefen der Mutter Erde.
Da reckt es sich ragend vor mir auf, wie eine hochtürmende Felswand, umdrängt von Tannen, überwuchert von Moos und Efeu: ein mächtiger Findling, der Stamm keusch versteckt unter den Armen des breitblättrigen Eppichs, darunter der Schweigsame Hügel. Mit klappendem Flügel streicht ein dunkler Vogel rasch und unerkannt durch das Geäst. Hoch oben, im winterfahlen Licht des Tages, jagen graue, schwere Schneewolken hastig vorüber. Unwillkürlich recke ich meine Arme aus in strotzendem Kraftgefühl. Die ganze, geheimnisvolle Schönheit rings um mich möchte ich freudig, andächtig umfassen. Wie eine Art sonderbaren Neids kommt es über mich auf den stillen Kameraden, der da neben mir in gesicherter Tiefe lautlos schlummert, den Ruhigen, der sich einen verborgenen Platz aussuchen konnte, um sich in keuscher Andacht den ewigen Gesetzen zu ergeben, und so köstlich umfasst wird von dem, in dem er verwandelt aufgehen muss. Mit dem Atemzug jeder Stunde, der seinen Hügel streift, dringt er geheimnisvoller, erschöpfender in das tiefe Weben um ihn ein, wird er stärker teilhaftig der wundersamen Schönheit über ihm. Gehalten ist sein Auge nimmermehr. Groß machte es ihm und erkenntnisreif seine große Stunde. Und die atemberaubende Dunkelheit, die ihn überfiel, löste ihm die unentwirrbaren Schatten des Daseins, und er verstand und durchmaß von da an das Unergründlich scheinende. Eine große, schweigsame Freude überflutet mich, dass so Erhabenes auch meiner wartet, so kostbar Unüberkommens auf jenem Weg, der keine Umkehr kennt, auch meine Seele einmal durchhauchen wird.

Feuchter Moderduft stiehlt sich hervor unter den hängenden Tannenzweigen, den wasserschweren Kränzen, und des Tages Licht will sich neigen. Urmutter Zeit, aus deren Schoß Erfüllung uns entsprang, wandelt mit weichem Schreiten über die Gräber fort, hinein ins Leben. In stillem Schauen zieh´ ich meine Straße, ganz dicht vorüber an den dunklen Tannen. Schneefeuchte Zweige streifen mein Gesicht. Ich empfinde sie nur wie die Berührung einer gütigen Mutterhand.
Immer weiter zurück tritt der sonderbar große Friede der stillen Totenstadt. Des Alltags lauter Atem wird vernehmbar. Hart rollen Wagen auf dem Straßenpflaster, und das scharfe Läuten der Elektrischen zerreißt des Schweigens Traumnetz. Doch ein verschwiegenes Wissen nehme ich mit mir, und mit verhaltner, tiefer Freude seh´ ich suchend vorwärts: wann es wohl auch zu mir niedersteigen will, was ich da draußen erkannte, das sonderbar Wundersame, Herbsüße der großen Verwandlung.

(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12971)